Integration

Der zähe Kampf um einen Hortplatz

Gülseren Erkan kämpft um einen Hortplatz an der Neuköllner Sonnen-Grundschule für ihre sechsjährige Tochter Helin. Und das, obwohl das Jugendamt ihren Antrag schon zwei Mal abgelehnt hat. Begründung: Die Mutter ist nicht berufstätig. Doch Gülseren Erkan will dennoch, dass ihr Kind bis 16 Uhr an den Nachmittagsangeboten in der Schule teilnimmt. "Ich spreche Türkisch und kann deshalb den Kindern nicht bei den Schulaufgaben helfen", sagt sie.

Die Bildung und Integration ihrer Kinder seien ihr aber sehr wichtig. Bei ihrer älteren Tochter Hava war das Grund genug, einen Hortplatz ab der ersten Klasse zu genehmigen. Für ihre jüngere Tochter Helin reicht die Tatsache, dass die Mutter kein Deutsch spricht, nicht mehr aus. "Die Mitarbeiterin beim Jugendamt hat gesagt, in der ersten Klasse gibt erst mal sowieso keine Hausaufgaben", sagt die Mutter, die sich für den Termin beim Amt extra einen Dolmetscher besorgt hatte. Der Antrag wurde gar nicht erst angenommen.

Mehr als nur Hausaufgaben

Die Mutter weiß allerdings, dass die Förderung im Hort viel mehr ist als nur die Erledigung von Hausaufgaben. Ihre ältere Tochter Hava geht inzwischen in die dritte Klasse. Sie singt am Nachmittag in der Sonnen-Grundschule im Chor, hat Auftritte mit der Tanzgruppe, die Erzieherinnen üben mit ihr Mathe, wenn sie etwas nicht verstanden hat.

Die Hortleiterin Marion Kunze ist empört. "Wir freuen uns, wenn die Eltern die Ganztagsangebote für ihre Kinder wahrnehmen wollen", sagt sie. Für die meisten sei diese Förderung dringend notwendig. Doch nur ein Drittel der Schüler besucht den Hort. Es gibt an der Schule 40 freie Plätze. Meist würden die Eltern, die einmal beim Jugendamt weggeschickt werden, auch nicht mehr wiederkommen, sagt Kunze. Ihre vorher geleistete Überzeugungsarbeit würde damit zunichtegemacht.

Doch Gülseren Erkan will nicht so schnell aufgeben. Die Hortleiterin hat eine schriftliche Begründung geschrieben, warum für Helin ein Platz im Ganztagsbetrieb sinnvoll wäre. "Es geht gar nicht darum, die Mutter zu entlasten, es geht allein um die Vorteile für das Kind, das hier in einem deutschsprachigen Umfeld wäre", sagt Kunze. Doch das Amt blieb bei der Ablehnung. Nach vielen Telefonaten soll die Mutter nun das Sprachlerntagebuch aus der Kita kopieren, um gravierende Defizite bei ihrer Tochter nachzuweisen. Doch Helin hat keine Defizite. Durch den Kita-Besuch hat sie sich gut entwickelt, bestätigt auch die Hortleiterin. Ihre Deutschkenntnisse sind für den Schulbesuch ausreichend. Die Mutter will, dass das so bleibt. Beim Jugendamt dagegen habe man ihr gesagt, sie solle sich wieder melden, wenn die Lehrer nach einem halben Jahr Lernschwierigkeiten feststellen würden.

"Ich hoffe sehr, dass ich vorher einen Hortplatz bekomme", sagt Gülseren Erkan. Sie selbst hatte schon einmal einen Deutschkurs begonnen, um ihren Kindern besser helfen zu können. Doch die jüngere Tochter war häufig krank, sodass sie den Kurs wieder abgebrochen hat.

Vor zehn Jahren ist sie aus der Türkei nach Berlin gekommen. Die deutsche Sprache fällt ihr sehr schwer. Das Wichtigste kann sie verstehen, aber ihre Kinder sprechen die Sprache besser als sie.

Die derzeitige Rechtslage sehe eine Einzelfallprüfung vor, verteidigt Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) das Vorgehen des Jugendamtes. Allerdings würden nach der Prüfung der sozialpädagogischen Begründung durch die Schule mehr als 90 Prozent der Anträge bewilligt. Buschkowsky befürwortet für Schulen in sozial schwachen Wohngebieten antragsfreie Hortplätze für alle Kinder.

Die CDU geht noch einen Schritt weiter. "Wir haben schon vor zwei Jahren den Wegfall der Bedarfsprüfung gefordert", sagt Sascha Steuer, bildungspolitischer Sprecher der CDU. Ganztagsschulen sollten kein Betreuungsangebot für berufstätige Eltern sein, sondern ein Bildungsangebot für alle gleichberechtigt, so Steuer. Die CDU setzt sich schon seit vielen Jahren mit dem Problem der Sozialbetreuer auseinander. Immer wieder versuchen auch Experten der anderen Parteien, individuelle Lösungen für die Probleme der Eltern zu finden. Allerdings scheitert das häufig im Gestrüpp der Verantwortungen zwischen den Schulverwaltungen der Bezirke und des Senats.