Oderbruch

Der Kampf um ein neues Zuhause

Anja ist ein aufgewecktes Mädchen mit einer Vorliebe fürs Singen und für Ziegen. Die Elfjährige geht auf die Grundschule Letschin, hat zwei Geschwister und lebt mit ihrer Familie in Klein Neuendorf im Oderbruch. Das allerdings erst seit fünf Jahren. Denn eigentlich stammt Anja aus Polen, aus einem kleinen Ort zwischen Krakau und Warschau. "Dort hatten wir ein tolles Haus, zwei Hunde, ein großes Feld, und die Oma wohnte nebenan", erinnert sich das Mädchen.

Ihr neues Zuhause im denkmalgeschützten 50-Seelen-Örtchen Klein Neuendorf ist nicht so schön, vielmehr ziemlich heruntergekommen - mit morschen Balken, grauer Fassade, windschiefen Wänden. Dass das 1799 mit der Gründung des Ortes erbaute Fachwerkhäuschen überhaupt noch steht, ist Anjas Vater Piotr Kalwa zu verdanken. Der 38 Jahre alte Handwerker bemüht sich seit fünf Jahren darum, die einstige Ruine ohne Fenster, Türen und Dach wieder zu einem wohnlichen Domizil zu machen. Unter mancherlei Entbehrungen, wie auch Anja weiß. "Anfangs haben wir auf Styroporplatten geschlafen, alle in einem Zimmer", sagt die Elfjährige lachend. Und unter den Argusaugen des Denkmalschutzes, wie Kalwa berichtet.

"Wärmedämmung kann ich nur im Haus an die Wände bringen. Außen muss die Fachwerk-Fassade sichtbar bleiben", nennt er ein Beispiel für die strengen Auflagen, die ihn manchmal kurzzeitig zur Verzweiflung bringen.

Auch an seiner Partnerin Dorota Szuber nagen, wenn der Dreck auf der ewigen Baustelle überhand nimmt, Zweifel wegen ihrer Entscheidung für das Haus. Als sie die Ruine vor fünf Jahren erstmals sah, stand für die heute 35-Jährige allerdings schnell fest: "Das ist es. Warum, kann ich nicht sagen, aber solche Häuser haben einen Geist", meint sie, inzwischen froh, bereits drei Zimmer bewohnbar bekommen zu haben.

Schock nach drei Monaten

Die Familie hatte sich 2006 aus Polen aufgemacht nach Deutschland, um endlich wieder zusammenzuleben. "Wir haben uns in unserem Heimatort als Kinder kennengelernt. Inzwischen hatte ich selbst einen Jungen und zwei Mädchen bekommen. Piotr arbeitete aber seit dem EU-Beitritt Polens schon in Deutschland", erzählt Dorota Szuber. In Neuhardenberg hatte Kalwa Arbeit und Wohnung gefunden. Drei Monate nach der Ankunft der Familie war die deutsche Firma plötzlich pleite. Zurück in die alte Heimat wollte der polnische Fliesenleger mit Frau und Kindern nun nicht mehr.

Er suchte eine dauerhafte Bleibe in Grenznähe und fand das Häuschen in Klein Neuendorf, das man getrost hätte als Bruchbude bezeichnen können.

10 000 Euro wollte der benachbarte Ökobauer für das 2000 Quadratmeter große Grundstück haben, der klägliche Rest von Haus kostete nichts.

Kalwa und Szuber kauften und bauten. Nach anfänglicher Skepsis - "die spinnen, die Polen" - fanden sie viel Hilfe und Unterstützung bei Nachbarn und der Gemeinde. Der Anfang war schwer, nicht nur aufgrund der widrigen Wohnumstände, wie auch Anja zugibt. "Wir konnten kein Deutsch, wurden in der Schule beschimpft, weil wir Polen waren", erinnert sie sich. Besonders ihr Bruder Ernest hatte zu leiden, brauchte aufgrund der Anfeindungen sogar psychologische Betreuung.

Seine Mutter kämpfte für ihn wie eine Löwin, war in der Woche mehrfach in der Schule, verschaffte sich Respekt und erbost sich noch heute angesichts der erlebten Intoleranz. "Wo jemand herkommt, ist doch völlig egal. Wichtig ist doch der Mensch selbst, seine Persönlichkeit." Inzwischen ist Ernest einer der besten Schüler seiner Klasse, wird vom nächsten Schuljahr an aufs Gymnasium gehen. So wie er sprechen auch seine beiden Schwestern akzentfreies Deutsch, haben Freunde gefunden.

Doch die Sehnsucht nach der Heimat ist den Kindern mehr anzumerken als den Erwachsenen. "Ich würde dort schon ab und zu mal nach dem Rechten schauen", formuliert es Anja noch recht diplomatisch.

Ihre Geschwister sind dieser Hinsicht drastischer, bezeichnen Klein Neuendorf als langweilig, vermissen gute Freunde und würden gern nach Polen zurückkehren. Die Eltern sehen das anders, fühlen sich integriert, sind beide in der Freiwilligen Feuerwehr des Ortes. Dorota Szuber arbeitet als Aushilfe im Kindergarten. Die 35 Jahre alte dreifache Mutter will sich im nächsten Jahr einen Traum erfüllen und eine Ausbildung zur Erzieherin machen. "Die meisten früheren Bekannten in Polen denken, wir schwimmen im Geld - nur weil wir jetzt in Deutschland leben."

Fünf weitere Jahre Arbeit

"Hier in Deutschland muss man richtig schwer arbeiten, um nach oben zu kommen. Erst recht mit drei Kindern", ergänzt Familienvater Kalwa. Da Piotr am Haus fast alles allein macht und zudem noch seinem Beruf nachgeht, geht es mit der Sanierung nur langsam voran.

Dann ging das Familienauto kaputt, und die kostspielige Reparatur war wichtiger als Decke und Fußboden im Wohnzimmer. Ohne Auto ist Vater Piotr als selbstständiger Fliesenleger aufgeschmissen. Fünf weitere Jahre, so schätzt er, wird er mit der Renovierung noch zu tun haben.

Das Weihnachtsfest wird dort stattfinden, wo Sohn Ernest lebt: In einem Raum, der gleichzeitig die winzige Küche beherbergt. "Das ist egal, Hauptsache, wir sind gesund und zusammen", sagt Dorota Szuber, die sich auf ihr eigenes Atelier freut. Sie malt und zeichnet, ihre Werke hat Kalwa stolz im Hausflur aufgehängt.

Trotz der vielen Provisorien seien Gäste stets willkommen, sagt die Hausherrin und beobachtet lächelnd, wie ihre Jüngste, Pauline (9) und Schwester Anja mit einer Freundin durch den Flur toben.

"Wo jemand herkommt, ist doch völlig egal. Wichtig ist doch der Mensch selbst, seine Persönlichkeit"

Dorota Szuber, Mutter von drei Kindern