Dokumentation

Der den Wolf filmt

Fast unsichtbar wird er, wenn er filmt. Sebastian Koerner steht geduckt in einem Waldstück in der Lausitz. Vor ihm steht ein Stativ. Darauf: die Kamera. Im Visier: das Tier. Sebastian Koerner trägt einen dunkelgrünen Pulli, an den Schultern mischt sich ein wenig Schwarz ins Gewebe. Die Hose hat er auf den Pulli abgestimmt. Ein Vogel fliegt zwitschernd ganz dicht an ihn heran. Sebastian Koerner verharrt starr.

Das Outfit des Wildbiologen passt sich optimal an die Farben seiner Arbeitsumgebung an. Trotz Kamera scheint es, als sei er Teil des Waldes. Seit August 2009 ist Sebastian Koerner mit seiner Filmkamera im Lausitzer Wolfsgebiet unterwegs. Inzwischen sind mehrere Aufnahmestunden zusammengekommen. Daraus schneidet der Biologe mit Unterstützung einer Hamburger Naturfilmredaktion momentan die besten Szenen zusammen. Neben seinen Dreharbeiten. Mit seinen Aufnahmen will der 48-Jährige aus Spreewitz an der Landesgrenze von Sachsen und Brandenburg auch beweisen, dass der geschützte Wolf keineswegs so aggressiv ist, wie viele Menschen befürchten.

50 bis 60 Tiere leben hier

Filme über die Beziehung zwischen Wolf und Mensch in Deutschland gibt es bereits mehrfach. Doch Streifen über das Leben der Tiere in der Lausitz existieren bislang nicht. Deshalb hat sich der einheimische Tierfilmer Sebastian Koerner auf die Spur der scheuen Tiere begeben.

Mehr als 500 Mal war der Wildbiologe bereits mit seiner Kamera unterwegs. Oft vergeblich, wie er erzählt: "Nur an knapp hundert Tagen erschien ein Wolf vor meiner Kamera." Kein Wunder, leben doch nur etwa 50 bis 60 der Tiere in der Region mit ihren ausgedehnten Wald- und Heideflächen.

Wenn tatsächlich Wölfe in Sichtweite sind, verspürt Sebastian Koerner jedes Mal Gänsehaut, sagt er. Das Alltagsleben der Lausitzer Wölfe ist nicht leicht zu erforschen. Der Biologe will mit seinen Aufnahmen zeigen, wie diese Tiere leben - und damit auch Vorurteile abbauen, etwa über ihre angebliche Aggressivität.

"Das stimmt gar nicht", betont der Experte. "Wölfe sind eine ganz normale Tierart, die eine wichtige Rolle im Ökosystem spielt. Mich beeindruckt es, wie freundlich die Tiere im Rudel miteinander umgehen." Der Kameramann hatte bereits das Glück, mehrere Welpen aus der Nähe filmen zu können. Dabei habe er genau beobachten können, wie die Tiere miteinander umgehen und wer welche Rolle im Rudel erfüllt.

Die Arbeit mit der Kamera in freier Natur ist für Sebastian Koerner nicht neu. Er dokumentierte bereits eine wissenschaftliche Expedition in die riesigen Moore Sibiriens. Später kam ein Filmprojekt über Naturschutz im Ökolandbau in Brandenburg dazu. Tiere zu filmen war für Sebastian Koerner jedoch eine neue Aufgabe. Die er durch eine Begegnung mit einer Wolfsexpertin anfing.

Während seiner Tätigkeit im brandenburgischen Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin lernte der Naturschützer Gesa Kluth kennen. Er verliebte sich in die Wolfsexpertin. Und sie sich in ihn. Seitdem sind die beiden ein Paar - und ein Team.

Gesa Kluth forscht seit 2001 über die kurz zuvor aus Polen in die Lausitz eingewanderten Wölfe. Sebastian Koerner arbeitet seit 2004 immer wieder als freier Mitarbeiter für das Wildbiologische Büro Lupus, das seinen Sitz im sächsischen Spreewitz hat. Die Erlöse aus der Wolfsfilmerei sind inzwischen zu seinem Haupteinkommen geworden.

Und am 21. März 2012 ist es dann so weit. Dann soll der Dokumentarfilm von Sebastian Koerner über die Lausitzer Wölfe im Fernsehen ausgestrahlt werden. Noch lautet der Arbeitstitel: "Wie wilde Wölfe wirklich leben". Sebastian Koerner hofft, "dass die Zuschauer die Tiere nach diesem Film besser verstehen". Dafür verharrt er weiter hinter seinem Stativ. In den Farben des Waldes.