Slubice

Gedränge, Stau und falsche Schnäppchen jenseits der Oder

Die Adventszeit bedeutet für die Grenzstadt Frankfurt (Oder) nicht nur Vorfreude und Besinnlichkeit, sondern vor allem Gedränge und Stau. Je näher Weihnachten rückt, umso voller wird es.

Fast wie in alten Zeiten, als lange Autoschlangen vor der Grenzabfertigung warteten, staut sich auch in diesen Tagen der Verkehr durch die Stadt bis hin zur Oder. Berliner und Brandenburger fahren im Schritttempo über die Frankfurter Stadtbrücke ins vermeintliche Schnäppchenparadies Polen.

Obwohl sich auch da die Zeiten geändert haben, wie eine aktuelle Studie der Frankfurter Industrie- und Handelskammer Ostbrandenburg (IHK) ergeben hat. "Die Preise beiderseits der Oder gleichen sich immer mehr an, allmählich entsteht ein gemeinsamer Wirtschaftsraum ", sagt IHK-Referentin Uta Häusler, deren Angaben zufolge Deutsche in Polen am häufigsten Lebensmittel, Bekleidung, Blumen, Tierfutter und Spielzeug kaufen.

Benzin bleibt unschlagbar billig

Doch das Gedränge an den Tankstellen von Slubice beweist: Unschlagbar billig bleibt Benzin - obwohl auch dort die Preise stiegen. Ein schwacher Zlotykurs von 4,50 bedingt, dass Deutsche für umgerechnet 1,22 Euro pro Liter bleifreies Benzin tanken können. Dafür nehmen sie schon mal Warteschlangen und Hektik in Kauf. Immerhin sparen sie um die 30 Cent je Liter. Überhaupt gleichen der schwache Zloty und der damit für Deutsche günstige Wechselkurs laut IHK so manche Preissteigerung wieder aus.

Super- sowie Baumärkte in Slubice sind an den Adventswochenenden bei Deutschen besonders beliebt. "Ich bekomme hier die gleichen Markenprodukte wie in Deutschland - nur billiger", sagt Andrea Seitzer, die mit ihren beiden Kindern im Auto auf ihren Mann Robert wartet, der noch im benachbarten Baumarkt nach Panelen sucht. Auch dort sollten die Preise allerdings verglichen werden, sagt Häusler. Butter, Bier und Schokolade sind im Nachbarland inzwischen teurer als in Berlin und Brandenburg. Eindeutig preiswerter sind dagegen laut IHK-Studie einheimisches Obst und Gemüse, Backwaren, Babybekleidung, Damen-Unterwäsche sowie Medikamente und Tierbedarf. "Ein Preisvergleich lohnt also immer", sagt IHK-Referentin Häusler.

Für das Frankfurter Pärchen Nicole Raben und Peter Meißner ist die Tour in den polnischen Supermarkt "Biedronka" ein ganz normaler Wochenend-Einkauf, zu dem sie wegen der Preisersparnis jetzt häufiger über die Oder fahren. "Für 50 Euro bekommst man hier im Gegensatz zu Deutschland den Einkaufswagen wirklich noch voll und alles, was man braucht", sagen beide und verstauen das Eingekaufte im Kofferraum ihres Wagens. Doch vor Weihnachten geht es natürlich auch um Geschenke. Tee für die Schwiegermutter gab es im Supermarkt, Meißner liebäugelt noch mit einem Spielzeug-Hubschrauber für seinen Sohn.

Doch die meisten Geschenke für den Heiligen Abend haben beide auf dem Grenzmarkt am südwestlichen Stadtende von Slubice besorgt. "Wir haben es uns angesichts einer großen Familie in diesem Jahr recht leicht gemacht", erzählt Nicole Raben, "die Frauen bekommen hübsche Tücher, die Männer Schals". Der Basar, der größte im polnisch-deutschen Grenzgebiet, ist für viele deutsche Schnäppchenjäger - vor allem mit kleinem Geldbeutel - Hauptziel vor den Feiertagen. Ob Ostern, Pfingsten oder Weihnachten, Parkplätze sind dann angesichts des Kundenansturms rings um das Areal Mangelware.

Einige Kaufwillige kommen gleich mit dem Auto über die A 12 und den Autobahn-Grenzübergang, sparen sich die Fahrt durch Frankfurt und Slubice. So wie Anja Kinder mit ihren Eltern aus Ludwigsfelde. Das Trio steht gerade vor dem üppigen Bäckerstand von Stansilaw Borolowski, kauft einen Brötchen-Kranz für zwei Euro, begutachtet Hörnchen und Weihnachtskekse, 100 Gramm für einen Euro. "Wir kommen regelmäßig hierher, kaufen vor allem Lebensmittel", sagt Anja Kinder, die noch nie in Slubice direkt war. "Nee, die Hektik will ich nicht. Außerdem waren wir neugierig auf den neuen Basar", meint die junge Frau, lobt die Ordnung und Sauberkeit und schlendert weiter zu Jacek Wiesnewski, der frisch geschlachtete Gänse, Enten und Kaninchen verkauft.

Der eigentliche Markt mit seinen 1200 Ständen war vor fast fünf Jahren vollständig abgebrannt. Der Wiederaufbau verzögerte sich lange. Erst seit wenigen Wochen wird in überdachten Fertigteil-Verkaufszeilen wieder gefeilscht und gehandelt. Vorbei die Zeiten, als die Stände eine provisorische Zeltstadt bildeten, die auf den ersten Blick eher einem Dritte-Welt-Slum als einem Einkaufsparadies ähnelte.

"Daran will ich gar nicht mehr denken", sagt auch Verkäuferin Dorota Fink, deren Blumen- und Gemüsestand weihnachtlich glitzert und blinkt. Kinderkopfgroße, handbemalte Christbaumkugeln kosten bei ihr sechs Euro, hölzerne Vogelhäuschen gibt es ab elf Euro, Gestecke mit Tannengrün und Kerzen sind für drei bis zehn Euro zu haben. "Das Geschäft läuft gut, wir haben viele Kunden", sagt sie.

Die deutschen Schnäppchenjäger fühlen sich augenscheinlich wohl. Mit prall gefüllten Einkaufsbeuteln drängen sie durch zusehends enger werdende Gänge. Schließlich gibt es hier quasi nichts, was es nicht gibt. Neben den üblichen Rennern wie Käse, Schinken und Zigaretten - die Stange je nach Marke für 20 bis 30 Euro - sowie Textilien, Schuhen und Korbwaren sind inzwischen auch Haarfärbemittel, Perücken, Dessous und sogar Aquarienfische nebst Zubehör zu Schnäppchenpreisen zu bekommen.

Immer mehr Supermärkte

Auch die Markenpiraterie gibt es nach wie vor: Kleidungsstücke, Uhren und Sonnenbrillen sind mit Schriftzügen renommierter Modelabels versehen, auf DVDs sind Filme zu bekommen, die in Deutschland gerade erst im Kino angelaufen sind.

Kalt, zugig und ungemütlich bleibt es allerdings auch im Markt-Neubau. Da bleibt kein Kunde länger als unbedingt nötig, während sich die Händler extra dick angezogen haben. "Da muss man durch - das Weihnachtsgeschäft entschädigt für schlechte Verkaufszeiten", erklärt Verkäuferin Dorota Fink. Die IHK-Studie kommt allerdings zu dem Ergebnisse, dass die Zeiten der Grenzmärkte gezählt sind. Einzelhändler werden zunehmend von Supermarkt-Ketten verdrängt - vier gibt es jetzt schon in Slubice. "Nur Qualität und Service setzen sich dagegen durch", resümiert Häusler.