Hobbywinzer

Letzte Lese in Neuzelle

| Lesedauer: 5 Minuten
Jeanette Bederke

Der Wein steht gut auf dem Scheibenberg am Kloster Neuzelle. Die 420 Rebstöcke hingen voller süßer Trauben, zuletzt waren nur noch die der weißen Sorte "Aron" an der Rebe. "Die brauchten noch ein paar Tage", sagt Hobbywinzer und Kellermeister Hans-Wilhelm Richter.

Qualitativ ist eine gute Ernte drin. "Mengenmäßig allerdings weniger, da hat uns der Frost im Mai doch viel kaputt gemacht", erzählt der Neuzeller.

Fast hätte es in diesem Jahr gar keine Ernte gegeben, und das lag nicht am Wetter. Der ortsansässige Winzerverein wollte schon das Handtuch werfen, kümmert sich seit Wochen kaum noch um Weinstöcke und Trauben. Pfähle sind umgestürzt, der Weinberg verkrautet immer mehr. Dabei hatten die 22 Mitglieder vor neun Jahren ganz enthusiastisch begonnen - unentgeltlich, in ihrer Freizeit, um die bis 1840 von Mönchen geprägte Tradition des Weinanbaus wiederzubeleben.

Die Anlage des Weinbergs war 2002 eine Kompensationsmaßnahme für Bodenversiegelungen und Rodungen, die bei der Sanierung der Neuzeller Klostermauer erfolgten. Die Pflege übernahm ein Verein, der dazu mit der Stiftung Stift Neuzelle einen Vertrag abschloss. Darin wurde auch vereinbart, dass die Hobby-Winzer geeignete Räume für ihre Aktivitäten erhalten.

Sieben rote und weiße Rebsorten - unter anderem Goldriesling, Frühburgunder, Regent, Muskat und Phoenix - gedeihen seitdem jedes Jahr auf dem einst verwilderten Robinienhang. Die Weinstöcke bildeten die Grundlage für ein besonderes regionales Produkt von Brandenburgs östlichstem Weinstandort, das es nicht einfach so im Laden zu kaufen gibt. Beliebt bei Klosterbesuchern waren bisher Führungen über den Weinberg inklusive Verkostungen. Nun aber sind die Neuzeller Klosterwinzer quasi heimatlos und fühlen sich im Stich gelassen. "Wir sind enttäuscht, unsere Arbeit wird nicht geachtet", heißt es in einem Schreiben an die Stiftung.

Jahrelang hatte der Verein mit Provisorien gelebt: In Kellerräumen konnten sie den Wein verarbeiten und lagern. Nun wird ihr letztes Domizil, das alte Kutschstallgebäude, saniert und umgebaut - zum Museum für die historischen Passionsdarstellungen vom "Heiligen Grab". Auch der Scheibenberg ist Teil der Baustelle: In seinem Inneren entsteht ein rund 300 Quadratmeter großer Ausstellungsraum für das mehrere Meter hohe Kulissentheater. In diesem Zusammenhang wurde auch der Schuppen abgerissen, der bisher die Vereins-Gerätschaften für die Pflege des Weinberges und zum Keltern des Weins beherbergte.

Das allein hat die Vereinsmitglieder jedoch nicht so sehr entmutigt. "Wir wussten ja seit Jahren von den geplanten Umbauten. Uns war aber von der Stiftung Stift Neuzelle ein eigenes Domizil in Aussicht gestellt worden, das wir nun aber gar nicht bekommen", bringt der bisherige Vereinsvorsitzende Werner Berger das Dilemma auf den Punkt.

"Wir sind tatsächlich in einer misslichen Lage", bestätigt Stiftungs-Geschäftsführer Norbert Kannowsky. Geplant war seinen Angaben nach, die Winzer in der alten Schmiede des Klostervorwerks unterzubringen. Die hat einen direkten Zugang zum Weinberg.

In dem Gebäude gibt es Kellerräume zum Verarbeiten und Lagern des Weins, es wäre zudem Platz für die Gerätschaften und für ein Vereinszimmer zum Präsentieren und Verkosten. Doch zunächst muss auch dieses Haus umgebaut werden - für rund 200 000 Euro. Die Stiftung nahm den Umbau zum Winzerhaus in ihren Förderantrag für die Sanierung des Kutschstallgebäudes und der Klosteraußenanlagen auf. Doch im Brandenburger Landwirtschaftsministerium wurde dieses Projekt aus dem Antrag gestrichen. "Es ging um Mittel des Europäischen Landwirtschaftsfonds, und der europäische Rechnungshof ist streng. Das künftige Winzerhaus gehört nicht zum Kutschstallgebäude", bestätigt Klaus Richter, Referent für ländliche Entwicklung beim Brandenburger Landwirtschaftsministerium.

Sowohl die Neuzeller Stiftung als auch der Winzerverein wurden von dieser Entscheidung überrascht. Appelle aus Neuzelle an die Verantwortlichen in der Landesregierung verhallten, allerdings nicht ungehört, wie Referent Richter anführt. "Grundsätzlich ist das Projekt förderfähig. Es müsste aber ein neuer Antrag gestellt werden, in dem der finanzielle Eigenanteil geklärt ist." Genau diese 60 000 Euro sind für Stiftungsgeschäftsführer Kannowsky der springende Punkt. "Wir sind als Stiftung finanziell eher klamm, suchen gemeinsam mit dem Kulturministerium nach einer Lösung", sagt er.

Und die könnte darin liegen, dass Neuzelle Gelder aus dem sogenannten Mauerfonds dafür bekommt, die dem Land Brandenburg in Aussicht gestellt sind. "Wir stehen auf der Liste, über die Mittel entscheidet das Landeskabinett im Herbst", sagt Kannowsky. Bis ein neuer Förderantrag formuliert und bewilligt wird, kann es allerdings noch länger dauern. Zu spät, sagen die Neuzeller Klosterwinzer. "Wir sind nicht arbeitsfähig", meint Berger, der inzwischen den Vereinsvorsitz niedergelegt hat. Arbeiten auf dem Weinberg und weitere Gespräche werde es erst geben, wenn eine Investitionszusage für das Winzerhaus vorliege und eine Sanierung spätestens im nächsten Jahr feststeht, heißt es im Schreiben der Neuzeller Winzer an die Stiftung.

"Wir wurden jahrelang verschaukelt", sagt die neue Vorsitzende Lisa Röske, "es ist nur schade um die Weintradition, die nun den Bach runtergeht." Das will Stiftungs-Geschäftsführer Kannowsky auf keinen Fall. Ungeachtet der "frostigen Stimmung" hat er dem Winzerverein provisorische Räume im ehemaligen Stiftsforstamt angeboten. "Die müssten erst hergerichtet werden, da ist noch nichts passiert", sagt die Vereinsvorsitzende.

"Es ist nur schade um die Weintradition, die nun den Bach runtergeht"

Lisa Röske, neue Vereinsvorsitzende