Kriminalität

Schüsse auf Läden - Polizei ermittelt im Rocker-Milieu

Die Gewalt zwischen den verfeindeten Rockerclubs Hells Angels und Bandidos hat am Donnerstagabend einen dramatischen Höhepunkt erreicht. Gegen 18.25 Uhr schoss ein bislang unbekannter Täter mehrere Male auf zwei Geschäfte an der Provinzstraße in Reinickendorf.

Der Mann soll laut Zeugen auf einem Fahrrad an einem Tattoo-Studio vorbeigefahren sein, die Waffe gezogen und abgedrückt haben. Auch auf ein Bekleidungsgeschäft hatte es der Täter abgesehen. Mehrere Projektile schlugen in dem Schaufenster des Ladens ein. Nach Einschätzungen eines Ermittlers hätte der Schütze durchaus auch Unbeteiligte töten oder schwer verletzen können. Der Täter nahm dies offenbar billigend in Kauf. Menschen wurden glücklicherweise nicht verletzt. Dem Vernehmen nach ist zumindest das Tattoo-Studio an der Provinzstraße den Bandidos zuzurechnen. Als mögliche Auftraggeber kommen die "Hells Angels Berlin City", um den Türken Kadir P. in Frage - dieser war im vergangenen Jahr spektakulär mit 80 Gefolgsleuten von den Bandidos zu den Hells Angels übergetreten. Dieser Schritt galt weltweit in der Rocker-Szene als einzigartiger Vorgang. Seit wenigen Wochen nennen sich Kadir P.s Männer "Hells Angels Berlin City".

Die Polizei bestätigte auf Anfrage, dass die Tat mit dem Rockermilieu in Verbindung gebracht werde. Kurz nach der Tat sperrten Polizeibeamte den Tatort ab. Wenig später setzten die Beamten auch Spürhunde ein und suchten die Umgebung ab. Zur Sicherheit wurden mehrere Polizisten sofort zum nur wenige Kilometer entfernten Clubhaus von Kadir P. und seinen Männern in die Residenzstraße geschickt. Mit einem Großaufgebot fuhren die Beamten zudem zum Clubhaus der Bandidos an der Quickborner Straße. Mit Maschinenpistolen sicherten sie den Bereich ab, zu Zwischenfällen soll es nicht gekommen sein. Auch an dem Hells-Angels-Clubhaus an der Residenzstraße blieb es zunächst ruhig, obwohl sich mehrere Rocker vor dem Gebäude versammelten. Nach Angaben der Polizei wurde im Laufe des Abends ein Mann festgenommen. Ob er zu den Hells Angels gehört, konnte die Polizei nicht sagen. Gerüchten zufolge soll dieser Mann bereits am Nachmittag in der Provinzstraße bei einem Messerangriff verletzt worden sein. Ob die Schüsse dort später aus Vergeltung abgegeben worden sind, lässt sich nur vermuten.

Immer wieder brutale Übergriffe

Die Tat würde aber in die Serie der gewalttätigen Übergriffe zwischen Rockern passen. Denn in der Vergangenheit kam es immer wieder zu brutalen Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Banden, größtenteils ausgelöst von Kadir P. Dabei hatten die Hells Angels und die Bandidos erst im Mai des vergangenen Jahres in einer medienwirksamen Vereinbarung Frieden miteinander geschlossen. Diese Abmachung ist nach Ansicht der Ermittler aber hinfällig. Laut einem internen Papier des Landeskriminalamtes, das der Berliner Morgenpost vorliegt, bestätigen sich damit die Befürchtungen der Polizei. So rechnen die Ermittler seit längerem damit, dass im Falle eines Aufeinandertreffens "körperliche Auseinandersetzungen unter Anwendung von Hieb- und Stichwaffen wahrscheinlich" sind. Dass auch scharfe Schusswaffen verwendet werden könnten, kalkulierten die Ermittler mit ein. Ihre düsteren Prognosen sind nun wahr geworden.

Die Rocker schrecken bei ihren Auseinandersetzungen weder vor Prügeleien, Messerstechereien oder Brandstiftung zurück. Am 8. September wurden Mitglieder der Straßengang "The Streetfighters" von mutmaßlichen Rockern der Hells Angels mit Messern angegriffen. Ziel war es, sie als Unterstützer für die Bande zu gewinnen. Am selben Tag brach wiederum ein Feuer in einem von den Hells Angels genutzten ehemaligen Lokal aus. In anderen Fällen konnte die Polizei Auseinandersetzungen zwischen den Hells Angels und den Bandidos am Schöneberger Winterfeldtplatz verhindern, die von der Gruppe um Kadir P. ausgegangen sein sollen.

Die Polizei versucht unterdessen, mit Razzien und Wohnungsdurchsuchungen Druck auf die Banden auszuüben und durch diese Aktionen die Szene zu verunsichern. Erst in der Nacht zum 27. September stürmte ein Spezialeinsatzkommando (SEK) das Clubhaus der Hells Angels an der Residenzstraße. Nur knapp eine Woche zuvor hatte es einen ähnlichen Einsatz an dieser Adresse gegeben, um Waffen sicherzustellen und den Machenschaften der Rocker um Kadir P. ein Ende zu setzen. Denn nach Angaben von Ermittlern sind es eben diese türkischstämmigen Rocker, von denen immer wieder Gewaltaktionen ausgehen. So verhinderte am 16. August nur das zufällige Erscheinen der Polizei eine Schlägerei zwischen den Hells Angels um Kadir P. und den Bandidos in Reinickendorf. Am 27. August gab es eine Schlägerei unter Rockern an der Boxhagener Straße in Friedrichshain, Zeugen identifizierten erneut P.s Männer.

Laut Angehörigen des Landeskriminalamts hätte das Problem Kadir P. schon längst aus der Welt geräumt werden können. Vor drei Jahren soll Kadir P. versucht haben, einem Türsteher in den Hals zu stechen. Nach der U-Haft wurde er jedoch wieder freigelassen Bislang wurde noch kein Gerichtstermin gefunden.