NPD-Parteitag

"Wir wollen diese Leute hier nicht"

So bürgerlich. Mit Mantel und Krawatte. So hatte sich Ingeborg Williams die NPD-Funktionäre nicht vorgestellt. "Man hat ja so ein Bild im Kopf von diesen kahl rasierten Schädeln, wie man sie bei Aufmärschen in den Nachrichten sieht", sagt die 58 Jahre alte Architektin. "Ich bin entsetzt, was hier so einläuft."

An der Seite ihres Mannes Woody harrt Ingeborg Williams nun schon mehr als eine Stunde an der Absperrung aus. Mit einer Mischung aus Interesse und Abscheu beobachtet sie die kleinen Gruppen von Männern allen Alters und die wenigen Frauen, die an der Polizei vorbei in Richtung des großen Eisentores schreiten. "Haut ab!", ruft Williams, unter dem Schrillen der Trillerpfeifen hinter ihr hört man sie kaum.

Neuruppin am Sonnabendvormittag. In letzter Minute hatte die NPD sich gerichtlich gegen die Stadt durchgesetzt, 250 Delegierte werden zum 33. Bundesparteitag der Rechtsextremen erwartet. Das Kulturhaus im Herzen der Fontanestadt ist abgesperrt, 200 Polizisten sind im Einsatz. Aber alles ist friedlich. Direkt gegenüber der Halle, in der es zur Kampfkandidatur des sächsischen Landesvorsitzenden Holger Apfel gegen den NPD-Bundesvorsitzenden Udo Voigt kommen soll, haben sich die Gegendemonstranten aufgebaut. Auf einem alten weißen Kastenwagen plärren zwei bis zum Anschlag aufgedrehte Lautsprecher "Musik der kulturellen Vielfalt". Swingmusik wie der Klassiker "Bei mir bist du schön", der unter den Nazis verboten war. Konstantin Wecker's "Sage Nein". Die private Musiksammlung von Wolfgang Freese, 55, Lehrer und Mitorganisator von "Neuruppin bleibt bunt". Seit kurz nach sieben Uhr ist Freese da und hat aufgebaut, um acht Uhr begann die Gegendemonstration offiziell. Präsenz zeigen wolle das Aktionsbündnis aus Parteien, Privatleuten und Vereinen, sagt Freese. "Wir konnten den Parteitag nicht verhindern, aber wir können zeigen, dass wir diese Leute hier nicht wollen."

Landespolitiker beziehen Position

"Diese Leute" wollen sich vor den Demonstranten offenbar besonders selbstbewusst zeigen. Mit betont entschlossenen Schritten und stolz durchgedrückter Brust gehen sie die kurze Distanz von der Absperrung auf der Karl-Marx-Straße bis zum Gründerzeitbau. Vorbei an den rund 50 Menschen hinter dem Gatter, die unablässig in ihre Trillerpfeifen blasen. Nicht selten konzentrieren sich die NPD-Delegierten so sehr auf ihre Haltung, dass sie am Eisentor des Kulturhauses vorbeimarschieren. Die Demonstranten lachen. Die letzten Meter hinter das rettende Tor werden eher gehuscht als geschritten.

Unter den Demonstranten sind viele Politiker. Mitglieder der Landesregierung, Bundestagsabgeordnete, Kommunalpolitiker. "Wir haben leider schon eine gewisse Routine im Vorbereiten von Protestaktionen", sagt Jens-Peter Golde, seit 2005 Bürgermeister der Stadt von der Wählergruppe "Pro Ruppin". Seit vier Jahren marschieren alljährlich die rechtsradikalen Freien Kräfte in der Stadt auf. Aber dieser Tag sei einer der schlimmsten seiner Amtszeit, sagt Golde. Er trägt einen kunterbunten Schal zum gestutzten weißen Vollbart. Gerade erst hat sich in Neuruppin ein Verband der NPD gegründet. Langsam fühlt sich Golde in seiner sonst so friedlichen Stadt bedrängt. Er hoffe, die Demonstration könne Zweifler wachrütteln, sagt der Bürgermeister. "Die Gefahr durch die NPD ist groß."

Nicht zuletzt die Schlagzeilen der vergangenen Tage unterstützen diesen Eindruck. Von einer rechtsextremistischen Terrorzelle ist da die Rede, auf deren Konto nicht nur der mysteriöse Mord an einer Polizistin in Heilbronn, sondern auch die "Dönermorde" an acht Türken und einem Griechen gehen sollen. Die mutmaßlichen Täter hatten Verbindung zum rechtsextremen "Thüringer Heimatschutz". Auch in Neuruppin sollen NPD-Mitglieder mit dem gleichen politischen Hintergrund anwesend sein. "Die geistigen Brandstifter dieser Mordserie sind heute hier in diesem Kulturhaus", ruft Bildungsministerin Martina Münch (SPD) ins Mikrofon. Sie forderte ein Verbot der Partei.

Drinnen im Kulturhaus halten Udo Voigt und Holger Apfel Pressekonferenz. Hineingequetscht in den Flur vor dem Saal hocken sie an einem kleinen Tisch. Neuruppin hat alles getan, um die Rechten im Rahmen des Möglichen zu ärgern. So gab es keinen Raum für die Pressekonferenz, die Stühle für ihren Parteitag fanden die Funktionäre am Sonnabendmorgen in einem Knäuel mitten im Saal, und der Flur ist plakatiert mit den Motto-Bannern "Neuruppin hat einen Standpunkt gegen Nazis", neben denen Voigt und Apfel nun sitzen müssen. "Gesichter der Gewalt" nennt Voigt die Plakate, auf denen neun Bürger der Stadt sich in - zugegeben - durchaus aggressiven Posen zeigen.

Voigt sieht streng aus in schwarzem Anzug, weißem Hemd und dunkler Krawatte. Er erzählt von den Schikanen, die die NPD habe erdulden müssen bei der Organisation des Parteitages, vom Motto "Raus aus dem Euro" und von der kommenden Europawahl, bei der die NPD triumphieren will. Holger Apfel spricht von "seriöser Radikalität". So heißt der Kurs, den der sächsische Landtagsabgeordnete steuern will, sollte er als Vorsitzender gewählt werden. Apfel, 39, Sakko, fliederfarbenes Hemd ohne Schlips, will weg von den "Assoziationen der Vergangenheit". "Da gehen bei Leuten, die sonst für unsere Argumente offen wären, die Jalousien runter", sagt er, und kritisiert Voigts jüngsten Wahlkampf in Berlin, bei dem die NPD vor allem mit Slogans wie "Gas geben" auf Plakaten aufgefallen war. Je mehr Apfel sagt, desto deutlicher greift er seinen Nebenmann an. Es gebe Organisations- und Führungsdefizite, sagt er. "Frischer Wind ist nötig, die verkrusteten Strukturen müssen weg." Die Partei müsse sich thematisch auf die Gegenwart, auf "die Entartung", die Euro-Misswirtschaft und die nächste Wahl konzentrieren.

Voigt kneift seine eh schon kleinen Augen über dem weißen Schnauzer zusammen. Vor der Presse lässt er sich nicht provozieren. "Unter meiner Führung wird die NPD Kurs halten", sagt der 59-Jährige. Kaum vorstellbar, welcher der beiden Politiker künftig gefährlicher für die Gesellschaft wäre - einer, der mit Hitler-Anspielungen kokettiert und offen die Nähe von Rechtsextremisten sucht, oder einer, der rechte Ideologie als moderne Volkspartei verkaufen will. Zur Debatte und Wahl über den Bundesvorsitz werde die Presse ausgeschlossen, kündigt Voigt an.

Rund 190 Delegierte

Draußen ist es mittlerweile ruhiger geworden, es wird nicht mehr gepfiffen, denn die Delegierten sind nun alle da. 193 sind es, und einige Dutzend Gäste. Hayati Sahin beobachtet das Treiben vor seiner Dönerbude "Stern Kebap". Der 28-Jährige lässt die bis zu 300 Demonstranten seine Steckdose nutzen, sie danken es ihm in Form Dutzender Döner und heißer Tees, die sie ihm abkaufen. Sahin wohnt seit zwölf Jahren in Neuruppin. "Es ist nicht gut, dass es so eine Partei geben darf", sagt er. Aber Angst hat er keine. "Neuruppin ist sonst sehr friedlich, sonst wäre ich nicht mehr hier."