Neues Palais

"Das größte Kunstwerk"

Oben hui, unten pfui. So könnte Hartmut Dorgerloh, Geschäftsführer der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG), den aktuellen Zustand des Marmorbodens im Festsaal im Neuen Palais in Potsdam kurz zusammenfassen.

Nur, dass es sich dabei um das Herzstück der geplanten Ausstellung "Friederisiko" anlässlich des 300. Geburtstags Friedrich des Großen im kommenden Jahr handelt. Der aus zehn verschiedenen Natursteinsorten bestehende, vielfarbige Boden im Obergeschoss des Neuen Palais ist an etlichen Stellen gebrochen. Wegen Materialmangels in den vergangenen zwei Jahrhunderten wurde er nur mangelhaft ausgebessert.

Die darunterliegende Holzkonstruktion sei extrem beschädigt, lose und verfault, mussten Architektin und Projektkoordinatorin Heike Zeymer und SPSG-Restaurator Stefan Klappenbach bei näheren Untersuchungen in den vergangenen zwei Jahren feststellen. Zumindest einen ersten Eindruck vom früheren Glanz des 1766/67 von Melchior Kambly verlegten imposanten Marmorbodens sollen Besucher trotzdem im Jubiläumsjahr erhalten. "Immerhin handelt es sich um das größte Kunstwerk der Stiftung aus Friedrichs Zeit", betont Stiftungschef Dorgerloh. Die Lösung: ein transparenter Steg aus Plexiglas entlang der westlichen Längswand, auf dem Interessierte den Saal betreten können. Und somit auch die Chance haben, einen Blick in die Große Kammer im Norden und den seit Jahrzehnten nicht mehr zugänglichen Tanzsaal im Süden zu werfen. Bis zur Ausstellungseröffnung am 28. April sollen die Stege montiert sein.

Belastungstest und Schwingungen

Nur ein Schritt im groß angelegten Sanierungsprojekt. Dazu zählt die Restaurierung des 600 Quadratmeter umfassenden Marmorbodens, und auch die Decke des darunter liegenden Grottensaals muss auf Vordermann gebracht werden. Erst 2013 soll mit den eigentlichen Bauarbeiten begonnen werden. "Die Arbeiten werden nicht vor 2017 abgeschlossen sein", wagt Dorgerloh eine Prognose. Erste Ergebnisse nach Belastungstests und Proben zum Schwingungsverhalten von Boden und Decken haben ihn vorsichtig werden lassen. Die Kosten für das Projekt veranschlagt Dorgerloh mit 4,4 Millionen Euro. Geld, das aus dem Sonderinvestitionsprogramm des Bundes und der Länder Berlin und Brandenburg kommen soll. "Das Erbe, das uns Friedrich hier hinterlassen hat, stellt uns vor große Herausforderungen", sagt Dorgerloh. Mit denen hatten die Baumeister schon zu Friedrichs Lebzeiten zu kämpfen. "Kurz nach dem Einbau hat sich der Marmorboden bereits gesenkt", erläutert Restaurator Klappenbach. Was den eigens für das Stiftungsvorhaben in Florenz ausgebildeten Steinschnitt-Fachmann nicht verwundert. "Der Naturstein war viel zu schwer für die darunter befindlichen, zumal nicht genügend ausgetrockneten Holzträger und -balken. Holz schwingt, Marmor bleibt fast starr. Das konnte nicht gut gehen." Termindruck vor dem Einbau und das Sparen an der falschen Stelle hätten zu dieser baulichen Misere geführt, bestätigt Architektin Zeymer. "Es grenzt an ein Wunder, dass Decke und Boden überhaupt halten. Dieses Geheimnis müssen wir in weiteren Tests noch lüften." Bereits 1774 hätte die gesamte Decke wieder geöffnet werden müssen. "Friedrich ließ Zwischenbalken einziehen. 1785 wurden aber erneut Schäden entdeckt: Der Pilz hatte auch das neue Holz befallen." Vor einer umfassenden Sanierung seien Restaurateure später leider zurückgeschreckt. "Zu groß war wohl die Angst, dass an der Decke befindliche Malereien oder die kostbaren Intarsien des Marmorbodens nachhaltig beschädigt werden könnten", sagt Klappenbach. "Natürlich bemühen wir uns, so wenig wie möglich in Friedrichs gebautes Vermächtnis einzugreifen." Kompromisse muss jedoch auch der Restaurator eingehen. Um beispielsweise Decken und Gesimse im Festsaal zu reinigen, müsse der dann restaurierte Marmorboden auch der Last schwerer Gerüste standhalten. "Daher werden wir Teile des Marmors komplett austauschen." Am notwendigen Material gäbe es zum Glück keinen Mangel. "Als die Sanierung der Fußböden vor gut 20 Jahren bei der Stiftung ein Thema wurde, haben wir begonnen, ein Lager an Natursteinen anzulegen."