Wanderoper

Hänsel und Gretel verliefen sich aufs Land

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Jeanette Bederke

Mit großen Augen stehen Hänsel und Gretel vor dem bunt dekorierten Pfefferkuchenhäuschen. "Der Wind, der Wind, das himmlische Kind", singen beide - und der Beobachter kann prompt mit einstimmen. Fühlt er sich doch an seine Kindertage erinnert, an die Erzählungen vom Geschwisterpaar, das sich im Wald verläuft.

In einer Opernfassung von Engelbert Humperdinck feiert das Märchen "Hänsel und Gretel" am heutigen Donnerstag im Bad Freienwalder Kurtheater Premiere. Das Stück stammt vom Wanderoperverein für kulturelle Bildung, den Arnold Schrem gegründet hat. Der freischaffende Opernregisseur nennt diese erste Inszenierung der Brandenburger Wanderoper einen "Herzöffner", generationsübergreifend und passend für die Vorweihnachtszeit. Er will noch mehr Menschen für sein Projekt gewinnen, für das er seit anderthalb Jahren kämpft.

"Jeder Mensch braucht Oper, um ein guter Mensch zu werden", sagt Arnold Schrem. Musiktheater vereine viele Kunstformen und bereichere die Sinne. "Wer musisch erzogen und kulturell gebildet wird, kommt nicht auf die schiefe Bahn", sagt der Künstler.

Um diesen Effekt zu erzielen, müssten die kulturellen Angebote allerdings in erreichbarer Nähe sein. "Für das Flächenland Brandenburg reicht Berlin da nicht aus", sagt der gebürtige Berliner. Und das Stadttheater Cottbus, als einzig verbliebene Einrichtung des Landes mit einem Drei-Sparten-Theater, sei territorial zu weit abgelegen.

Flächendeckend will Arnold Schrem deshalb in jedem Landkreis mit der Wanderoper gastieren, künftig viermal jährlich mit verschiedenen Genres, zu denen auch Ballett und Musical gehören sollen. Zwei Vorstellungen von "Hänsel und Gretel" gibt es in Bad Freienwalde; zwei weitere in Eberswalde sowie in Strausberg und Fürstenwalde stehen bereits fest. Neben einer Abendaufführung gibt es immer eine zweite speziell für Schüler, die mit den Schulämtern abgestimmt ist. "Auf diese Weise erreiche ich alle Mädchen und Jungen, nicht nur die privilegierten", sagt Arnold Schrem. Die Eintrittskarten werden vom Brandenburger Bildungsministerium bezuschusst.

Stadt und Land sponsern das Projekt

In Ermangelung eines eigenen Theaters musste der 61-Jährige alles selbst organisieren: Probenräume, Künstler, Dekoration, Bühnenbild, Kostüme und nicht zuletzt Auftrittsmöglichkeiten. Spielstätten zumindest gebe es seiner Ansicht nach in Brandenburg zur Genüge - nur die dazugehörigen Ensembles seien nach der Wende abgewickelt worden. "Wenn wir uns erst etabliert haben, wird es einfacher", sagt Arnold Schrem. Er hat lange gesucht, um Mitstreiter und Unterstützer zu finden, die gemeinsam im Februar in Bad Freienwalde den Wanderoperverein für kulturelle Bildung gründeten - und die erste Inszenierung auf den Weg brachten.

Der Landrat von Märkisch-Oderland, Gernot Schmidt, steht ebenso hinter der Idee. Genauso wie auch Brandenburgs Kulturstaatssekretär Martin Gorholt, der die erste Inszenierung mit 30 000 Euro aus dem Kulturministerium unterstützt. 10 000 Euro kommen von der Stadt Bad Freienwalde, zu den Sponsoren gehört unter anderen die EWE-Stiftung. "Musiktheater kann man nicht aus Eigeneinnahmen finanzieren - jedenfalls nicht ausschließlich. Ansonsten könnte ich nur auf Laientheater-Niveau inszenieren - und das will ich nicht." Zu Arnold Schrems Anspruch gehört neben ausgebildeten Opernsängern auch ein richtiges Orchester, auch wenn es mit acht Musikern und einem Dirigenten nur ein kleines ist.

Professor Bernd Wefelmeyer, langjähriger Chefdirigent des Filmorchesters Babelsberg, hat speziell für diese Besetzung eine eigene Fassung von Humperdincks Oper geschrieben und dirigiert nun auch das "Hänsel und Gretel"-Orchester. Die sechs Darsteller sind laut Regisseur Schrem alles professionelle Künstler mit einem "hohen Maß an Selbstausbeutung". Zu ihnen gehört Nora Lentner, die "Gretel". In diesem Sommer hat sie ihr Musikstudium in Berlin beendet, nun probt sie wie die anderen Darsteller auch täglich sechs bis sieben Stunden, was an einem "normalen" Theater undenkbar wäre. "Egal, ,Hänsel und Gretel' ist ein sogenanntes Repertoire-Stück. Wenn man das schon gesungen hat, macht sich das gut in der künstlerischen Biografie für spätere Bewerbungen", erzählt die 25-Jährige.

Früher, sagt Nora Lentner, sei es für Künstler selbstverständlich gewesen, auf Tournee zu gehen, um sich zu präsentieren. Die Organisationsform eines Wandertheaters sei daher nicht neu, Schrem habe sie nur wieder aufgegriffen, sagt Nora Lentner, die das Projekt gut findet. "Ich habe ja von der kulturellen Armut Brandenburgs in Sachen Musiktheater gehört", erzählt die gebürtige Bayerin.

Regisseur Schrem hofft nicht, dass in "Wanderbühnen" auch die Zukunft der Brandenburger Kultur liegt. "Aber zumindest lassen sich damit Defizite lindern, sodass eine Art Grundversorgung ermöglicht wird." Später sehe das Konzept der "Wanderoper" auch theaterpädagogische Arbeit an Schulen vor.

Gedanklich ist Schrem bereits bei Mozarts Oper "Zauberflöte". Denn inzwischen ist auch die Berliner Agentur für Arbeit mit im Boot und fördert eine dreimonatige Opernwerkstatt. "Das hilft uns in Sachen Produktionskosten, Kulissen, Kostüme, technische Ausstattung. Und die beteiligten Künstler bekommen eine berufliche Weiterbildung, die es bundesweit in Sachen Musiktheater bisher nicht gibt."

Vom pädagogischen Nutzen ist auch Birgit Röhr, Grundschullehrerin in Dolgelin bei Seelow, überzeugt. Sie hofft, dass die Wanderoper auch in ihrer Nähe gastiert. "Es ist immer besser, wenn Kinder so etwas selbst erleben, als es nur im Unterricht vermittelt zu bekommen", sagt Birgit Röhr.