Prozess

Sie erbeuten 15 Euro und einen Fernseher

Es war eine Gewaltorgie von kaum fassbaren Ausmaßen. Stundenlang haben zwei Männer einen Bewohner eines Obdachlosenheims in Beeskow (Oder-Spree) auf bestialische Weise gequält, um von ihm Geld zu erpressen.

Das Opfer überlebte die grausame Tat im Februar dieses Jahres nur dank einer Notoperation. Am Mittwoch hat vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) der Prozess gegen die beiden mutmaßlichen Täter begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft den 22 und 24 Jahre alten Männern erpresserischen Menschenraub, gefährliche Körperverletzung und schweren Raub vor. Die Angeklagten schweigen bislang zu allen Vorwürfen.

Im großen Verhandlungssaal des Landgerichts herrscht beklommene Stille, als zu Beginn der Hauptverhandlung die Anklage verlesen wird. Es ist das Protokoll menschenverachtender und völlig enthemmter Gewalt, das die Anklagebehörde vorträgt. Das Opfer wurde nicht nur geschlagen und mit Fußtritten gegen den Kopf malträtiert, die Täter versetzten ihm auch mit einem Taschenmesser und einer Schere unzählige Stiche in beide Oberschenkel. Die Ärzte des Krankenhauses, in dem der heute 45-Jährige nach der Tat notoperiert wurde, diagnostizierten zwei Dutzend Stichwunden und einen Schädelbasisbruch. Lange war unklar, ob das Opfer ohne Folgeschäden überlebt.

Das entsetzliche Geschehen spielte sich in der Nacht vom 17. auf den 18. Februar in dem Obdachlosenheim ab, in dem neben dem Opfer auch einer der Tatverdächtigen zu der Zeit ein Zimmer hatte. Der Abend begann für die Angeklagten mit einem ausgiebigen Trinkgelage. Als die nicht unerheblichen Vorräte zur Neige gingen, der Durst der Männer aber noch lange nicht gelöscht war, sollen sie beschlossen haben, das nötige Geld zur Beschaffung von Nachschub von dem 45-Jährigen zu holen. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft betraten sie das Zimmer des Mannes und forderten ihn zur Herausgabe von Bargeld auf. Der 45-Jährige soll sich zunächst geweigert haben und deshalb mit zahlreichen Faustschlägen traktiert worden sein. Aus Angst vor weiteren Schlägen soll er den Angreifern schließlich 15 Euro gegeben haben.

Erst Trinkgelage, dann Tritte

Den Eindringlingen reichte dies offenbar nicht. Damit begann für das Opfer das eigentliche Martyrium. Weil sich in seinem Zimmer ein Flachbildfernseher, eine Fotokamera und etwa 50 Schachteln Zigaretten befanden, witterten die Eindringlinge offenbar lohnendere Beute und beschlossen, den 45-Jährigen zur Herausgabe zu bewegen. Immer und immer wieder sollen sie ihrem Opfer in den Oberschenkel gestochen haben, unterbrochen wurden die qualvollen Attacken nur von der wiederholten Aufforderung, endlich Geld herauszurücken. Die verzweifelten Beteuerungen des sich vor Schmerzen krümmenden Mannes, er habe nicht mehr Geld, hätten die Angeklagten völlig ignoriert, heißt es in der Anklageschrift. Stattdessen sollen die Angeklagten begonnen haben, ihr Opfer mit Fußtritten gegen Kopf und Oberkörper zu traktieren. Dass der 45-Jährige diese Attacken überlebte, grenzt nach Einschätzung von Medizinern schon fast an ein Wunder, denn die Angreifer trugen mit Stahlkappen versehene Springerstiefel.

Stundenlang musste das Todesängste ausstehende Opfer die mit unglaublicher Brutalität ausgeführten Attacken ertragen, bevor die wie von Sinnen auf ihn eintretenden und schlagenden Angreifer endlich von ihm abließen. Offensichtlich frustriert über ihren Misserfolg, rasierten die Männer dem 45-Jährigen am Schluss noch Haare und Bart, bevor sie mit den erpressten 15 Euro und dem Fernseher des Opfers als Beute das Zimmer verließen und aus dem Heim flüchteten. Mitbewohner des Heims fanden den bewusstlosen 45-Jährigen kurze Zeit später und riefen Polizei und Rettungsdienst. Dank präziser Zeugenaussagen hatte die Suche nach den mutmaßlichen Tätern schnell Erfolg. Sie konnten bereits zwei Tage später festgenommen werden. Ein Richter erließ gegen beide Haftbefehl.

Mit Handschellen gefesselt wurden beide Angeklagte am Mittwoch in den Sitzungssaal geführt, wo sie der Verhandlung stumm und ohne jede Regung folgten. Das Gericht hat für den Prozess gegen die beiden Männer drei Verhandlungstage angesetzt. Dabei sollen insgesamt 16 Zeugen gehört werden. Außerdem wird ein Sachverständiger Auskunft darüber geben, ob die Angeklagten im "Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit" handelten. Das Urteil will das Gericht am kommenden Mittwoch verkünden.