Havel

Stolpes ziehen in die Senioren-Residenz

Ihr Name steht schon auf dem Klingelschild. In knapp drei Wochen ist es soweit: Zum 1. Januar wollen Ingrid und Manfred Stolpe ihr neues Zuhause beziehen. Der ehemalige Brandenburger Ministerpräsident und seine Frau haben sich entschieden, ihre Villa am Bogen in Potsdam-West nach mehr als 40 Jahren zu verlassen.

Das neue Heim liegt keine anderthalb Kilometer entfernt - es ist eine moderne, luxuriöse Senioren-Anlage an der Kastanienallee. Der Betreiber, die evangelische Johanniter-Unfall-Hilfe, verspricht den Mietern hier "Wohnen mit Komfort, Service und Havelblick".

Krebs kehrte zurück

Manfred Stolpe und seine Frau Ingrid haben den Umzug in die Senioren-Residenz schon länger geplant. Sie sprachen im Mai erstmals öffentlich darüber. In den dritten Stock wollen sie ziehen, mit herrlicher Aussicht, aber ohne das beschwerliche Treppensteigen.

Im Herbst war bei Manfred Stolpe überraschend der Krebs zurückgekehrt, Ärzte stellten Metastasen in der Lunge fest. Im Jahr 2004 war bei dem langjährigen Brandenburger Landesvater Darmkrebs entdeckt worden. Damals war Stolpe bereits Bundesverkehrsminister und hatte mit der Einführung der Lkw-Maut zu kämpfen. Beim alljährlichen Gesundheitscheck im Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz fanden die Ärzte im Frühjahr bei einer Darmspiegelung Polypen. Doch erst Mitte Juli - in den Sommerferien - nahm sich Stolpe Zeit für die Operation. Mittlerweile war aus dem gutartigen Polypen ein Karzinom geworden, wie er in dem Buch "Wir haben noch viel vor" zusammen mit seiner Frau schreibt. Im Dezember 2008 wurde Stolpe erneut operiert, dieses Mal im Potsdamer Klinikum Ernst von Bergmann. Es hatten sich Metastasen in der Leber gebildet. Nun ist auch noch die Lunge befallen. Bei Ingrid Stolpe war im Jahr 2008 Brustkrebs diagnostiziert worden. Er wurde entfernt, es folgten Chemo und Bestrahlung. Das Ehepaar versucht seit Jahren, anderen Betroffenen Mut zu machen.

Mit dem Umzug in das neue Zuhause wollen die Stolpes keineswegs ihre Selbstständigkeit aufgeben. "Wir sind kein Altenheim", sagt Ingra Heise, die Projektleiterin des Johanniter-Quartiers. Die 62 Wohnungen werden unmöbliert vermietet. "Niemand muss sich an- oder abmelden oder an festen Mahlzeiten teilnehmen", sagt sie. "Unsere Mieter sind komplett unabhängig." Nur wer möchte, könne einen Zweitschlüssel hinterlegen.

Wer hier lebt, darf sich wie im Hotel fühlen. Es gibt ein Schwimmbad, eine große Sauna und einen Fitnessraum. Hausbewohnern wird jeden Tag im öffentlichen Restaurant ein zweigängiges Menü und ein alkoholfreies Getränk für 7,90 Euro angeboten. Rechts hinter dem Eingang lädt die Bibliothek zum Schmökern ein. Gleich daneben liegt das Kaminzimmer.

Die Rezeption ist mit einem Conciergedienst ausgestattet. Ob Brötchen, Konzertkarten oder Medikamente - hier kann der Mieter alle Besorgungen in Auftrag geben. Im Erdgeschoss befinden sich auch ein Physiotherapiezentrum und ein Friseur. Mit dem geräumigen Aufzug geht es nach oben. Als Erstes fällt die helle, offene Einbauküche ins Auge. Dann das Eichenparkett. Die Fenster sind bodentief. Stolpes blicken von der Terrasse über die Havel nach Hermannswerder. Jede Wohnung ist mit Fußbodenheizung ausgestattet, das Bad ist barrierefrei. Über ein Hausnotrufgerät kann Tag und Nacht Hilfe angefordert werden. Der Ruf geht beim Johanniter-Notfalldienst ein. Die Wohnungen sind zwischen 38 und 131 Quadratmeter groß und kosten monatlich zwischen 818 und 3500 Euro Miete. Dazu kommen die Kosten für Strom, Telefon und Essen.

Derzeit unterzieht sich Manfred Stolpe einer Chemotherapie. Es sind anstrengende Wochen. Im Mai dieses Jahres ging es ihm noch sehr gut: Er feierte in Potsdam mit Hunderten Gästen seinen 75. Geburtstag. Im Juli beging das Ehepaar seinen 50. Hochzeitstag und Ende August waren Ingrid und Manfred Stolpe Gast bei der Preußen-Prinzen-Hochzeit.

Am 14. November teilte der frühere Regierungschef dann mit: "Dieses Mal ist die Lunge betroffen." Die Ärzte hatten Metastasen entdeckt. Es begann seine dritte Tumorbehandlung in sieben Jahren. Der Krankheitsherd wurde operativ entfernt. Es musste laut Stolpe "zum Glück kein ganzer Lungenflügel entfernt werden". Stolpe gibt sich weiterhin optimistisch: "Ich bin ja kampferprobt, werde auch diesen Tiefschlag gemeinsam mit meiner Frau wegstecken."

Nach Weihnachten liegt nun der Umzug vor ihnen. In die Villa wird dann die Tochter mit der Familie einziehen. Stolpes wohnten hier seit 1968. Gekauft haben sie das Haus erst 1982. Ende der 90er-Jahre ermittelte die Staatsanwaltschaft - nach einer Anzeige der Alteigentümer. Sie warfen Stolpe vor, er habe als Konsistorialpräsident der evangelischen Kirche seine Kontakte zur Stasi genutzt und das Haus unter Wert bekommen. Laut einem Urteil des Verwaltungsgerichtes hat Stolpe die Villa rechtmäßig erworben.

Leicht fällt der Abschied nicht

Leicht fällt Stolpes der Abschied von ihrer Villa sicherlich nicht. "Es heißt zwar, dass man einen alten Baum nicht verpflanzt. Aber das gilt nicht für uns. Wir haben Spaß daran, in die neue Wohnung zu ziehen", sagte Ingrid Stolpe jüngst zur "Bild"-Zeitung. In der Senioren-Anlage an der Kastanienallee dürfen alle Mieter erst einmal zur Probe wohnen. Wer sich nicht wohlfühlt, kann nach 14 Tagen wieder ausziehen. Bisher sind 40 der 62 Wohnungen vermietet. Kürzlich eingezogen ist auch das Ehepaar Stumpfeld. "Es gefällt uns sehr gut hier", sagt die 83-jährige Maria-Verena von Stumpfeld. Vorher wohnten die Stumpfelds in einem alten Gutshaus im Vorharz.