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Gedenken an den DDR-Kritiker Lutz-Peter Naumann

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Sein Urteil lautete auf vier Jahre Gefängnis wegen "staatsfeindlicher Hetze", verhängt vom Bezirksgericht Potsdam. Sein Verbrechen: Lutz-Peter Naumann hatte in einer Toncollage eine Neujahrsansprache von SED-Chef Walter Ulbricht karikiert.

Allerdings hatte er seine Tonband-Kritik gar nicht öffentlich vorgeführt, sondern nur einigen Freunden, die gemeinsam die "Gesellschaft zur Erlangung nicht verbreiteter Kenntnisse" gegründet hatten. Doch die Stasi deckte den DDR-kritischen Kreis auf und nahm Naumann Ende 1971 fest. Umgehend verlor er seine Stellung als Leiter des Filmarchivs beim Deutschen Fernsehfunk in Adlershof, wurde festgenommen und in der Untersuchungshaftanstalt der Stasi in Potsdam, Lindenstraße 54/55, eingesperrt.

Dabei war Lutz-Peter Naumann zu diesem Zeitpunkt sogar noch Mitglied der Staatspartei - allerdings längst alles andere als ein Parteisoldat. Der 1944 geborene Brandenburger hatte seinen Wehrdienst sogar im Wachbataillon der Stasi absolviert.

Doch bei angeblich "staatsfeindlicher Hetze" verstand die Stasi keinen Spaß. Naumann wurde aus der SED ausgeschlossen. Während der Haft in Potsdam wandte er sich endgültig vom Regime ab und stellte einen Ausreiseantrag. Rückblickend schrieb er: "Meine Vorstellungen vom Sozialismus waren identisch mit Gerechtigkeit, mit Ehrlichkeit und mit Humanismus. Ich wurde durch das, was ich erleben musste, so gründlich enttäuscht, dass es mich reut, den Betrug nicht vorher erkannt zu haben."

Naumann hatte Glück: Schon nach einem Jahr Haft kaufte die Bundesregierung ihn frei. Naumann entschied sich für West-Berlin und für eine Tätigkeit beim Axel-Springer-Verlag, in dem auch die Berliner Morgenpost erscheint. Er spezialisierte sich auf DDR-Themen, besonders auf Menschenrechtsverletzungen, die er akribisch dokumentierte und veröffentlichte.

Dazu kooperierte Naumann, der bald zu den Lieblingsfeinden des SED-Politbüros gehörte, eng mit der Arbeitsgemeinschaft 13. August um Rainer Hildebrandt und der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte.

Dieses Engagement war jedoch in den 70er- und 80er-Jahren keineswegs überall willkommen. Naumann wurde im Westen als "Kalter Krieger" beschimpft, von Osten her überwachte ihn die Stasi in "Operativen Vorgängen". Seit Anfang der 80er-Jahre schrieb Naumann vor allem als Polizeireporter für die Morgenpost. Mit dem Fall der Mauer und der deutschen Einheit erfüllte sich Lutz-Peter Naumanns sehnlichster Wunsch. Dennoch beendete er sein Engagement für Gerechtigkeit nicht, sondern konzentrierte sich nunmehr auf die Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen und deckte zahlreiche Stasi-Machenschaften und West-Agenten auf.

Dazu gehörte der Karikaturist Gernot "Gero" Hilliger, der sich nach seiner Ausreise in die Bundesrepublik als Stasi-Spitzel anwerben ließ und jahrelang DDR-kritische Kreise in West-Berlin auskundschaftete. Naumann wurde als Zeuge zum Prozess gegen Hilliger geladen - doch elf Tage vor der geplanten Aussage starb Lutz-Peter Naumann an einer tückischen Krankheit. Erst anderthalb Jahrzehnte später konnte der Politikwissenschaftler Stefan Appelius nachweisen, dass Naumann mit seinen Recherchen richtig gelegen hatte. Appelius, der den Nachlass Naumanns aufgearbeitet hat, hält am Donnerstagabend einen Vortrag zum Gedenken an den DDR-Kritiker.