Missbrauchsvorwürfe

Internatsleitung abgesetzt

Mit gezielter Aufklärung und personellen Konsequenzen versuchen der private Wohnheim-Träger der Potsdamer Sportschule Friedrich Ludwig Jahn und die Stadt Potsdam, den Schaden für das Vorzeigeprojekt möglichst gering zu halten.

Nachdem die Missbrauchsvorwürfe in dem Wohnheim der Sportschule bekannt wurden, waren bereits am Dienstag eine Erzieherin des Internats sowie ein Trainer suspendiert worden. Nun trifft es die gesamte Heimleitung.

Nach Angaben der Stadt Potsdam werde das Internat ab kommendem Montag von einer Interimsleitung geführt. Die neue Leitung sei so lange im Amt, bis geeignete Nachfolger gefunden seien. Darauf einigten sich die Stadt Potsdam und der private Träger des Internats, die Luftschiffhafen Potsdam GmbH, bei einem Treffen am Donnerstag. Laut Rathaussprecher Jan Brunzlow werde die Heimleiterin, die bei der Stadt angestellt ist, "bis zur Klärung" der Vorwürfe nicht im Dienstplan eingeteilt. Auch ihre beiden Stellvertreterinnen, die Angestellte des privaten Trägers Luftschiffhafen Potsdam GmbH sind, sollen ebenfalls vorläufig nicht mehr im Dienst sein. Die Führungsriege wird verdächtigt, Übergriffe auf Schüler zunächst verschwiegen zu haben.

Die Vorwürfe wiegen schwer: Ende September sollen im Wohnheim der Sportschule zwei 16-jährige Schüler nachts in das Zimmer zweier 13 und 14 Jahre alten Achtklässler eingedrungen sein. Eines der Opfer habe angegeben, mit einem Besenstiel missbraucht worden zu sein. Obwohl eine Erzieherin auf den Vorfall aufmerksam gemacht wurde und auch ein Trainer des Internats darüber informiert war, passierte fast zwei Wochen lang nichts. Erst auf Druck eines Mitarbeiters habe sich die Heimleitung dazu entschlossen, die betroffenen Eltern sowie die Luftschiffhafen GmbH, die das Wohnheim seit 1. August betreibt, zu informieren. Die Eltern eines Opfers sowie der Chef des privaten Trägers erstatteten daraufhin Strafanzeige. Nun ermittelt die Potsdamer Staatsanwaltschaft gegen die beiden Jugendlichen wegen des Verdachts der sexuellen Nötigung.

Die Entscheidung, die Heimleiterin von ihren Aufgaben vorerst zu entbinden, sei nach einer Reihe von Personalgesprächen gefallen, die seit Montag geführt wurden, sagte Rathaussprecher Jan Brunzlow. Weitere arbeitsrechtliche Schritte würden noch geprüft. Ob sie und ihre Mitarbeiter sich strafrechtlich etwas zuschulden haben kommen lassen, ist bislang ungewiss. Die Verantwortlichen wollen nun klären, warum der Vorfall zunächst verschwiegen wurde. Die Potsdamer Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit nur gegen die beiden 16 Jahre alten Tatverdächtigen. "Sollten sich Anhaltspunkte für weitere strafbare Handlungen ergeben, werden wir diese natürlich prüfen", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Ralf Roggenbuck. Anzeigen gegen Mitarbeiter des Wohnheims lägen bislang nicht vor.

16-Jährigen droht Schul-Ausschluss

Den mutmaßlichen Tätern droht derweil der Ausschluss von der Schule. Auf einer am Mittwochabend anberaumten Elternkonferenz wurde laut brandenburgischem Bildungsministerium entschieden, die beiden 16-Jährigen für weitere zwei Wochen von der Schule zu suspendieren. Sie hatten bereits nach Bekanntwerden der Vorfälle Hausverbot bekommen und mussten das Wohnheim verlassen. Sie befinden sich nun zu Hause bei ihren Eltern. In der kommenden Woche soll eine Gesamtlehrerkonferenz über ihren weiteren Verbleib an der Schule entscheiden.

"Das ist eine extrem schwierige Entscheidung", sagte Ministeriumssprecher Stephan Breiding. Es müsse unter anderem auch berücksichtigt werden, wie sich die beiden bislang in der Schule benommen hätten. Es stehe fest, dass es einen gewalttätigen Übergriff gegeben habe. Derzeit gebe es jedoch unterschiedliche Angaben, so Breiding. Die mutmaßlichen Täter sollen zwar in einer Anhörung zugegeben haben, in das Zimmer der beiden Achtklässler eingedrungen zu sein. Den Übergriff mit dem Besen hätten sie allerdings nur angedeutet. Neben den Behörden wird sich auch der Handball-Zweitligist 1. Vfl Potsdam mit der Frage befassen müssen, wie er mit seinen beiden jungen Talenten umgehen wird.

Unterdessen teilte die Stadt Potsdam mit, dass die auf Kinderschutz spezialisierte Beratungsgesellschaft "Start" den Vorfall aufarbeiten und neue Strukturen für Schule und Internat erarbeiten wird. Mithilfe der Organisation ist darüber hinaus auch eine Hotline für Kinder und Eltern der Einrichtung eingerichtet worden, sagte Rathaussprecher Brunzlow.