Karambolage

Die Sicht betrug nur 20 Meter

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Thomas Fülling und Peter Oldenburger

Eine verheerende Massenkarambolage auf der Autobahn A 9 mit mehr als 20 beteiligten Fahrzeugen im Nebel hat ein wahres Inferno ausgelöst. Zwei Menschen kamen am Dienstagabend ums Leben, neun schwer Verletzte mussten in umliegende Krankenhäuser eingeliefert werden.

In Fahrtrichtung Berlin war zwischen den Anschlussstellen Klein Marzehns und Niemegk (Potsdam-Mittelmark) gegen 19.35 Uhr, wie berichtet, offenbar ein Lastwagen aus noch ungeklärter Ursache auf ein anderes Fahrzeug geprallt, innerhalb von Sekunden raste ein Wagen nach dem anderen in die Unfallstelle.

Zum Zeitpunkt des Unfalls herrschte dichter Nebel, Rauch vom Brand einer nahen Lagerhalle erschwerte die Sicht zusätzlich. Die Sichtweite soll zeitweise unter 20 Meter betragen haben, sagte ein Polizeisprecher am Mittwoch. Die Aufräumarbeiten auf der Autobahn dauerten bis Mittwochnachmittag an. Erst gegen 15 Uhr rollte dann der Verkehr auch in Fahrrichtung Berlin wieder.

Bild der Verwüstung

Den eintreffenden Polizisten, Feuerwehrleuten und Notärzten hatte sich ein Bild der Verwüstung geboten. 16 zum Teil völlig demolierte Autos und acht Lastwagen standen auf einer Länge von 500 Metern: Einige Fahrzeuge waren umgestürzt, andere standen quer zur Fahrbahn. Pkw-Fahrgastzellen waren gestaucht, Lkw-Fahrerkabinen auf einen Bruchteil ihrer normalen Größe zusammengequetscht. Mehrere Fahrer waren eingeklemmt, mussten von Rettungskräften befreit werden. Für zwei Menschen kam jede Hilfe zu spät. Die Fahrbahn war übersät von Fahrzeugteilen und Ladung, darunter Massen von Obst und Gemüse, aber auch Stahlteile. Neben 120 Einsatzkräften versuchten vier Notfallseelsorger, traumatisierte Personen zu betreuen. Gleichzeitig nahmen Kriminalbeamte und Sachverständige ihre Ermittlungen auf, vermaßen die Unfallstelle, dokumentierten Bremsspuren, und Standorte von Fahrzeugen. Welche Rolle die gefahrenen Geschwindigkeiten, der Nebel und die Rauchschwaden beim Unfallhergang spielten, würden erst die Ergebnisse der Ermittlungen und die Befragung der Beteiligten zeigen, sagte ein Polizeisprecher.

Zur ohnehin ungünstigen Witterung hatte der Brand einer nahe gelegenen Lagerhalle in Neuendorf die schlechten Sichtverhältnisse zusätzlich verschärft. Vermutlich nach einer Brandstiftung standen seit Montag 23 Uhr große Mengen illegal entsorgte Bau- und Mischabfälle in Flammen, die dort gelagert waren. Der Rauch zog zeitweise bis über die Autobahn, im Verkehrsfunk liefen ständig Warnungen. Das an der Wittenberger Straße ausgebrochene Feuer wurde mit bis zu 200 Feuerwehrleuten bekämpft. Dennoch loderten immer wieder Glutnester auf. Am Mittwochvormittag warnte die Polizei Anwohner der Ortschaften Niemegk, Neuendorf, Zixdorf und Garrey, die Fenster geschlossen und Lüftungs- und Klimaanlagen auszuschalten, weil an der Brandstelle giftige Gase freigesetzt wurden.

Wegen der nebligen Herbstwitterung ist es in den vergangenen Tagen bundesweit zu schweren Auffahrunfällen gekommen. Erst am Montag starben auf der A 5 bei Homberg in Hessen zwei Menschen. Am vorigen Freitag gab es durch einen Massenunfall mit 52 Fahrzeugen drei Tote und 35 Verletzte auf der A 31 bei Gronau. "Bei Nebel unbedingt Hirn und Licht einschalten", empfiehlt ADAC-Verkehrsexperte Klaus Reindl darum allen Autofahrern, die plötzlich in Nebelbänke fahren. Sinkt die Sicht unter 50 Meter, müssten sofort die Nebelschlussleuchten eingeschaltet werden. Die Distanz ist einfach zu ermitteln, stehen doch bundesweit die Leitpfosten am Straßenrand genau im Abstand von 50 Metern. "Was viele aber nicht beachten: Dann darf auch nicht schneller als 50 km/h gefahren werden", sagt Reindl. Eine an die Witterung angepasste Geschwindigkeit sei das A und O, um Massen-Auffahrunfälle wie jetzt auf der A 9 zu verhindern.

Straßen sind meist glatt

Zu beachten sei dabei, dass jetzt die Straßen durch Reif schon sehr glatt und durch heruntergefallene Blätter auch sehr rutschig sein können. Das könne den Bremsweg erheblich verlängern. Reindl warnt vor einem häufig zu beobachtenden Fehlverhalten bei Nebel. "Da wird oft versucht, soweit auf den Vordermann aufzufahren, dass man dessen Rücklichter gut sehen kann. Der fühlt sich dadurch aber bedrängt und beschleunigt sein Auto. Der hinter ihm fahrende Autofahrer versucht dann dran zu bleiben: Am Ende ist die ganze Fahrzeug-Kolonne viel zu schnell im Nebel unterwegs", sagt der ADAC-Verkehrsexperte. Ist ein Stau in Sicht, empfiehlt Reindl: "Sofort abbremsen und langsam an das Stauende heranfahren." Dann sollte jedoch nicht zu dicht auf das Fahrzeug an das Stauende aufgefahren werden. "Besser ist, dann erst einmal einen Abstand von 25 Metern zu lassen und gleichzeitig aufmerksam in den Rückspiegel zu schauen. Merkt man nämlich, dass der hinter einem fahrende Autofahrer den Stau zu spät sieht, kann man versuchen weiter vorzufahren oder auf den Standstreifen auszuweichen." Am wichtigsten sei eine vorausschauende Fahrweise. Wichtig sei es auch, den Verkehrsfunk zu verfolgen, so der Experte.