Einwohneranwerbung

Grenzüberschreitendes Wohnen

Der Grenzstadt Frankfurt laufen die Bewohner weg. Die viertgrößte Stadt Brandenburgs leidet unter rapidem Einwohnerschwund und droht nach neuesten Prognosen sogar, zur Kleinstadt zu schrumpfen und ihren kreisfreien Status zu verlieren.

Lebten zu Wendezeiten vor 20 Jahren noch 86 000 Menschen in der Oderstadt, sind es aktuell knapp 60 000 - und im Jahr 2015 werden es nur noch etwa 54 000 sein. An dem negativen Trend können offenbar auch eine boomende Solarenergie, immer mehr Callcenter, die Europa-Universität Viadrina und ein großes kulturelles Angebot in der Stadt mit eigenem Kleist-Forum nichts ändern: Wer in Frankfurt arbeitet und es sich leisten kann, zieht in ein Einfamilienhaus aufs Land. Rund 15 000 dieser Pendler gibt es. Etwa 6500 Wohnungen - überwiegend in Plattenbauten - sind in den vergangenen Jahren in Frankfurt abgerissen worden. Und noch immer stehen viele Quartiere leer.

Um der Abwanderung etwas entgegen zu setzen, muss Frankfurt neue Einwohner anlocken, so der Plan von Oberbürgermeister Martin Wilke. Er wirbt nun östlich der Oder verstärkt um Mieter. Denn dort ist Wohnraum knapp, weil seit Jahren kaum Häuser neu gebaut wurden - mit Ausnahme eines Villenviertels am Stadtrand von Slubice. Vom Leerstand auf deutscher Seite sollen nun Hunderte Wohnungssuchende aus der polnischen Partnerstadt profitieren. Wilke nennt das "ein Stück Normalität in den deutsch-polnischen Beziehungen" und zieht in dieser Hinsicht mit seinem Amtskollegen Tomaz Ciszewicz an einem Strang.

Die Idee allerdings ist nicht neu, denn schon Wilkes Amtsvorgänger hatten dem sich abzeichnenden Bevölkerungsschwund auf diese Weise begegnen wollen. Ob es nun ihr Verdienst oder Eigeninitiative der polnischen Bürger war - nach Angaben der Frankfurter Stadtverwaltung leben und wohnen derzeit knapp 2000 Menschen aus dem Nachbarland in der Oderstadt. Für Katarzyna Trietz, Chefin der deutsch-polnischen Verbraucherberatung, ist das nicht überraschend. "Wer es sich leisten kann, hat den Schritt über die Oder schon getan, eben weil es in Polen so wenig Wohnraum gibt oder aber das Preis-Leistungsverhältnis dort nicht stimmt", sagt die gebürtige Polin, die mit ihrem deutschen Mann und den gemeinsamen Kindern in Frankfurt lebt.

Niedrige Löhne, teure Mieten

Die niedrigen polnischen Löhne und die vergleichsweise teuren deutschen Mieten sind für sie jedoch der springende Punkt. "Ein Lehrer verdient östlich der Oder umgerechnet gerade einmal 375 Euro, ein Arzt in einem Krankenhaus vielleicht 600 bis 700 Euro", sagt die Juristin.

Angesichts dieser geringen Einkünfte ist es nicht verwunderlich, dass die beiden großen Frankfurter Wohnungsunternehmen auf ihren Angeboten weitgehend sitzen bleiben. Eine Drei-Zimmer-Wohnung in einem unsanierten Hochhaus direkt am Frankfurter Grenzübergang kostet demnach mehr als 500 Euro monatlich. Eine Ein-Raum-Wohnung im Stadtzentrum ist für etwas über 200 Euro zu haben.

"Sonderkonditionen für polnische Mieter wird es nicht geben, allein schon, um keinen sozialen Unfrieden zu erzeugen", stellt Boris Töppe, Geschäftsführer der Frankfurter Wohnungswirtschaft klar. Man habe den polnischen Mietmarkt analysiert. Viele junge Familien würden in den Städten einfach keine Wohnung finden und notgedrungen Dachgeschosse im Elternhaus ausbauen. "Der Wille zu investieren ist also vorhanden und da setzen wir an", ist er überzeugt. Laut Töppe beträgt der Leerstand bei der Wohnungswirtschaft noch immer über zehn Prozent. Um den Abriss zu verhindern, müssten neue Mieter her. Anja und Ryszard Majewski würden mit Söhnchen Pawel nur zu gern umziehen, wohnt die junge Slubicer Familie doch in einem Zimmer bei den Eltern. "Das kann keine Dauerlösung sein, aber die deutschen Mieten sind einfach unerschwinglich", bedauern die Polen.

Es gebe eine zunehmende Zahl polnischer Bürger, die auch die höheren Mieten bezahlen können, berichtet hingegen Ursula Curt vom Wohnungswirtschafts-Vermietungscenter. Zudem würden viele selbst Hand anlegen wollen, um Räume zu renovieren und sogar auszubauen, sagt sie. Das gibt dem Frankfurter Oberbürgermeister Mut, in dieser Richtung weiterzumachen.

"Der Arbeitsmarkt vermischt sich seit der Arbeitnehmerfreizügigkeit für Osteuropäer. Da stellt sich automatisch die Frage nach dem Wohnsitz, nicht nur für bisherige Slubicer, sondern auch für Leute aus der gesamten polnischen Grenz-Wojewodschaft Lubuskie", sagt Wilke.

So ganz uneigennützig stärkt ihm sein polnischer Kollege Ciszewicz jedoch nicht den Rücken. Er wiederum will von den deutschen Häuslebauern profitieren. Immerhin leben bereits etwa 200 Deutsche östlich der Oder, darunter allerdings viele Studenten der Frankfurter Europa-Universität Viadrina. Bei einer Infoveranstaltung in Frankfurt sollen polnische Immobilienmakler demnächst über den Grundstückserwerb in Polen berichten. Den gemeinsamen Wohnungsmarkt mit all seinen Unterschieden hält Frankfurts Oberbürgermeister Wilke für ein nicht zu unterschätzendes Attraktivitätsmerkmal des Grenzstandortes. Deswegen will er auch beim Werben um polnische Mieter am Ball bleiben.

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