Jungunternehmer

Hohe Mieten bremsen Potsdams Gründer

Gut zwei Jahre ist es her, dass sich Patrick Großmann einen lang gehegten Traum erfüllt hat. Mit seiner Frau Delia eröffnete er ein Fachgeschäft für Espresso und Espresso-Maschinen. In bester Potsdamer Innenstadtlage, an der Gutenbergstraße. Mit seinen "Espressionisten" ist der 41-Jährige heute einer von rund 12 600 Unternehmern in der brandenburgischen Landeshauptstadt - einem Standort, den die städtischen Wirtschaftsförderer als ideales Pflaster für den Start ins Unternehmertum anpreisen.

Dennoch liegt die Selbstständigenquote der Landeshauptstadt mit 11,7 Prozent unter dem Landesdurchschnitt von 12,3 Prozent.

Es war ein Novembertag des Jahres 2009. Direkt nach dem Start in die Selbstständigkeit sei er euphorisch gewesen, voller Tatendrang, erzählt Patrick Großmann. Doch dann kam der trübe Herbst, der die Potsdamer Straßen wie leergefegt wirken ließ. Als dann auch noch ein Baugerüst vor dem Haus aufgestellt wurde, in dem sich die Großmanns gerade ihre neue Existenz aufgebaut hatten, standen sie kurz vor der Verzweiflung.

Durststrecken überstehen

Wenn Potsdamer im Laden vorbeischauten und Patrick Großmann fragten, "Kaffeemaschinen in Potsdam - und ditt jeht?", habe ihm mehr als einmal die Antwort auf der Zunge gelegen: "Jetzt gerade nicht. Das sehen Sie doch." Inzwischen sind der Kummer und die Sorgen von damals vergessen. Und doch hat die Erfahrung, eine Durststrecke mit der nötigen Gelassenheit überstehen zu können, den Geschäftsmann Patrick Großmann geprägt. "Nur nicht in Panik verfallen", sagt er.

Ein Ratschlag, den er auch künftigen Unternehmern gibt. Bei Gründertreffen, wie sie die Potsdamer Wirtschaftsförderung regelmäßig ausrichtet, schildert er gern seine Erfahrungen. Beispielsweise bei der Suche nach einer Bank, die ihm einen Kredit für sein Vorhaben gewähren könnte. "Wir haben da eine ziemliche Odyssee hinter uns gebracht", erinnert er sich. Dabei war auch eine Bank, deren Vertreter im dritten Gespräch mit Großmann immer noch meinte, dieser wolle ein Bistro eröffnen. "Gleichwohl hatte man uns aber schon gebeten, erst einmal ein Geschäftskonto zu eröffnen." Vielleicht sei es für ihn besonders schwierig gewesen, an Geld zu kommen, weil er nicht aus der Branche komme, mutmaßt Großmann, der vor dem Schritt ins Unternehmertum zehn Jahre lang als Musikjournalist arbeitete. Letztlich hatte er das Ladenlokal schon gemietet und Handwerker längst bestellt, als endlich Geld floss.

Dabei hatte Großmann das Projekt Selbstständigkeit nicht unvorbereitet gestartet. Über den Gründerservice, den die Wirtschaftsförderung in Potsdam vor vier Jahren gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer sowie der Handwerkskammer ins Leben gerufen hatte, ließ er sich bei seinem Vorhaben begleiten. Ein Angebot, das Gründer unbedingt nutzen sollten, sagt er rückblickend. "Man muss doch erst einmal lernen, ob man mit Zahlen umgehen kann. Und ob es einem Freude macht, eine Liquiditätsplanung zu erstellen." Nicht nur beim Erstellen des Businessplans holte sich der 41-Jährige Rat. "Beim Coaching haben mir die Gründerförderer auch dringend empfohlen, einen Ausschank in meinen Laden zu integrieren. Und heute habe ich schon wer weiß wie viele Espressomaschinen verkauft an Leute, die nur mal kurz einen Kaffee bei mir trinken wollten."

Potsdam kann eine positive Wirtschafts-Bilanz aufweisen: "In den vergangenen Jahren ist der Gewerbebestand immer weiter angewachsen - auch in der Krise", sagt Uta Meng vom Wirtschaftsservice der Landeshauptstadt. Von 11 963 Firmen im Jahr 2008 auf 12 175 im Jahr 2009 und auf 12 531 im vergangenen Jahr. Zahlreiche der Selbstständigen, die in Potsdam an den Start gegangen sind, haben zuvor bei der Wirtschaftsförderung angeklopft. "Allein 2010 hatten wir 2500 Anfragen", sagt Meng. Der Informations- und Beratungsbedarf bei Gründern sei groß. "Dabei geht es auch darum, sich klarzumachen, dass es als Unternehmer mit dem geregelten Acht-Stunden-Tag vorbei ist", sagt Patrick Großmann. Auch für ihn ist Urlaub nahezu ein Fremdwort geworden. "Denn ein gutes Unternehmen steht und fällt mit dem, der es führt." Sogar das eigene Ferienhäuschen in Italien hat Großmann seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. "Inzwischen gönnen wir uns wenigstens mal ein Wellness-Wochenende", sagt er - und macht dabei einen zufriedenen Eindruck.

Wichtig sei nur, einen Ausgleich zum oftmals anstrengenden Zwölf-Stunden-Tag zu haben, sagt auch Frank Krzeslack, der sich ebenfalls 2009 mit seiner Frau selbstständig gemacht hat. Nur einen Steinwurf von den "Espressionisten" entfernt, betreibt er in der Brandenburger Straße das "Herrenzimmer". Obwohl er aus der Textilbranche kommt, war für ihn das eigene Herrenmodegeschäft ein Sprung ins kalte Wasser. Denn als das Geschäft, in dem seine Frau Bianca und er angestellt waren, in die Insolvenz ging, war eine schnelle Entscheidung gefragt. Aus der Arbeitslosigkeit heraus machten sich die Krzeslacks selbstständig. "Ich würde wieder gründen, aber vielleicht eine halbe Minute länger nachdenken", sagt Krzeslack heute. Wer Mode einkaufe, die beim Kunden nicht ankomme, könne ziemlich bald vor den Trümmern seiner Existenz stehen.

Hohe Gewerbemieten

Sorge bereitet ihm die Mietpreisentwicklung in der Potsdamer Innenstadt. "Gewerbemieten bis zu 80 Euro pro Quadratmeter können sich nur noch Konzerne leisten. Dann verschwinden auf Dauer die kleinen Mittelständler", befürchtet er. Schon heute gebe es Leerstand. "Wird das noch mehr, fahren die Kunden womöglich gleich zum Einkaufen nach Berlin." Dabei seien es bislang doch gerade die "Randberliner, die zum Flanieren in die Innenstadt mit ihren schönen Nebenstraßen kommen und Potsdam stark machen", fügt Patrick Großmann hinzu.