Basar von Slubice

Reise ins Schnäppchen-Land

Jerzy Kirej steht in seinem noch leeren, aber nagelneuen Laden und schaut um sich. "Hier kommt die Kühlzelle hin, dort die Küche - alles natürlich aus Edelstahl", sagt der 60-jährige Pole, während hinter ihm zwei Elektriker die letzten Kabel verlegen. Am Montag, erzählt er, würde die Leuchtreklame geliefert, die künftig über dem Eingang hängen und hungrige sowie durstige Kunden anlocken soll.

Dann wird es für Kirej auch höchste Zeit, das Bistro einzuräumen. Denn spätestens in einer Woche muss alles fertig sein, am 15. Oktober öffnet der neu errichtete Basar von Slubice, der größte seiner Art entlang der polnisch-deutschen Grenze. So wie seine Kollegen auch, kann es Gastronom Kirej kaum erwarten.

Schließlich haben die Basar-Händler eine lange Durststrecke hinter sich: Vor viereinhalb Jahren war der alte, aus 1200 engen Buden bestehende Markt komplett abgebrannt. Die Händler zogen um in Provisorien auf dem benachbarten Parkplatz, investierten viel Geld in einen Neubau, der durch die Pleite der jeweiligen Baufirma immer wieder ins Stocken geriet.

Provisorische Zeltstadt

Vor allem in der kalten Jahreszeit war die Arbeit in der provisorischen Zeltstadt eine Zumutung. "Noch einen Winter hätten wir das nicht durchgestanden", sagt Marta Kowalska, Inhaberin eines Backwarenstandes. Hell, freundlich und vor allem trocken sei der Neubau, der einer riesigen, überdachten Markthalle aus feuerfestem Metall ähnelt, freut sich die Geschäftsfrau, die ebenso wie Kirej schon seit 20 Jahren auf dem Slubicer Basar Waren verkauft. In den 450 Läden würden zwar nicht alle Händler im Neubau unterkommen. Doch hätten es sich ohnehin nicht alle leisten können, sagen beide.

Sonja (26), Anika (24) und Nadine (22) freuen sich bereits auf das neue Einkaufsparadies. "Da macht das Billig-Shoppen noch mehr Spaß - bei jedem Wetter", sagt Nadine. Die drei Freundinnen aus Berlin sind nahezu jede Woche auf dem Basar.

"Zigaretten, Klamotten und Parfüm", zählt Annika auf, was das Trio aus der Hauptstadt hier meistens kauft. "Es ist schon ein Unterschied, ob ich einen guten Duft für 80 oder 15 Euro bekomme", sagt Sonja, wohl wissend, dass es sich bei den polnischen Angeboten um billige Kopien handelt. "Sie kommen dem Original schon sehr nahe", verteidigt Annika ihren Neuerwerb. Und: Auf dem Rückweg wird noch getankt. An den Zapfsäulen sind sie nicht die einzigen, denn Benzin ist für deutsche Autofahrer aufgrund des schwachen Zlotys derzeit besonders günstig. Ein Liter Diesel kostet umgerechnet 1,19 Euro, ein Liter Super 1,21 Euro. "Das sind teilweise 40 Cent weniger als in Deutschland - ein Wahnsinn", rechnet Achim Mertens aus Zeuthen vor. Er füllt an einer der dicht umringten Tankstellen von Slubice vorsorglich noch seinen 20 Liter fassenden Reservekanister.

Lediglich wegen des billigeren Sprits nach Polen zu fahren, rentiere sich dennoch nicht, gibt Wolfgang Goldmann zu bedenken. "Das verfährt man ja gleich wieder, wenn man nicht um die Ecke wohnt." Der Berliner legt gerade vor dem innerstädtischen Einkaufszentrum "Prima Galeria" mehrere Stangen Zigaretten in den Kofferraum seines Wagens.

"Das lohnt sich wirklich - eine Stange Marlboro kostet hier 25 Euro, bei uns 20 Euro mehr", sagt seine Frau Andrea Goldmann. Während die beiden einpacken, wartet bereits ein anderer Autofahrer auf ihre Parklücke. "Ach, das ist noch gar nichts. Wenn es Anfang des Monats Geld gegeben hat, kriegen Sie in ganz Slubice nur mit Rieseinglück noch einen Parkplatz", meinen die beiden Marienfelder, die alle zwei Monate in die polnische Grenzstadt fahren.

"Seit der Zloty so auf Talfahrt ist, kommen die Deutschen verstärkt", bestätigt Gemüsehändler Marek Pistak. Er selbst und seine Familie haben gern auf der deutschen Seite eingekauft, ausgesuchte Lebensmittel, hochwertige Elektronik, Kosmetika. "Das wird allerdings immer unerschwinglicher", bedauert der 54-Jährige. Dass sein Dilemma mit der Schuldenkrise in Europa zu tun haben könnte, darauf würde der Slubicer wohl im Leben nicht kommen. "Doch, es ist so", sagt Mario Quast vom deutsch-polnischen Kooperationsbüro der Sparkasse, "internationale Anleger ziehen sich momentan massiv aus Polen zurück und legen ihr Geld lieber in anderen Währungen an."

Diese globalen Zusammenhänge sind den meisten deutschen Käufern im Basar von Slubice ziemlich egal. "Wie hoch der Wechselkurs ist, interessiert mich nicht", erzählt Kerstin Schulz, die mit ihren drei Arbeitskollegen per Zug und Bus aus Berlin angereist ist. "Die Bahn war voll. Und die wenigsten scheren sich um den Zloty, wenn man eh alles in Euro bezahlen kann", sagt die Spandauerin und steuert die Einkaufswagen vor einem Slubicer Supermarkt an. Sie kennt sich aus. "Die Literflaschen Schnaps sind um die Hälfte billiger", sagt die 35-Jährige. Für 50 Euro sei der Wagen hier wenigstens voll, in Deutschland wundere man sich bei gleicher Summe angesichts der wenigen Waren, die man im Korb habe, ergänzt ihr Begleiter Torsten Müller.

Auch Markt-Gastronom Jerzy Kirej stört die Talfahrt seiner heimischen Währung kaum. "Auf dem Basar wird eh alles in Euro bezahlt - und essen oder trinken müssen die Leute in guten wie in schlechten Zeiten", sagt der 60-Jährige augenzwinkernd.