Miserable Bahnanbindungen

Endstation Osten: Es fährt kein Zug nach irgendwo

Mehr als zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung sind ostdeutsche Städte immer noch vergleichsweise schlecht mit der Bahn erreichbar. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler des Instituts für Wirtschaft und Verkehr der Technischen Universität (TU) Dresden in einer aktuellen Studie. Untersucht wurde die Erreichbarkeit der 80 größten Deutschen Städte.

Co-Autorin Claudia Hesse spricht von einem "deutlichen Ost-West-Gefälle". Nur Berlin (Platz 11) schaffte es dank der Vielzahl der ICE-Verbindungen ins Vorderfeld. Die Mehrzahl der ostdeutschen Städte liegt beim Ranking abgeschlagen im letzten Drittel. Die brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam schaffte es nur auf Platz 60, deutlich hinter Städten wie Mönchengladbach, Pforzheim oder Moers. Noch schlimmer fällt das Ergebnis für Cottbus aus. Schlechter mit der Bahn erreichbar ist laut der Studie nur eine einzige Stadt: Trier. Nach Angaben des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) wird sich die Situation in Cottbus dank kürzerer Fahrzeiten vom 11. Dezember an zumindest leicht verbessern.

Die aktuellen Spitzenplätze belegen Frankfurt (Main), Düsseldorf, Hannover, Köln und Duisburg. Sie profitieren laut den Wissenschaftlern vor allem davon, dass sie an den großen Fernverkehrskorridoren in Westdeutschland liegen. In die Bewertung gingen verschiedene Faktoren ein, darunter die tatsächliche Reisezeit in Nachbarstädte im Vergleich zu einer Zeit bei einer perfekt ausgebauten Strecke und einer gedachten Verbindung in Luftlinie. Weitere Kriterien waren das Wirtschaftspotenzial und die tägliche Erreichbarkeit. Gemeint ist damit die Anzahl der Einwohner, die binnen vier Stunden mit dem Zug erreicht werden kann.

Vom Fernverkehr abgehängt

Mitautor Christos Evangelinos betont, die Forscher seien selbst überrascht gewesen von den Ergebnissen. Sie hätten nicht mit so deutlichen Unterschieden gerechnet. Mit Ausnahme Berlins seien alle Städte in den neuen Ländern nur "unterdurchschnittlich bis sehr schlecht erreichbar". Für Berlin habe die starke Konzentration von ICE-Strecken in der Vergangenheit zwar punktuell Verbesserungen gebracht. Allerdings sei dies auf Kosten anderer ostdeutscher Städte geschehen, sagt Evangelinos. Nach Ansicht der Verkehrsexperten aus Dresden sollten noch bestehende Lücken im Hochgeschwindigkeitsnetz der Bahn künftig geschlossen und weitere ostdeutsche Städte angebunden werden. Eine Forderung, die der VBB unterstützt. "Der Fernverkehr ist in Brandenburg nahezu vollständig weggefallen", kritisiert Verbundschef Hans-Werner Franz. Vor gut zehn Jahren habe es in der Region noch rund 400 Mal am Tag die Möglichkeit gegeben, in einen Fernverkehrszug einzusteigen. 2011 seien es nur noch knapp 70 Halte pro Tag. "Selbst die Landeshauptstadt Potsdam ist quasi vom Fernverkehr abgehängt und wird nur noch von einem Intercity am Tag und einem Nachtzug angefahren", sagt Franz.