Polen

Angst vor Atomkraftwerken an der Grenze

Das Atomkraftwerk im polnischen Gryfino steht längst noch nicht, aber Volker Schmidt Roy hat schon jetzt Angst vor einem Super-Gau. "Gryfinobyl" heißt sein Schreckensszenario - in Anspielung auf die Atomkatastrophe in Tschernobyl im Jahr 1986. Mit ernster Miene rollt der Gartenlandschaftsbauer ein großes Transparent aus, das in den Nuklearfarben Schwarz und Gelb vor "Gryfinobyl" warnt. Auch das mögliche Datum des atomaren Unglücks ist vermerkt: 26. April 2020.

Polen will in die Kernenergie einsteigen, trotz Tschernobyl und trotz Fukushima. Während Deutschland in diesem Jahr den Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen hat, plant das Nachbarland den Bau zweier Meiler, einer soll bis 2020 stehen. Als mögliche Standorte prüft Warschau auch solche in unmittelbarer Nähe zu Deutschland. Für Schmidt Roy wäre der "Worst Case" ein Meiler in Gryfino an der Oder. Der 42-Jährige wohnt mit seiner Frau und den beiden Kindern genau gegenüber, am anderen Ufer des Stromes: in Mescherin in der Uckermark. Die beiden Orte haben sogar einen gemeinsamen Grenzübergang.

Kundgebungen organisiert

"Atomare Strahlung macht leider an keiner Grenze halt", sagt Schmidt Roy. Seit der Abwicklung der DDR-Kernkraftwerke in Greifswald und Rheinsberg dachte er eigentlich, dass das Thema Atomenergie vorbei ist. Nun bekämpft der Familienvater die polnischen Atompläne, zusammen mit anderen Bürgern in der platten, dünn besiedelten Region. "Atomkraftfrei leben in der Uckermark" heißt ihre Initiative, die Kundgebungen und Info-Veranstaltungen organisiert und mit böse prophezeienden Transparenten auf ihre Sache aufmerksam macht. Manchmal ist man an das Wendland in Niedersachsen erinnert, wo das atomare Endlager Gorleben liegt - und die Wiege des westdeutschen Protests gegen die Kernenergie.

In Ostdeutschland erreicht der Widerstand in diesen Tagen seinen ersten Höhepunkt. Bis zum 4. Januar können Bürger gegen das Atomprogramm Stellungnahmen beim polnischen Wirtschaftsministerium einreichen. Allein in der Region Berlin-Brandenburg haben Bürger- und Umweltinitiativen mehr als 10 000 Unterschriften gegen die Pläne der Regierung in Warschau gesammelt. Die Initiative "Atomkraftfrei leben in der Uckermark" will ihre ersten knapp 7000 Briefe am Freitag in die polnische Hauptstadt schicken, wie Volker Schmidt Roy sagt.

Der Brandenburger Landtag lehnte bereits im November Warschaus Atompläne mit großer Mehrheit ab. Auch die rot-rote Landesregierung ist gegen das Vorhaben. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) sprach das sensible Thema bei Aufenthalten im Nachbarland an. "Da können wir uns durchaus nicht beschweren", sagt Aktivist Schmidt Roy. "Spannend wird nun, wie sich die Bundesregierung positioniert." Auch sie habe dafür bis zum 4. Januar Zeit. Es werde eine Stellungnahme geben, kündigt eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums an. Zum Inhalt will sie sich nicht äußern.