Interview mit Ingrid Seiffarth

"Es lohnt sich, hierzubleiben"

An diesem Dienstag wird in Berlin der renommierte Deutsche Bürgerpreis für 2011 vergeben. Von den mehr als 1100 Bewerbern für Deutschlands wichtigsten Ehrenamtspreis hat es lediglich ein Projekt aus der Region Berlin-Brandenburg in die Endauswahl geschafft.

Nominiert in der Kategorie Alltagshelden wurde die 2009 gegründete "Dorfakademie Höhenland" aus der gleichnamigen 1100-Einwohner-Gemeinde, die 2002 aus dem Zusammenschluss der Dörfer Leuenberg, Steinbeck und Wölsickendorf-Wollenberg im Landkreis Märkisch-Oderland entstand. Morgenpost-Redakteur Thomas Fülling sprach mit der Projektleiterin Ingrid Seiffarth (61) vom Verein Landblüte.

Berliner Morgenpost: Frau Seiffarth, warum braucht eine Gemeinde mit 1100 Einwohnern eine "Dorfakademie"?

Ingrid Seiffarth: Ich bin 2004 aus Berlin aus gesundheitlichen Gründen nach Wölsickendorf gezogen. Schnell habe ich bemerkt, dass wegen des sehr bescheidenen öffentlichen Nahverkehrs vor allem Kinder und Jugendliche, besonders aus sozial benachteiligten Familien kaum eine Chance haben, die guten Bildungs- und Freizeitangebote, die es in den Nachbarstädten Bad Freienwalde oder Eberswalde gibt, wahrzunehmen. Wer etwa einen Volkshochschulkurs in Bad Freienwalde besuchen will, der muss meist mitten in der Stunde abbrechen, denn der letzte Bus zurück fährt um 19.05 Uhr. Nur wer Eltern hat, die einen überall hinfahren, kann also die Möglichkeiten nutzen. Da haben wir uns im Verein Landblüte zusammengesetzt und überlegt, wie man am Ort ein eigenes Freizeit- und Bildungsangebot schaffen kann. "Dorfakademie" fanden wir, ist ein treffender Name, weil es so etwas schon früher gab. Damals jedoch als Bildungsangebot für Menschen in der Landwirtschaft.

Berliner Morgenpost: Gab es denn einen konkreten Anlass?

Ingrid Seiffarth: Den haben die Kinder und Jugendlichen selber gegeben. Deren einziger Treffpunkt war lange das Bus-Wartehäuschen. Und einige haben an die Gemeinde geschrieben, dass es so nicht weitergehen kann. Daraufhin gab es eine Umfrage, was sie sich denn wünschen. Sport-, Freizeitangebote und Bildungsangebote standen da ganz oben. Mit dem Sport wurde es dann nichts. Wir haben zwar einen Sportplatz, der ist aber mehr was für Schafe. Aber für ein sinnvolles Freizeitangebot wollten wir - das waren damals 18 Vereinsmitglieder - uns etwas überlegen. Das war die Geburtstunde der "Dorfakademie".

Berliner Morgenpost: Was war denn Ihr erstes Seminar?

Ingrid Seiffarth: Das war am 22. Oktober 2009, an den Titel kann ich mich noch genau erinnern: "Sind Blindschleichen wirklich blind?" Das Thema hat wirklich interessiert: 27 Kinder im Alter von fünf bis 14 Jahren sind gekommen. Doch wir haben nicht nur über die kleinen Echsen gesprochen, sondern auch über das Thema Blindsein. Dazu habe ich den Kindern die Augen verbunden, und sie konnten sich nur mit gesprochenen Hinweisen fortbewegen, Dinge ertasten. Sie sollten erkennen, dass Blindsein auch dazu führt, dass andere Sinne geschärft werden. Uns ist es wichtig, die Themen stets mit dem Leben in der heutigen Zeit zu verknüpfen. Dieses Jahr haben wir bisher 79 verschiedene Veranstaltungen organisiert mit rund 1300 Teilnehmern, im Vorjahr waren es rund 60 Veranstaltungen mit bis zu 800 Teilnehmern. Das hat der Verein, der ausschließlich ehrenamtlich arbeitet, nur schaffen können, weil ganz viele Menschen aus der Gemeinde mitgeholfen haben. Dafür möchte ich allen im Namen des Vereins herzlich danken.

Berliner Morgenpost: Gab es denn finanzielle Unterstützung?

Ingrid Seiffarth: Anfangs überhaupt keine. Wir mussten einen Kredit aufnehmen und sollten anfangs sogar Miete zahlen, wenn wir Räume im Gemeindezentrum im Gutshaus nutzen wollten. Deshalb haben die Vereinsmitglieder die Veranstaltungen oft auch bei sich zuhause angeboten. Als die Gemeinde sah, wie gut unser Angebot ankam, hat sie beschlossen, dass alle gemeinnützigen Vereine die Räume kostenlos nutzen dürfen. Das war schon eine große Hilfe. 2011 gab es dann erstmals eine Förderung vom Landkreis in Höhe von 3000 Euro und die Gemeinde gab auch 500 Euro. Und im Juni 2011 haben wir mit unserem Projekt im bundesweiten Wettbewerb "Menschen und Erfolge - Aktiv für ländliche Infrastruktur" einen Preis gewonnen. Der brachte uns 1000 Euro ein, mit denen der Verein einen Teil seiner Schulden tilgen konnte.

Berliner Morgenpost: Immer mehr Gemeinden in Brandenburg klagen darüber, dass sie regelrecht aussterben. Weil es keine Arbeit gibt, ziehen viele junge Leute weg, nur die Alten bleiben. Was kann man dagegen tun?

Ingrid Seiffarth: Das ist auch hier in der Region ein Problem. Die großen Arbeitgeber von einst gibt es nicht mehr. In der Landwirtschaft arbeiten große Maschinen, aber auch kaum noch Leute. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, bei uns rund 20 Prozent. Unser Glück ist, dass wir ein gut funktionierendes Gemeinwesen haben. Wir hoffen, dass wir diese mit unserer "Dorfakademie" noch stärken. Dazu gehört auch, dass wir Jugendliche, die sich inzwischen zu alt für unsere Kursangebote fühlen, weiter mit einbeziehen, sie beispielsweise als Assistenten gewinnen. In einem weiteren Projekt, das wir 2005 gestartet haben, bieten wir Hilfe etwa bei Behördengängen und Bewerbungen an. Dadurch konnten wir bereits vielen helfen, eine Arbeit in der Region zu finden. Entscheidend ist, die Botschaft zu vermitteln: Es lohnt sich, hierzubleiben und sich in die Gemeinschaft einzubringen.

Berliner Morgenpost: Wenn Sie den Bürgerpreis bekommen, was wollen Sie mit dem Preisgeld anfangen?

Ingrid Seiffarth: Der erste Preis ist mit 5000 Euro, der zweite mit 2500 Euro dotiert. Das Geld können wir gut gebrauchen, denn uns fehlt ein Raum für individuelle Angebote, wo sich die Kinder auch einmal einfach "hinlümmeln" können. Wir wollen zum Beispiel eine "Lange Nacht des Lesens" veranstalten, aber das geht im Gutshaus-Saal mit seinen 80 Plätzen natürlich nicht. Daher wollen wir ein altes marodes Gebäude am Sportplatz wieder nutzbar machen. Allein das eingestürzte Dach zu reparieren kostet 7500 Euro.