Architektur

Ein Traum von einem Schloss

"Schloss Neuenhagen" steht auf dem holzgeschnitzten Schild neben der Kirche des Dorfes Neuenhagen. Was nach einem prunkvollen Bauwerk klingt, stellt sich jedoch als weniger prunkvoll heraus. Gäbe es das Schild nicht, der Besucher würde das historische Bauwerk fast übersehen. Von außen hat das aus dem 16. Jahrhundert stammende Gemäuer wenig Glamouröses.

"Die Schönheit des Hauses erschließt sich erst von innen. Das ist schlichte Renaissance und kein protziger Barock", sagt Christina Bohin und öffnet die verwitterte zweiflügelige Eingangstür. Christina Bohin hat Schloss Neuenhagen im vergangenen Winter gekauft. Gemeinsam mit ihrer Familie lebt sie inzwischen dort.

Warmes Sonnenlicht fällt durch die gegenüberliegenden Fenster. Der Hausflur beeindruckt mit einem dekorativen Tonnengewölbe. Eine dreiläufige, hölzerne Treppe führt seitlich in die Räume der oberen Etage. Dieser Anblick, sagt Christina Bohin, habe sie im vergangenen Winter einfach verzaubert. "Ich fühlte mich wie im Bauch eines Wales und wusste: Das ist es, was ich so lange gesucht habe", erinnert sich die Künstlerin. Schon als Kind habe sie vom eigenen Zuhause mit dem besonderen Etwas geträumt. "Ich bin in Regensburg aufgewachsen, einer alten Stadt mit vielen schönen Häusern, in deren Kellern wir immer gespielt haben", sagt Christina Bohin. Zunächst verschlug es die gebürtige Bayerin nach Berlin, wo sie jahrelang als Kunst-Fotografin arbeitete und einen Sohn und zwei Töchter zur Welt brachte. Doch die Sehnsucht aus Kindertagen blieb. "Ich wollte was Altes - im Dreck wühlen und Ideen dabei verwirklichen", sagt sie.

Unzählige Schlösser und Herrenhäuser hatte sich die 43-Jährige in den vergangenen drei Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Andreas Unterberger und den Töchtern Leonie (11) und Charis-Marie (6) angeschaut. Und eigentlich war die Familie im Burgenland schon fündig geworden. "Wir sind beide aus dem Süden, lieben die Berge", sagt Andreas Unterberger. Bei seiner Frau sprang der Funke in Sachsen jedoch nicht über. Erst in Brandenburg, beim Schloss Neuenhagen, letzten Winter.

Für 40 000 Euro gekauft

"Meine Oma hat immer gesagt: Alte Häuser suchen sich ihre Besitzer", sagt sie. Und schließlich sei die hügelige Endmoränen-Landschaft rings um Bad Freienwalde, wo es sogar Skischanzen gibt, alles andere als Flachland.

Dem kann Elvira Kleest nur zustimmen. Die Chefin des Schloss-Fördervereins war erleichtert, als sich anderthalb Jahre, nachdem der Kindergarten als letzter Nutzer ausgezogen war, neue Besitzer für den baugeschichtlichen "Schatz des Ortes" fanden, wie sie sagt. "Und dann auch noch welche mit Vorstellungen zur künftigen Nutzung als offenes Haus, was genau unseren Träumen entsprach", erzählt die gebürtige Neuenhagenerin, die mit Christina Bohin schon an den Vorbereitungen für die 675-Jahrfeier des Ortes im nächsten Jahr arbeitet. Für 40 000 Euro verkaufte die Stadt Bad Freienwalde das 440 Jahre alte Anwesen - an Interessenten ohne Geld und Pläne für ein Luxushotel.

"Ich habe die Dörfler ermahnt, dass sie die neuen Schlossbesitzer auch ja freundlich aufnehmen", sagt Elvira Kleest. Seit dem Frühsommer lebt die Familie jetzt hier. Tochter Leonie geht in Eberswalde zur Schule, die jüngste in die Grundschule des Dorfes. Beide Kinder haben sich schnell eingelebt. "Einmal die Woche hat Leonie Reitunterricht und meine Kleinste ist mehr bei der Bäuerin und ihren Tieren nebenan als zu Hause", erzählt Christina Bohin. Sie selbst freut sich über die neu gewonnene Unabhängigkeit, die ihr wichtiger sei als die Karriere, wie sie sagt.

"Natürlich brauche ich ab und zu die Großstadt, in der ich so lange gewohnt habe", gibt sie zu. Doch ansonsten fehle ihr nicht viel, auch wenn es manchmal schwer sei, "die Stille hier draußen auszuhalten". Meist aber lebt die Bayerin die Begeisterung für ihre neue Heimat aus. "In der Schlichtheit des Gebäudes steckt ganz viel Schönheit." Als Fotografin habe sie ein geschultes Auge für entscheidende Details. Und "als Künstlerin war ich immer auf der Suche nach Dingen, die nicht so offensichtlich leuchten."

Ihre Freude will Christina Bohin mit Anderen teilen. Nächsten Sommer wird sie schon mit Gästen vor dem Schloss sitzen, ist die Neu-Brandenburgerin überzeugt. Denn das alte Gemäuer in Neuenhagen ist mit seinen Dutzend Zimmern und Gewölben für die Familie viel zu groß. "Wir wissen, worauf wir uns einlassen, wir sind keine hoffnungslosen Romantiker", sagt Christina Bohin. Ein Café mit Säften und Kuchen aus regionalen Zutaten im einstigen Rittersaal, dazu Lesungen, Ausstellungen, und Theater im weiträumigen Gewölbekeller, ein Kunst-Kaufhaus gleich neben dem Eingang sowie eine öffentlich zugängliche Bibliothek in der früheren Schloss-Kapelle gehören ebenso zum Konzept der neuen Schlossbesitzer wie drei Gästezimmer im Obergeschoss.

"Ich stamme aus einer Familie, in der Gastronomie und Kunst immer eine wichtige Rolle gespielt haben", sagt die Schlossherrin, die wieder künstlerisch arbeiten will. Fotografische Stillleben haben es ihr jetzt besonders angetan. Momentan gilt die ganze Aufmerksamkeit jedoch dem Haus selbst, das das Ehepaar nach und nach von Asbest, Linoleum und anderen DDR-Hinterlassenschaften befreit. "Wir wollen freilegen, aber nicht zukleistern. Der Weg ist das Ziel - und wenn es 20 Jahre dauert", sagt Andreas Unterberger. Um im gleichen Atemzug davor zu warnen, alte Gebäude "tot zu sanieren".

Mit Farbe Atmosphäre schaffen

Auch mit bescheidenen Mitteln lasse sich Atmosphäre schaffen, ergänzt seine Frau, die den Perfektionsanspruch in der heutigen Gesellschaft "einfach furchtbar seelenlos" findet. Was beide damit meinen, lässt sich anhand der ersten drei bereits bewohnbaren Räume erahnen. Holzbohlen und Kachelöfen verbreiten ebenso Gemütlichkeit wie die warmen, kräftigen Farben der riesigen Sofas. So könnte es einst hier ausgesehen haben, als das Adelsgeschlecht von Uchtenhagen auf dem Schloss lebte. Die ältesten, noch zu findenden Fotos stammen allerdings von 1903 - da war vom Original schon nicht mehr viel erhalten.

Nur kurze Zeit, sagt Elvira Kleest, sei das Schloss auch als solches genutzt worden. "Der letzte Schlossherr, Hans von Uchtenhagen, verkaufte es 1605 an die Domäne Neuenhagen, weil er keine Erben hatte", erzählt die Fördervereinsvorsitzende, deren Recherchen nach das Gebäude zu den ältesten Brandenburgs gehört und einst als Amtshaus genutzt wurde. Im 19. Jahrhundert lebte hier der Gutspächter, nach 1945 dienten Teile als Tischlerei und Wäscherei.

Jetzt kommt Unterbergers Kollektion alter Kronleuchter, Gemälde und Spiegel ebenso wirkungsvoll zum Einsatz, wie antiquarische Möbel, die das Paar über Jahre zusammengetragen hat.

Seit wieder Menschen ins Schloss Neuenhagen eingezogen sind und dort wohnen, schauen fast täglich Neugierige vorbei. "Oft stehen sie direkt vor dem Haus und fragen, wo das Schloss denn nun eigentlich sei", sagt Christina Bohin und schmunzelt. Aber das Interesse an dem Gebäude gebe ihnen immer wieder Kraft. "Und motiviert", sagt sie.