Grumsiner Wald

Mit einem Klick in die Uckermark

Andreas Kieling ist durch den Schnee Grönlands gestapft, hat den Himalaya auf dem Sattel eines Mountainbikes erkundet. Grizzlybären ist er fast auf die Tatzen gestiegen, als er ihnen mit seinem Objektiv auflauerte, um ihre Gewohnheiten zu erkunden. Doch was den Dokumentarfilmer und Naturfotografen wirklich fesselt, sind 670 Hektar Buchenwald. In der Uckermark.

Erst im Sommer dieses Jahres ist der 52-jährige Thüringer bei Dreharbeiten für ein Fernsehprojekt auf den Grumsiner Wald aufmerksam geworden. "Inventur" hatte Andreas Kieling, Autor des Bestsellers "Ein deutscher Wandersommer", da machen wollen. Schauen, wie es um die Natur und ihre Bewohner in Deutschland bestellt ist. Dabei stieß er auf den nahe Angermünde im östlichen Teil des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin gelegenen Buchenwald.

Dort, wo seit 1990 kein Holzfäller mehr Hand an einen Stamm legt, kein Förster mehr "aufräumen" darf, hat sich Stück für Stück unberührter Urwald ausgebreitet. Sümpfe, Seen, Tümpel, Bäche, Feuchtwiesen, vor allem aber bis zu 200 Jahre alte, 25 Meter hohe Buchen bestimmen das Aussehen der von der jüngsten Eiszeit geprägten Gletscherlandschaft.

Kampagne für Naturtouristen

"Mit Geduld, Glück und einem guten Fernglas kann man hier seltene, teils vom Aussterben bedrohte Tiere wie Schwarzstorch, Schwarzspecht, Fischotter, See-, Fisch- und Schreiadler, den Blauen Moorfrosch und Hunderte von Holzinsektenarten entdecken", sagt Andreas Kieling. "Ganz abgesehen natürlich von Wildschweinen, Rotwild und Waschbären." Gleiches gilt für die Pflanzenwelt. 349 höhere Pflanzenarten sind nachgewiesen, der Anteil der Arten, die auf der Roten Liste stehen, liegt bei 17 Prozent.

Längst ist auch die Unesco auf das Gebiet aufmerksam geworden. Vor knapp vier Monaten adelte sie den Grumsiner Wald neben vier anderen deutschen Buchenwäldern mit dem Prädikat "Weltnaturerbe". Und nach dem Willen der Kommission soll der Wald - natürlich im Rahmen des Naturschutzes - auch erlebbar gemacht werden. Die Touristiker der Mark freut es. Immerhin startete die Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH (TMB) schon im vorigen Jahr unter dem Titel "Safari Marke Brandenburg" eine auf Naturtouristen abzielende Werbekampagne. Wanderer, Wassersportler und Radfahrer sollten und sollen immer noch verstärkt in die Mark gelockt werden. "Die permanente Befragung Brandenburger Gäste zeigt, dass für 56 Prozent der deutschen und 36 Prozent der ausländischen Gäste das Motiv, in der Natur zu sein, ein wesentlicher Urlaubsgrund ist", sagt TMB-Sprecherin Birgit Kunkel.

Naturfilmer Andreas Kieling ist mittlerweile offizieller Botschafter der TMB und macht Werbung für Brandenburgs Naturschätze. Seit ein paar Tagen wirbt er auch per Videoclip auf der Internetplattform "youtube" ( www.youtube.com/naturerlebnis ) für die Region. "Im nächsten Jahr planen wir mit ihm weitere Film- und Fotoaktionen und öffentliche Auftritte", sagt Birgit Kunkel. Sie setzt auf seinen Promifaktor.

Unter den Naturschützern der Uckermark hält sich die Freude über den Weltnaturerbe-Titel wie auch über die Kampagnen, die den Tourismus ankurbeln sollen, in Grenzen. "Zumindest, wenn es um den Grumsiner Wald geht", sagt Naturführer Tim Taeger einschränkend. Denn "dessen Kernstück darf überhaupt nicht betreten werden". Nur im restlichen Naturschutzgebiet dürften Spaziergänger natürlich die öffentlichen Wege nutzen, sagt Tim Taeger. Nur kein Tourist weiß das. "Die entsprechende Beschilderung fehlt - mangels Geld."

Wer also bislang auf verbotenen Pfaden erwischt wurde, konnte daher auch nicht zur Kasse gebeten werden. "Wir mussten es bei einer Belehrung belassen", sagt Tim Taeger. Erst im nächsten Jahr soll das Problem mit Hinweistafeln gelöst werden. Bis dahin gilt es nun, natursuchende Ausflügler im Auge zu behalten. Auf die Buchenwald-Atmosphäre müssen Besucher trotz des Zutrittverbots jedoch nicht verzichten. Ein Weg führt Wanderer und Radfahrer rund um die Schutzzone von 560 Hektar Grumsiner Wald herum.

Geführte Touren sind möglich

Der ist allerdings ohne Karte nicht einfach zu finden, sagt Tim Taeger. "Geführte Touren können aber im Naturschutzbund-Informationszentrum Blumberger Mühle und beim Tourismusverein Angermünde gebucht werden." Ein Angebot, das nach den Erwartungen der Unesco künftig ausgebaut werden soll. "Wir wollen außerdem ein Wegeleitsystem installieren, das zwei Rundkurse von je zwei bis drei Stunden sowie eine Tageswandertour und einen Radweg entlang des Buchenwaldes umfasst", sagt Tim Taeger. Von Wanderparkplätzen mit Toiletten und Imbissmöglichkeiten träumt der Naturführer jedoch vorerst noch. "Dafür müssen wir erst neue Fördertöpfe auftun", sagt er.

Dass die touristische Vermarktung des Buchenwaldes Grumsin, der als Weltnaturerbe auf einer Stufe mit der Serengeti und den Galapagos-Inseln steht, eine Gratwanderung bedeutet, ist auch Andreas Kieling bewusst. Nur ganz behutsam könne das Areal erschlossen werden. Doch er ist überzeugt, "dass Besucher, die das Naturerlebnis suchen, die Natur auch als schützenswert empfinden und sich entsprechend verhalten werden".