Volkstrauertag

Der Kriegsknochengräber

Joachim Kozlowski hockt in einer anderthalb Meter tiefen Grube. Vorsichtig schiebt er mit einer kleinen Schaufel Erde beiseite. Nach und nach blitzt unter seinen Händen etwas Helles hervor. Es sind Knochen.

Auf dem Friedhof von Dabendorf bei Zossen, südlich von Berlin, hat die Deutsche Kriegsgräberfürsorge mehrere Gräber mit einem Bagger öffnen lassen. In den Gräbern hier sollen 1945 Volkssturmangehörige verscharrt worden sein. Und Joachim Kozlowski ist "der einzige hauptamtliche Umbetter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Deutschland", wie der 39-Jährige sagt. Seine Aufgabe ist es, die in verstreuten Gräbern liegenden sterblichen Überreste der Weltkriegsopfer zu bergen, damit sie in Kriegsgräberstätten eine würdige letzte Ruhe finden. "Trauer braucht einen Ort", sagt Joachim Kozlowski. Am morgigen Sonntag, dem Volkstrauertag, wird auch der Opfer des sinnlosen Sterbens gedacht.

Joachim Kozlowski gräbt weiter. Und findet mit einem Metalldetektor eine verwitterte Brieftasche mit Kugelschreiber. Sowohl die Knochen als auch die Brieftasche lagerten seit 66 Jahren im Boden.

400 Gebeine hat er geborgen

Allein in diesem Jahr birgt Joachim Kozlowski die Gebeine von rund 400 Opfern in Deutschland, sagt er. Die meisten davon - über 340 - seien aus Brandenburg, wo im April 1945 die letzten großen Schlachten des Zweiten Weltkriegs stattfanden. An den Seelower Höhen und im Kessel von Halbe - wo sich heute Brandenburgs größte Kriegsgräberstätte befindet - kamen Zehntausende ums Leben.

Joachim Kozlowski wohnt im ostbrandenburgischen Friedersdorf ganz in der Nähe des Seelower Schlachtfelds. Im Jahr 1993 hatte er als Sanitäter bei der Bundeswehr erstmals Kontakt zum Volksbund, wie er erzählt.

Seither habe ihn die Geschichte nicht mehr losgelassen. Er arbeitete ehrenamtlich für den Volksbund, lernte den damaligen Umbetter Erwin Kowalke kennen, mit dem er dann öfter zusammengearbeitet habe. Im April 2010 sei er schließlich zum hauptamtlichen Nachfolger von Erwin Kowalke ernannt worden.

"Das ist eine Aufgabe mit viel Würde", sagt Joachim Kozlowski. "Mich fasziniert die Geschichte." Für seinen Job reist der ehemalige Rettungssanitäter viel. Gerade habe er mehrere Wochen in Litauen gearbeitet. In den osteuropäischen Ländern, wo bis zur Wende nicht gesucht werden durfte, würden deutlich mehr Kriegstote im Boden liegen als hierzulande.

In Osteuropa werden pro Jahr 30 000 bis 40 000 Gefallene umgebettet, wie Brandenburgs Volksbund-Landesgeschäftsführer Oliver Breithaupt sagt. In der Online-Datenbank des Volksbundes - in der Angehörige recherchieren können - seien inzwischen über 4,5 Millionen Namen erfasst. Für die Angehörigen sei es wichtig zu wissen, wo ihre Toten liegen. "Damit ist für sie oft ein schmerzliches Kapitel abgeschlossen", sagt er.

"Wohl noch die nächsten 200 Jahre wird man Gebeine in Deutschland finden", schätzt Joachim Kozlowski. Er habe über 39 Stunden pro Woche zu tun.

Nachdem der Umbetter die Gebeine ausgegraben hat, müssen die Funde dokumentiert werden. Er müsse Alter, Größe und besondere Merkmale wie Knochenbrüche feststellen, sagt Joachim Kozlowski. Und nach Möglichkeit auch die Todesursache bestimmen. Die Unterlagen werden an die Deutsche Dienststelle - die frühere Wehrmachtsauskunftsstelle (WAST) - in Berlin gesandt, die die Identität der Toten feststellt und dann Angehörige informiert. So arbeite er oft 14 bis 15 Stunden am Tag, sagt Joachim Kozlowski.

Den Opfern die letzte Ruhe geben

Die Gefallenen, die er während seiner Grabungen auf dem Dabendorfer Friedhof birgt, legt er zunächst in kleine schwarze Pappsärge. 80 Zentimeter lang sind diese. Dutzende Gefallene werden auf dem Friedhof noch vermutet. Wenn sie alle geborgen sind, sollen sie am selben Ort in einer neu geplanten Kriegsgräberstätte eingebettet werden. Und ihre letzte Ruhe finden.