Viadukt Bienenwerder

Eine Brücke für den Tourismus

Die Brücke mit den rostigen Eisenbahnschienen über die Oder ins Nirgendwo macht einen verlassenen Eindruck. Unkraut scheint allmählich alles zu überwuchern, der Zutritt ist mit Gittern und einem Schild "Betreten verboten" versperrt. "Wer versuchen würde, da rüber zu laufen, würde zwischen den Bahn-Schwellen geradewegs in den Fluss stürzen", macht Karsten Birkholz deutlich.

Der Amtsdirektor von Barnim-Oderbruch bemüht sich gemeinsam mit dem deutsch-polnischen Verein "Bez Granic", den polnischen Partnergemeinden Moryn und Cedynia sowie einem privaten Investor seit Jahren darum, diese scheinbar längst vergessene Möglichkeit eines Grenzübertritts zu aktivieren. Mitten im Oderbruch und fern großer Straßenverbindungen, aber am Oder-Neiße-Radweg gelegen, soll die Brücke vor allem für Radtouristen und Wanderer nutzbar werden. Und da Bahnschienen bereits vorhanden sind, könnten Ausflügler in Zukunft per Draisine oder Schienenbus über die Oder gebracht werden.

Ausflug ins Mühlental

"Nicht etwa ins Nirgendwo geht es auf den Schienen, sondern bis ins 15 Kilometer entfernte Moryn (Mohrin), das mit seinem herrlich in einem Mühlental gelegenen, klaren See schon in den 30er-Jahren bei Berlinern als Ausflugsziel beliebt war", erzählt Birkholz. Und wer weiter nach Szczecin (Stettin) im Norden oder Kostrzyn (Küstrin) im Süden will, lässt sich bis Goszkow fahren. Dort besteht dann ein Anschluss an die zentrale Bahnstrecke. "Wir verbessern also nicht nur die touristischen Verbindungen in der Region, sondern auch zwischen der Stadt Berlin und Szczecin", sagt der Amtsdirektor.

Das Projekt "Brücke Bienenwerder" gehört zu sechs deutsch-polnischen Vorhaben, die vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung in Kooperation mit dem polnischen Infrastrukturministerium ausgezeichnet wurden. Sehr zur Freude des Amtsdirektors, der in diesem Zusammenhang weniger das Preisgeld in Höhe von 5000 Euro für wichtig hält, als vielmehr die angekündigte "wissenschaftliche und organisatorische Begleitung" des Projekts. "Wir hoffen auf eine Wirkung als Türöffner", meint Birkholz vielsagend. Auch fachlich versierte Übersetzer seien hilfreich. "Bei Begriffen wie Knotenblech oder Vernietungen kapituliert jeder Laie." Denn die Bemühungen um das Brückenprojekt sind beschwerlich, wie der studierte Jurist weiß. Ist die öffentliche Hand normalerweise froh, wenn sich ein privater Investor als Partner findet, so tat sich die polnische Seite zunächst schwer mit Unternehmer Axel Pötzsch aus Spreenhagen. "Bei der polnischen Staatsbahn PKP ging jahrelang gar nichts, die wollten die 30 Kilometer lange Schienenstrecke nicht an Privatpersonen verkaufen", erzählt er. Realisieren lasse sich das laut Machbarkeitsstudie rund vier Millionen Euro teure Projekt jedoch nur durch eine private Finanzierung in Kombination mit Interreg-Fördermitteln, sagt Wolfgang Skor, Vereinschef von "Bez Granic".

Pötsch hat mit der Reaktivierung stillgelegter Bahnlinien schon Erfahrung. Betreibt er doch in Brandenburg mehrere Draisinenstrecken, unter anderem zwischen Tiefensee und Sternebeck sowie in Mittenwalde und in Kremmen. Außerdem besitzt er sogenannte Schienenbusse, die ähnlich wie Triebwagen über Land zuckeln. "Pötsch hat das nötige Know-how, die Erfahrungen und die Mitarbeiter", sagt Amtsdirektor Karsten Birkholz, und auch die polnische Bahn sei inzwischen "verkaufsbereit".

Nun sind jedoch neue Probleme aufgetaucht. Polnische Naturschützer sorgen sich um die unberührte Flora und Fauna östlich der Brücke Bienenwerder. Dass sich dort eine nahezu unberührte Natur findet, ist kein Wunder.

Die Brückenöffnung wäre gewissermaßen ein Novum. Erstmals 1890 errichtet, wurde das mit knapp 700 Metern längste Viadukt an diesem Fluss bis zum Zweiten Weltkrieg genutzt, als die Gebiete östlich der Oder noch zu Deutschland gehörten. Im Krieg zerstört, wurde die Brücke Anfang der 50er-Jahre zwar wieder aufgebaut. Zur Probe wurde ein mit Panzern beladener Zug von einem Ufer zum nächsten geschickt. Doch seitdem fuhr keine Bahn mehr darüber. "Die Brücke war nur eine strategische Verbindung, um im Kriegsfall möglichst schnell Waffen in Richtung Westen bringen zu können." Birkholz bleibt optimistisch, die skeptischen Umweltschützer überzeugen zu können. "Oftmals sind das ja nur Missverständnisse. Wir müssen den polnischen Naturschützern klar machen, dass Touristen gerade deshalb dorthin kommen würden, weil sie die unberührte Natur schätzen", sagt er.