Demografie-Studie

Hilfe auf Rädern - Senioren-Shuttle zum Supermarkt

Im Büro des Edeka Neukauf klingelt das Telefon beinahe ununterbrochen. Frau Fischer möchte am nächsten Tag um 10 Uhr abgeholt werden, Herr Klein um 13 Uhr. Gerade ist Marianne Hausig dran, sie bestellt den Fahrer wie jede Woche für Donnerstag, 8 Uhr früh.

Die 74-Jährige zählt zu den Stammkundinnen der Edeka-Filiale an der Luckenwalder Straße in Michendorf - obwohl sie in Caputh wohnt. Seit zwei Jahren nutzt die Rentnerin den ungewöhnlichen Hol-und-bring-Service, den das Geschäft seit Anfang 2009 vor allem für Senioren anbietet.

Fahrer Herbert Böhme holt Marianne Hausig für nur drei Euro zum Einkaufen zu Hause ab und bringt sie direkt zu Edeka. Während er schon mal ihre Pfandflaschen abgibt, geht sie in aller Ruhe einkaufen. Einmal die Woche, eine Stunde lang. "Das ist eine prima Sache", sagt sie. "Denn ich kann nach einer Wirbelsäulenoperation nicht mehr weit laufen." Herbert Böhme trage ihr die schweren Taschen jedes Mal sogar bis in die Wohnung.

Die Idee zu dem Service kam Filialleiterin Silke Bogisch, als sie beobachtete, wie wenig Zeit manche Kinder oder Enkel ihren Großeltern beim Einkaufen im Supermarkt ließen. "Das brauchst du doch gar nicht", hörte sie die Kunden häufig sagen, "beeil dich, wir müssen weiter." Doch ältere Menschen haben ihr eigenes Tempo, sagt Silke Bogisch.

Das Ehepaar Bogisch zögerte nicht lange, kaufte einen Transporter und stellte einen arbeitslosen Berufskraftfahrer ein. Als es vor zweieinhalb Jahren losging, boten die Geschäftsinhaber den Fahrservice an zwei Tagen pro Woche an. Inzwischen ist Fahrer Böhme im Dauereinsatz.

Der Michendorfer Hol-und-bring-Service ist eines von mehreren beispielhaften "Demografie-Projekten" in Brandenburg, die jetzt in einer Broschüre der Staatskanzlei Potsdam vorgestellt werden. Gerade solche Angebote für Senioren braucht Brandenburg, sagt Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD). Im Jahr 2030 werden jüngsten Prognosen zufolge mehr als doppelt so viele Senioren als bislang hier leben - weitere 291 000 Brandenburger sind dann 65 Jahre alt. Im Speckgürtel wird jeder Dritte im Seniorenalter sein, im berlinfernen Raum fast jeder Zweite (40 Prozent).

Bei einem Demografie-Fachforum in Potsdam lobte der Ministerpräsident unkonventionelle Ideen wie den Einkaufsservice in Michendorf: "Wir in Brandenburg zeigen, dass uns der Wandel nicht schreckt und mit Kreativität viel in Bewegung gesetzt werden kann." Der zu erwartende Bevölkerungsrückgang und die Alterung der Gesellschaft erforderten es, altbewährte Pfade zu verlassen. Platzeck plädiert für einen neuen Umgang mit dem Demografie-Problem. "Statt auf Verkleinerung zu setzen, brauchen wir neue Strukturen."

Die Weichen seien bereits gestellt: So habe in Brandenburg in den vergangenen 20 Jahren jede zweite Schule schließen müssen. Ähnliche Entwicklungen stünden den alten Bundesländern noch bevor. "Jetzt gilt es, eine den Bedingungen angepasste, neue Struktur zu schaffen", sagt Platzeck. Die märkische SPD diskutiert derzeit das von einer Kommission unter dem Potsdamer SPD-Chef Mike Schubert erarbeitete Diskussionspapier "Brandenburg 2030 - Gemeinsam Perspektiven entwickeln".

Bis zum Jahr 2030 wird die Bevölkerung in Brandenburg nach den neuesten Prognosen des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg um 295 000 Menschen - knapp zwölf Prozent - schrumpfen. Dann wird es nur noch 2,2 Millionen Brandenburger geben. Jedes Jahr wird die Mark nach der Prognose etwa 13 400 Menschen verlieren. So viele leben heute etwa in der Gemeinde Schönefeld.

Die Hauptgründe liegen im Geburtenrückgang seit 1990. Viele Frauen im gebärfähigen Alter sind in den vergangenen Jahren aus Brandenburg weggezogen. Während die Geburtenzahlen wieder steigen, hält der Trend der Abwanderung an: Lebten im Jahr 2008 noch rund 438 000 junge Frauen zwischen 15 und 45 Jahren im Land Brandenburg, so rechnen Experten nur noch mit 250 000 in 20 Jahren. "Die Zahl der gebärfähigen Frauen halbiert sich landesweit nahezu", heißt es in einer Prognose des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg.

Einzigartig in Deutschland ist die komplett unterschiedliche Entwicklung innerhalb eines Bundeslandes: Lebten 1990 noch 70 Prozent der Brandenburger in berlinfernen Regionen, sind es heute nur noch 65 Prozent. In 20 Jahren wird fast die Hälfte der Brandenburger (43 Prozent) im Umland Berlins wohnen.

Ideen wie in Michendorf sind deshalb vor allem in ländlichen Regionen gefragt, um den Menschen das Leben zu erleichtern. In Prenzlau in der Uckermark ist seit ein paar Monaten der "KombiBus" im Einsatz. Die Uckermärkische Verkehrsgesellschaft entwickelte mit Partnern ein Konzept, das auf eine Kombination von Linienbus, Post, Kurierdienst und Fahrdienst setzt. "In Skandinavien und Kanada fahren seit Jahren Busse mit verschiedenen Aufgaben", sagt Lars Boehme, Projektleiter und Geschäftsführer der Verkehrsgesellschaft. Noch ist der "KombiBus" ein Modellprojekt. Doch es wäre denkbar, dass er bald auch täglich frische Lebensmittel in die Dörfer bringt.

"Wir in Brandenburg zeigen, dass uns der Wandel nicht schreckt"

Matthias Platzeck, Ministerpräsident