Interview mit Christa von Preußen

Eine Kindheit im Schloss

Potsdams Stadtmitte rund um den Alten Markt gewinnt seinen alten Glanz zurück. Neben dem im Bau befindlichen Landtagsschloss sind neue Stadtpaläste mit historischen Fassaden geplant. Dirk Westphal traf Christa Prinzessin von Preußen aus der Familie der Hohenzollern und sprach mit ihr über den Wiederaufbau und ihre Kindheitserinnerungen an das Schloss Cecilienhof.

Berliner Morgenpost: Prinzessin, vorab die Frage: Wie muss ich Sie korrekt anreden, mit Königliche Hoheit oder Prinzessin?

Christa von Preußen: Prinzessin reicht.

Berliner Morgenpost: Ihr Vater wurde im Marmorpalais am Heiligen See geboren. Ein Ort der Prominenz in einer traumhaften Lage.

Christa von Preußen: Allerdings. Die Grundstücke haben einst unsere Vorfahren an verdiente Bürger vergeben. Heute leben dort Joop und Jauch. Das ist schon lustig, oder?

Berliner Morgenpost: Potsdam bekommt ein Landtagsgebäude in Gestalt des einstigen Schlosses, Berlin ein Museumsschloss. Ist das gut?

Christa von Preußen: Ich finde, die Städte entwickeln sich gut mit ihren verschiedenen Quartieren, und Cecilienhof ist auch ganz anständig, obschon das nun ein Hotel ist. Ich hatte da mit meiner Schwester, die vor einigen Jahren verstorben ist, einen runden Geburtstag gefeiert. Wir haben da einst gespielt, geschlafen, gegessen. Das setzte beim Wiederaufsuchen des Ortes nostalgische Gefühle frei.

Berliner Morgenpost: Bitte eine Anekdote aus Ihren Kindheitstagen in Schloss Cecilienhof.

Christa von Preußen: Meine Schwester und ich schliefen dort manchmal in einem Raum, den wir "die Scheune" nannten. Es gab dort einen großen Nachttopf. Unser Onkel Hubertus kam mal vorbei, ergriff das Gefäß, trug es zum Fenster und tat so, als kippte er den Inhalt zum Schloss heraus. Dabei sagte er: "Hoffentlich geht der Kronprinz nicht unten gerade entlang." Übrigens war das Zimmer, in dem Stalin, Churchill und Truman zusammensaßen, unser Esszimmer. Das zu sehen bereitet einem schon große Nostalgie. Wie auch all die anderen Häuser, die unserer Familie einst gehörten und mit denen man Geschichten verbindet.

Berliner Morgenpost: Gab es in Ihrer Familie Bestrebungen, enteignete Immobilien zurückzuerhalten?

Christa von Preußen: Das müssen Sie meinen Neffen, Prinz Georg Friedrich fragen, der kürzlich geheiratet hat und das Oberhaupt der Familie ist. Er kennt sich genauer aus. Aber ich glaube nicht, dass da Verhandlungen geführt wurden.

Berliner Morgenpost: Hunderte Menschen standen Spalier, als ihr Neffe im August in Potsdam heiratete. Waren Sie dabei?

Christa von Preußen: Aber natürlich, ich bin schließlich die Tante von Georg Friedrich.

Berliner Morgenpost: War die Feier gut?

Christa von Preußen: Ganz fantastisch. Der Weg zur Kirche, die Trauung in der Kirche, der Empfang in den Neuen Kammern. Die von Menschen gesäumten Straßen in Potsdam. Einfach wunderbar. Das war hinreißend organisiert. Wie in alten Zeiten. Ich war sehr angerührt, auch weil unser Vater dort 1940 aufgebahrt worden war, nachdem er zu Beginn des Frankreich-Feldzugs gefallen war. Danach wurde er in den Antiken-Tempel in der Nähe des Neuen Palais gebracht. Ein kaum bekannter Ort, der leider in nicht so gutem Zustand ist. Aber er soll saniert werden.

Berliner Morgenpost: In Ihrem Stammbaum wimmelt es von Friedrichs und Wilhelms, Wilhelmines und Frederikes. Für einen Außenstehenden ist das schwer überschaubar.

Christa von Preußen: Bei mir ist das ganz leicht. Mein Urgroßvater ist Wilhelm II. Sein Sohn war letzter Kronprinz, Prinz Wilhelm, und sein ältester Sohn war mein Vater, Prinz Wilhelm. Sie hießen immer alle Friedrich oder Wilhelm oder beides. Das ist nicht ganz leicht auseinanderzuhalten.

Berliner Morgenpost: Gab es da nie einen Aufstand, immer dieselben Namen verliehen zu bekommen?

Christa von Preußen: (Die Prinzessin lacht. ) Frederike, Luise waren die gängigen Namen. Aber mein Vater nannte mich und meine Schwester Felicitas und Christa, auch weil das Christentum in der Nazi-Ära etwas zu kurz kam. Christa bedeutet die Gesalbte.

Berliner Morgenpost: Wann waren Sie eigentlich das erste Mal in Berlin-Mitte, wo das Stadtschloss ihrer Vorfahren stand?

Christa von Preußen: Lange vor dem Mauerfall, in den 70er-Jahren. Ich bin damals mit dem Zug und meinem bundesdeutschen Pass in der Tasche zum Bahnhof Friedrichstraße gefahren, der ja der Grenzübergang war.

Berliner Morgenpost: Zur Einreise nach Ost-Berlin?

Christa von Preußen: Ja. Als wir drüben waren, haben wir etwas Verbotenes gemacht. Wir sind mit einem ausländischen Diplomaten von Ost-Berlin aus unangemeldet nach Potsdam gefahren, was nicht erlaubt war. Und der ausländische Diplomat, der argentinische Generalkonsul, hat gesagt: "Ihr müsst jetzt schön still sein!" Wir sind mehrfach angehalten worden. Da haben wir furchtbar gezittert, dass etwas passieren würde. Aber wir haben still gehalten. Dann sind wir bis nach Cecilienhof gefahren, um uns das Schloss anzuschauen. Es wurde auch auf Wunsch des Kronprinzen und seiner Frau Cecilie gebaut. Die ganze Strecke über dorthin wurden wir übrigens verfolgt. Unser Diplomaten-Freund hatte alle Tickets für eine Führung aufgekauft, sodass wir diese allein wahrnehmen konnten. Bei der Führung wurde einiges sehr Schlechtes über unsere Familie erzählt.

Berliner Morgenpost: Sie wohnen in Bayern. Könnten Sie sich vorstellen, in Berlin zu leben?

Christa von Preußen: Wenn es eine geeignete Wohnung gäbe, warum nicht. Vielleicht sogar in oder neben unserem alten Kronprinzenpalais (lächelt). Aber man trennt sich ungern vom Angestammten.