Deutsche Bahn

In Reichsbahn-Waggons zum Airport

Wenn am 3. Juni der neue Hauptstadtairport BER in Schönefeld eröffnet, wird er der modernste Verkehrsflughafen Europas sein. Im unterirdischen Terminalbahnhof allerdings werden Züge einfahren, die noch aus der DDR stammen.

Weil die modernen Triebzüge vom Typ "Talent 2" erst im Laufe des Jahres komplett ausgeliefert werden, setzt die Deutsche Bahn (DB) auf zwei von vier Regionallinien zum Flughafen weiter Loks und Doppelstockwagen aus Reichsbahnzeiten ein. Sie waren eigentlich schon für die Schrottpresse bestimmt, wurden wegen des Fahrzeugmangels aber noch einmal aufgearbeitet. Das hat Joachim Trettin, Regionalchef Nordost der Bahntochter DB Regio, am Freitag bestätigt.

Probleme mit der Zulassung

34 Talent-2-Züge des Herstellers Bombardier sollten schon seit Dezember in Berlin und Brandenburg unterwegs sein. Insgesamt sind für die Region 48 der modernen Triebfahrzeuge bestellt. Bis heute fährt kein einziges davon. Mehrere technische Probleme hatten zu erheblichen Verzögerungen bei der Zulassung der diversen Modellvarianten geführt. Bombardier-Deutschlandchef Klaus Baur begründete die Verspätung mit der "Komplexität des Auftrags". Im Ergebnis stehen etwa 100 fertig produzierte Züge seit bis zu zwei Jahren auf dem Abstellgleis. Erst jetzt gehen nach und nach die ersten in Betrieb. 2013 sollen die bundesweit bestellten 297 Züge - Auftragsvolumen 1,2 Milliarden Euro - fertig sein.

Im November hat das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) die Betriebsgenehmigung für eine vierteilige Talent-Variante, eingesetzt im Raum Nürnberg, erteilt. 26 Talent-Züge fahren dort inzwischen, wenn auch aktuell noch mit kleineren Softwareproblemen. Bundesweit sollten es in dieser Woche aber bereits 163 sein. Die Bahn muss fast ihre gesamte Fahrzeugreserve einsetzen, um die Lücken zu füllen. Oder - wie in der Hauptstadtregion - sogar Oldtimer aus DDR-Produktion für viel Geld aufhübschen. Der Schaden ist enorm. Schon jetzt habe das Ersatzkonzept allein in Berlin und Brandenburg einen zweistelligen Millionenbetrag verschlungen, sagte Kay Euler, Vorstand Produktion bei DB Regio, am Freitag. "Jeder weitere Monat dreht die Kostenschraube nach oben."

Für die drei- und fünfteiligen Züge, wie sie in Berlin und Brandenburg fahren sollen, fehlt die EBA-Freigabe immer noch. Inzwischen gibt sich Bombardier aber zuversichtlich. "Wir gehen davon aus, dass wir im März die Zulassung bekommen", sagte Deutschlandchef Baur. Bis Oktober könnten die Züge für Berlin und Brandenburg ausgeliefert werden. "Das muss klappen, die ganze Planung ist darauf ausgerichtet." Ein EBA-Sprecher bestätigte, dass eine Zulassung im März möglich sei, sofern Bombardier die nötigen Sicherheitsnachweise fristgemäß einreiche.

Zur BER-Eröffnung im Juni würden damit aber in keinem Fall genug Talent-Triebwagen für alle Airportlinien zur Verfügung stehen. Nach derzeitiger Planung der Bahn sollen die fünfteiligen Züge als Airport-Express vom Berliner Hauptbahnhof auf der Linie RE 9 nach Schönefeld fahren. Als Sonderausstattung gibt es dort unter anderem Monitore mit An- und Abflugsinformationen und Ledersessel in der ersten Klasse. Dreiteilige Talentfahrzeuge sind für die Linie RB 22 aus Richtung Potsdam und Golm vorgesehen. Wer über die östliche Schienenanbindung mit den Regionallinien RE 7 (Dessau-Wünsdorf Waldstadt) oder RB 14 (Nauen-Senftenberg) zum Flughafen fährt, muss hingegen noch monatelang die DDR-Doppelstockwagen nutzen. Zwölf Reichsbahnwagen müssen für den Flughafenverkehr noch eigens umgerüstet werden. Eingebaut wird eine sogenannte "Notbremsüberbrückung". Mit ihr kann der Lokführer bei gezogener Notbremse noch bis zum Bahnhof weiterfahren. Ohne diese Technik dürfen die Wagen nicht durch den Tunnel zum Terminal-Bahnhof fahren.

Die ersten Talent-Züge für die Region sollen nach derzeitigen Planungen im April ausgeliefert werden, weitere sollen im Mai folgen. Das wäre gerade noch rechtzeitig. Die Bahn will - um peinliche Pannen zur BER-Eröffnung auszuschließen - einen Monat vor dem 3. Juni mit Probefahrten beginnen. Die Lokführer werden schon jetzt auf den neuen Fahrzeugtyp geschult. Was passiert, wenn sich die Lieferung, trotz aller Zuversicht, noch einmal verzögern sollte, darauf hat DB-Regio-Vorstand Euler noch keine konkrete Antwort. "Ein Ersatzkonzept für diesen Fall haben wir im Detail nicht." Die Fahrgäste könnten sich aber darauf verlassen, dass die Bahn alles tun werde, um auch dann "einen vernünftigen Verkehr" anzubieten.

"Wir gehen davon aus, dass wir im März die Zulassung vom Eisenbahn-Bundesamt bekommen"

Klaus Baur, Vorstand der Geschäftsführung Bombardier Transportation Deutschland