Historischer Wanderführer

Retro-Wandern im Selbstversuch

Natürlich wäre auch im Wald alles leichter mit einem Navi. Wegepunkte ließen sich in das GPS-Gerät einprogrammieren, fertig. Alles könnte so einfach sein. Niemand müsste dann die Markierung am Baumstamm suchen.

Oder sich davor fürchten, dass auf dem nächsten Wegweiser genau der Ort, wo man hinwill, gar nicht mehr auftaucht. Wahrscheinlich wüsste man mit solch einem Gerät auch jetzt hier unten, mitten in der Schlucht, wo der kleine Seitenarm des Labyrinths hinführt, ob man ihn genauso nehmen könnte. Aber unser Wanderführer ist anders. Er sagt nur: "Man muss hier die Einsamkeit lieben und rüstig zu Fuß sein." Fertig. Also weiter durch den Fläming, 80 Kilometer südlich von Berlin. Ohne Technik, ohne iPhone-App. Gelassenheit ist die oberste Tugend im Wald. Unten arbeiten die Beine, das kühlt den Kopf. Ansonsten braucht man nicht viel: Wanderschuhe, Rucksack, Regenjacke. Da hat sich in den vergangenen 90 Jahren nichts geändert. So lange ist es nämlich bald her, dass unser Wanderführer erschien. "1000 Wege um Berlin" hieß in den späten Zwanzigerjahren ein sehr populärer Reiseführer, den die Berliner Morgenpost herausbrachte. Wandern war Volkssport. Bis 1940 gab es immer neue Ausgaben.

Nun fand sich eben dieses kleine Büchlein beim Kreuzberger Trödler: In etwas abgewetztem Einband lagen die gelb-blauen "1000 Wege" zwischen anderen Reiseführern, ein Band von 1928. Einst zu haben für 90 Pfennig, jetzt gehandelt um die zehn Euro. Damit begann der Versuch: Wie sehen die Routen heute aus, wer wandert überhaupt? Schnell sind die Stiefel aus dem Keller hervorgeholt, sie haben auch diesen leichten Feuchte-Geruch an sich, so wie das altmodische Buch vom Wandern. Auf vergilbtem Papier gibt es Anleitungen zum Sonntagsausflug, zum kleinen Glück.

Wirklich staunen lässt einen, wie viele bergige Touren die Autoren um die Stadt herum ausmachten. Schluchten, Steilwände, Gipfel? Im tellerflachen Brandenburg?

Es gibt sie. Aufzuspüren im Hohen Fläming, ganz ohne Satellitennavigation. Man muss nur eben völlig altbacken wandern. Dann findet man sich etwa in einer dieser schmalen Rinnen wieder, einer gebirgsartigen Furche im Wald. Bitte immer bergab gehen, "nicht in die Seitentäler abbiegen!", sagt unser angegrauter Wanderführer dazu. Sonst verläuft man sich dort nur. Also hinab bis zum Ausgang der "Rummel". So heißt solch ein Landschaftseinschnitt, der zehn, zwanzig Meter tief sein kann. Rummel waren schon um 1930 die Attraktion in der Gegend um Belzig, Wiesenburg und Niemegk herum. Gletscher haben einst beim Abtauen kilometerlange Furchen hinterlassen, sie wurden im Laufe der Zeit durch Regen und Erosion nur noch tiefer ausgewaschen.

Eineinviertel Stunden braucht der Zug vom Berliner Hauptbahnhof hierhin, nach Wiesenburg. Etwas außerhalb des Ortes liegt die Bahnstation. Gerade wird sie von engagierten Leuten aus der Umgebung zum Kultur-Bahnhof ausgebaut, sie haben ihn gekauft. Etwa zwanzig Minuten geht es zu Fuß zum Schlosspark Wiesenburg. Das ist ein englischer Garten mit allem, was dazugehört: Teich, Felsgrotten und Terrassenbeete. Das Renaissanceschloss selbst rühmte unser Wanderführer schon als "das fröhlichste der Mark außer denen in Potsdam". Es hat einen geschlossenen Innenhof mit einem zierlichen italienischen Brunnen in der Mitte. Der Reiz ist ungebrochen. Heute ist das sanierte Schloss in luxuriöse Eigentumswohnungen aufgeteilt. In den Hof aber darf jeder. Von Wiesenburg aus führt seit jeher eine beliebte Wanderung gen Belzig, sie gehört zu den "1000 Wegen" aus dem alten Buch. Dort geht es denn auch in die versprochenen Berge und Schluchten: Im Dorf Schlamau liegen berühmte Rummel, in sieben Windungen ziehen sich die Furchen durch den Wald. Sie sind wirklich ein Phänomen. Je weiter man hineingelangt, desto stärker verändert sich die Wahrnehmung. Erst ist es nur ein schmaler Weg. Dann, nach den ersten Kurven, fallen einem schon die Licht-und-Schattenspiele im Farn und im Moos am Wegesrand auf. Nur einzelne Sonnenstrahlen gelangen durch die Bäume. Und schließlich, ist da noch etwas: Alles ist so wahnsinnig still. Da lässt es einen schon aufhorchen, wenn nur ein Specht in der Ferne hämmert.

Dann folgt ein Marsch auf einem Höhenzug zum Hagelberg. "Höchste Erhebung in Brandenburg" steht auf dem Schild, das Wort "Berg" traut man sich bei 200 Metern wohl nicht zu sagen. Aber er hat sogar ein Gipfelkreuz - und der Reiseführer von früher hielt sich auch nicht so vornehm zurück. Für ihn musste man "den Gipfel erklimmen". "Napoleon bekam hier oben etwas drauf", sagt indes ein Mann aus der Gegend, der an seinem freien Tag mit dem Rennrad unterwegs ist. 1813 gewannen märkische Truppen auf dem Hagelberg eine Schlacht gegen die Franzosen, ein Denkmal steht nebenan. Einige kleinere Wandergrüppchen sind zu sehen, das einzige Gipfelkreuz Brandenburgs will sich offenbar keiner entgehen lassen. Danach führt der Weg nach Belzig und zur Burg Eisenhart. Eine überschaubare Tour ist das ganze, sie misst 15 Kilometer. Bei dieser Länge beginne überhaupt erst eine Wanderung, sagt Thomas Lenk, Vorsitzender des Berliner Wanderclubs. Drunter geht es kaum, und ein zünftiger Tagesmarsch liegt bei 25 bis 30 Kilometern. Den Verein, der 230 Mitglieder zählt, gibt es seit bald 120 Jahren. An Wochenenden wandern sie in Berlin und Umland. Im Spätsommer 1927, weiß Lenk, begeisterten sich auch seine Vereinsvorfahren für eben diese Route Wiesenburg-Belzig. "Eine der schönsten aller Fahrten", stand hinterher im Bericht - ähnlich euphorisch, wie auch das 1000-Wege-Buch darüber schrieb. In Lenks Verein wird dieses sogar noch heute zu Rate gezogen, einige haben es ererbt und im Schrank. Ältere Mitglieder freilich. Von denen gibt es viele, wer heute im Verein wandert, ist meist über 60. Im Wanderverband Berlin, in dem alle Clubs von Wander- und Gebirgsfreunden zusammengefasst sind, ist Thomas Lenk auch Landesjugendwart. "Allerdings", sagt er, "gibt es seit Jahren keine Jugendlichen."

Wer die Landschaft durchstreifen will, tut es heute eher in lockeren Gruppen und auf eigene Faust. Im Fläming aber setzen die Tourismusmitarbeiter trotzdem auf eine neue Wanderbewegung. Wie stark, ist mittlerweile an jeder Weggabelung zu sehen: Überall neue hölzerne Stelen mit Wegweisern, neue Sitzbänke, neue Schutzhütten für die Pause. Der Deutsche Wandertag wird hier Ende Juli 2012 stattfinden, dazu werden mehr als Zehntausend Besucher erwartet. Und das sollen nicht nur Seniorengruppen sein. Mehr als 35 Rundtouren gibt es, die man an einem Tag gehen kann, familiengerechte und sogar rollstuhltaugliche. Zudem werden viele Wanderleiter ausgebildet. An die 200 werden es bis zum Wandertag sein, sagt Stefan Ratering vom Naturparkzentrum in Raben. Der ganze Wald wird aufgemöbelt - und aufgerummelt, im wahrsten Sinne.

Rummel müssen an jeder Wanderung liegen, vieles wird darauf zugeschnitten. Schon damals empfahl sie der Wanderführer wirklich alle, ob nun Braut- oder Pastorenrummel, die Große Rummel in Neuendorf oder jene im Ort Spring. Auch dieses Miniatur-Dorf hat eine mächtige Furche im Wald. Sie liegt südlich von Wiesenburg, man geht vom Bahnhof etwa eineinhalb Stunden bis dorthin. Danach, hieß es damals in den "1000 Wegen", müsse der Wanderer unbedingt auf den naheliegenden Frauenberg und seine Aussichtsplattform: "An klaren Tagen sieht man bis Potsdam und bis zu den Schloten von Coswig und Roßlau".

Doch damit ist es heute vorbei, der Berg ist dicht bewaldet. Mit Ausdauer kann man nun noch zwei, drei Stunden weiterlaufen, in die Gegend um Raben. Auf romantische Dörfer geht es zu, durch Alleen von Obstbäumen, etwas bergan, als wäre man im Allgäu. Und in Raben selbst findet man dann doch die grandiose Aussicht: Von der Burg Rabenstein, deren mittelalterlicher Turm alle Laub- und Kiefernwälder überragt. Zum Glück fährt von hier aus an Wochenenden ein "Naturparkbus" bis Belzig, rechtzeitig zum Zug nach Berlin.

"Man muss hier die Einsamkeit lieben und rüstig zu Fuß sein"

1000 Wege um Berlin, Wanderführer aus den 1920er-Jahren, herausgegeben von der Berliner Morgenpost