Prozess

Wie der Kampf gegen Rechts eine Stadt spaltet

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Christine Kensche

Kurz vor dem Prozess läuft Jörg Wanke noch einmal am Tatort vorbei. "Hier stand unser Versammlungshaus", sagt der Sprecher der Bürgerinitiative "Zossen zeigt Gesicht". Jetzt steht dort nichts mehr. Neonazis haben das Gebäude vor zwei Jahren niedergebrannt.

Deswegen sitzt Daniel T. am gestrigen Mittwoch im Amtsgericht Zossen auf der Anklagebank. Der 25-Jährige galt als Kopf der inzwischen verbotenen Vereinigung "Freie Kräfte Teltow-Fläming" - und Anstifter des Brandanschlages. In der Nacht auf den 23. Januar 2010 war das Haus der Initiative Ziel des Anschlags geworden. Die brandenburgische Kleinstadt mit ihren knapp 18 000 Einwohnern war damit in die nationalen Schlagzeilen geraten.

Auch am Mittwoch ist die Presse wieder da. Für das Gerichtsverfahren gegen den Anführer der lokalen rechten Szene sind selbst aus Irland und Russland Journalisten angereist. Im Zuge der Neonazi-Mordserie wird auch im Ausland genau beobachtet, wie Deutschland mit Rechtsradikalen umgeht.

Daniel T. trägt eine schwarze Jacke, das braune Haar ist streng zurückgekämmt. Neben der Anstiftung zum Brandanschlag werden ihm Volksverhetzung und die Verwendung verfassungsfeindlicher Kennzeichen zur Last gelegt. Er hat antisemitische Parolen an Fassaden gesprüht, Hakenkreuze auf Denkmäler für ermordete Juden geschmiert. Eine Gedenkveranstaltung zum Holocaust hat er systematisch gestört: "Lüge, Lüge" hatten seine Leute und er geschrien, als die Namen jüdischer Opfer vorgelesen wurden.

Von Reue zeigt Daniel T. keine Spur

Einen Teil seiner Taten hat Daniel T. bereits gestanden. Doch von Reue zeigt der Neonazi vor dem Amtsgericht Zossen keine Spur. "Eine Meinung zu haben, welche man standhaft vertritt, darf und kann kein Verbrechen sein", sagt Daniel T. in seinem Schlusswort. Seine Weltanschauung werde er auch in Zukunft nicht verleugnen. Als die Richterin das Urteil verkündet, zieht er eine Sonnenbrille auf. Drei Jahre und acht Monate Gefängnis sowie eine Geldstrafe von mehreren tausend Euro, lautet der Schuldspruch. Daniel T. will in Berufung gehen.

Viele Zossener hoffen, dass Ruhe einkehrt. Wenn überhaupt, möchte man hier, 40 Kilometer südlich von Berlin, Touristen und Investoren auffallen. Mit grünen Wäldern, sauberen Seen und der niedrigen Gewerbesteuer. Nicht aber mit dem Ruf, eine braune Hochburg zu sein. Die Schuld an dem schlechten Image geben viele Zossener nicht etwa dem Neonazi, sondern Jörg Wanke. Schließlich, so ist es in Zossen oft zu hören, hätten die Probleme erst mit der Gründung der Bürgerinitiative begonnen.

Es war an Weihnachten im Jahr 2008, als ein paar engagierte Bürger vor dem örtlichen Internetcafé zwei Vierecke aus Messing ins Pflaster verlegen. Die Stolpersteine sollen an zwei jüdische NS-Opfer erinnern, die einst in dem Haus wohnten. Eigentlich ein weniger brisantes Ereignis. Wäre der Inhaber nicht ausgerechnet ein Holocaust-Leugner und seine Kunden Neonazis gewesen.

Der damalige Café-Betreiber verdeckte die Steine also mit einem Weihnachtsbaum. Wenn Wanke vorbeiging, schob er den Baum jedoch wieder ein Stück beiseite. Auch andere Zossener handelten so. Und so entstand die Idee, noch mehr zu unternehmen. Rund 50 Zossener fanden sich in Wankes Büro zusammen. "Wir wollten die Stadt aus ihrer Lethargie reißen", sagt der 45-Jährige.

Er und seine Mitstreiter gaben sich einen Namen. "Zossen zeigt Gesicht". Fortan trafen sie sich regelmäßig im Büro des Versicherungsmaklers, veranstalteten Lesungen zum Thema Rechtsextremismus und ein Familienfest, zu dem mehr als 600 Gäste kamen. "Die Nazis sahen uns wohl als Konkurrenz", meint Wanke.

Daniel T. und seine Anhänger meldeten einen Aufmarsch an. Das Horst-Wessel-Lied singend, zogen sie durch sie Straßen. Auf dem Marktplatz hielten sie Mahnwachen ab. Ein paar Monate später prangte ein Graffiti an Wankes Büro: "Volksverräter" stand dort in großen schwarzen Buchstaben. Wanke übermalte die Schmierereien mit Anti-Graffiti-Farbe. Doch schon kurz darauf sprühten Neonazis eine neue Botschaft für Wanke an Wände, diesmal an die Gartenmauer eines Nachbarn. "Zossen bleibt braun". Und: "Jörg Wanke stirbt bald."

"Als ich das gesehen habe, musste ich schon etwas schlucken", sagt Jörg Wanke. Aber er ließ sich nicht einschüchtern. Die Bürgerinitiative mietete ein eigenes Haus an. Mitglieder organisierten eine Dauerausstellung mit dem Titel "Jüdisches Leben in Zossen". Später sollte ein Internetcafé für Jugendliche folgen, die mangels Alternativen zum Neonazi-Treffpunkt gehen. Doch noch bevor das "Haus der Demokratie" richtig eröffnen konnte, befahl Daniel T. einen seiner jungen Anhänger, den Brand zu legen. Als Jörg Wanke in der Nacht zum 23. Januar 2010 zum Tatort kam, schlugen die Flammen schon aus den Fenstern. Davor fotografierten sich vier Neonazis gegenseitig im Feuerschein. Kamerateams und Journalisten reisten an. Wanke gab Interviews. Die Stadt schwieg.

Das Image der Stadt zerstört

"Unsere Bürgermeisterin hat sich bis heute nicht persönlich bei uns gemeldet", sagt Jörg Wanke heute. Das wiederum gefällt der Bürgermeisterin nicht. Michaela Schreiber (Wählervereinigung Plan B) sagt: "Die Bürgerinitiative hat die Situation doch erst aufgeheizt." Keinesfalls sei ihre Gemeinde eine Hochburg von Rechtsextremen. Wanke bausche ein "übersichtliches Problem" unnötig auf - und zerstöre damit das positive Image der Stadt.

So denken offenbar auch viele Einwohner. "Das ist hier Tabu-Thema", sagt eine junge Verkäuferin aus der Marktbäckerei zum Neonazi-Prozess. "Diese ganze Geschichte hat der Stadt viel Ärger eingebracht."

Mit Ärger meint sie den Medienrummel. Von dem hat man scheinbar auch in der nächsten Kneipe genug. In der "Gaststätte Am Kietz" zeigt sich die Wirtin empört. "Völlig übertrieben" nennt sie "diese ganzen Geschichten" über Zossen. Sogar die Verwandtschaft aus dem Westen habe schon angerufen und wissen wollen, in was für einem Nazidorf sie da wohne. "Was das für ein Licht auf uns wirft!" Dabei sei Zossen an sich ein ruhiger Ort. "Wir können doch nachts sicher durch die Straßen laufen?", fragt sie ihre Gäste. Die nicken.

"Wir gelten hier als Nestbeschmutzer", sagt Wanke, während er durch die Stadt läuft. Im April dieses Jahres lag eine Morddrohung im Briefkasten eines anderen Mitglieds. Auch Wanke werde bald sterben, heißt es in dem Schreiben.

Als Jörg Wanke vor einem ehemaligen Nazi-Treffpunkt stehen bleibt, fährt auf einmal ein dunkler Wagen vor. Ein schwarz gekleideter Mann steigt aus, zückt sein Handy, beobachtet Wanke und telefoniert. Nach ein paar Minuten fährt er wieder los. "Das war einer von denen", sagt Wanke. "So lassen sie mich wissen, dass sie noch da sind."

Davon zeugen auch die fortwährenden Schmierereien, die die Bürgerinitiative dokumentiert: schwarze Hakenkreuze und Farbkleckse auf den Stolpersteinen. Rudolf-Hess-Graffitis am Aldi-Markt. Nazi-Parolen am Bahnhof.

Seit der Brandnacht treffen sich die Mitglieder von "Zossen zeigt Gesicht" wieder in Wankes Büro. Eigentlich wären sie lieber nebenan eingezogen. Dort steht ein leeres Gebäude, dass die Initiative als neues "Haus der Demokratie" eröffnen wollte. Doch als der Kaufvertrag kurz vor dem Abschluss stand, machte die Stadt ihr Vorkaufsrecht geltend. Michaela Schreiber will das Gebäude nun zu einem "Haus der Vereine" umfunktionieren, die Bürgerinitiative soll ein paar Räume mitbenutzen dürfen. "Das ist uns zu wenig", sagt Jörg Wanke.

Kritik kommt auch von außerhalb. "In Brandenburg gibt es keine Stadt, die so tief gespalten ist", sagt Timo Reinfrank, Geschäftsführer der Amadeu-Antonio-Stiftung in Berlin, die Projekte gegen Rassismus fördert. Anstatt der Zivilgesellschaft den Rücken zu stärken, spiele die Bürgermeisterin die Probleme herunter. "Das sind geradezu ideale Bedingungen für wachsenden Rechtsextremismus." Die Stiftung will "Zossen zeigt Gesicht" daher künftig eindeutig unterstützen.

Wanke will weiter kämpfen

Jörg Wanke kündigt schon einmal an, dass er solange kämpfen werde, bis die Bürgerinitiative ein neues "Haus der Demokratie" eröffnen kann. Michaela Schreiber sagt, er und seine linken Freunde würden sie aus dem Amt drängen wollen. Und Daniel T. hat bereits am Abend vor seiner Verurteilung einen offenen Brief an seine "Kameraden" verfasst. Darin rät er, sich im Kampf gegen die Demokratie vor allem "auf die ländlichen Gebiete" zu konzentrieren. Er selbst, schreibt Daniel T. auf seiner Internetseite, werde nach seiner Haftentlassung "ungebrochen im Herzen und Geiste wieder frisch und fröhlich ans Werk gehen". Es scheint, als würde die Stadt Zossen so schnell nicht wieder zur Ruhe kommen.