Orgelbau

Der Mann für den perfekten Klang

Die Einsamkeit großer Hallenkirchen prägt seinen Arbeitsplatz. In Gotteshäusern und Konzertsälen verbringt Matthias Ullmann viele Wochen im Jahr: Der Mann aus Frankfurt (Oder) stimmt Orgeln, gibt ihnen ihren individuellen Klang.

"Jede Pfeife muss so klingen wie die Nachbarin rechts und links neben ihr", sagt der gelernte Orgelbauer. Trotz meist kalter Kirchen und Säle spricht er von schweißtreibender Arbeit: "Die Pfeifen sind bis zu acht Meter lang, müssen ein- und ausgebaut werden."

Ullmann versucht, den Instrumenten den im 19. Jahrhundert üblichen Klang zu geben. "Der ist samtig, warm, grundtönig", sagt er. Damit eine Orgel so klingt, bearbeitet er die Pfeifen, drosselt oder verstärkt die Luftzufuhr. Er benutzt robuste Werkzeuge wie Feilen, Hobel und Stecheisen, aber auch filigrane, die eher Zahnärzte nutzen. Der 53-Jährige intoniert nicht nur neue Orgeln, sondern arbeitet auch am Klang alter Orgeln.

Einen guten Klang vergleicht Ullmann mit einem Rotwein, der gut auf der Zunge liegt. "Die meisten Menschen mögen das", sagt er. Die Zuhörer sollten eine gut klingende Orgel hören und nicht vor der Musik zurückschrecken. "Mir ist wichtig, dass sie freiwillig auf der Bank sitzen bleiben und zuhören."

Ullmann selbst spielt mehrere Instrumente und kann sich bei seiner Arbeit auf ein absolutes Gehör verlassen, das ihm Musiklehrer früh bescheinigten. Das Stimmen der Pfeifen ist ein technischer Vorgang und messbar, die Pfeife muss den richtigen Ton treffen. Dass dieser dann auch noch gut klingt, ist Sache von Intonateuren. Ein Intonateur schneidet die Pfeife auf wie bei einer Blockflöte, damit jede Pfeife besonders klingt, erläutert Martin Ludwig, seit etwa 25 Jahren Orgelsachverständiger im Erzbistum Berlin.

Arbeitsreisen durch Europa

Bis zu 1500 Pfeifen nimmt ein Intonateur in die Hand. "Er muss ein gutes Mischungsverhältnis des ,Orgel-Orchesters' herstellen", sagt Ludwig. Das gelte nicht nur für neue Orgeln, sondern auch für Instrumente, die restauriert oder gereinigt wurden. "Die feinen Öffnungen setzen sich mit Staub zu, und schon klingt das Instrument anders." Die Intonation benötigt etwa doppelt so viel Zeit wie der Aufbau einer neuen Orgel. "Erst nach dem Aufbau beginnt die musikalische Arbeit", so der Orgelsachverständige.

Seine Arbeit führte Matthias Ullmann quer durch Europa. Vor Weihnachten kam er aus Russland zurück. "Drei Viertel des Jahres bin ich unterwegs, den Rest zu Hause", berichtet er. Seit 1990 ist er freischaffend tätig. Im Urlaub ins Ausland? Diese Frage stellt sich ihm nicht. "Ich verbringe meinen Urlaub zu Hause."

Schon als Kind kam Ullmann mit Kirchenmusik in Berührung. Er lernte zunächst Fernmeldemechaniker; später Orgelbauer in der Frankfurter Orgelwerkstatt Sauer. "Werden Orgeln neu gebaut, ist die Intonation einer Orgel immer der abschließende Arbeitsschritt", erläutert Thomas Lang, Orgelbaumeister in der W. Sauer Orgelbau GmbH. "Das gesamte Instrument muss in eine vernünftige Stimmung gebracht werden."

Orgelbauer spezialisierten sich über die Zeit, arbeiteten mit Holz, Metall oder dem Klang des Instruments. "Das ist eine Sache, die über die Jahre wächst", sagt Lang.

Ein Konzert, Beifall, ein Abschied

Matthias Ullmann ist in der Handwerkskammer Frankfurt (Oder) - Region Ostbrandenburg eingetragen und gehört zur Gilde von insgesamt sechs registrierten Klavierstimmern. "Klavierstimmer ist ein seltener Beruf", sagt Fred Winter, Sprecher der Handwerkskammer. Deshalb wirbt der Bundesinnungsverband für das Musikinstrumentenhandwerk in Düsseldorf zurzeit um Nachwuchs.

Der Intonation einer neuen Orgel folgt deren Weihe, ein Konzert, Beifall, vielleicht noch ein Empfang. Danach ist für Matthias Ullmann die mehrwöchige Arbeit vorbei. Die Zeit bis zum nächsten Auftrag fängt er mit Sport auf, trifft seine Tochter mit Enkelkind, genießt die Ruhe, hört Musik. "Am liebsten leisen Jazz." Den Heiligen Abend verbringt Ullmann wie seit Jahren: Er spielt in der Frankfurter Georgenkirche die Orgel. "Musik ist mein Leben", sagt er leise.