Familiengeschichte

"Mach's gut, Pinselheinrich"

Es ist eine Reise in die Familiengeschichte: Die südafrikanische Politikerin Helen Zille ist auf dem Weg zum Grab ihres Großonkels Heinrich Zille. Die Berliner nannten den sozialkritischen "Milljöh"-Maler liebevoll den "Pinselheinrich".

Helen Zille besucht zum ersten Mal sein Grab auf dem Stahnsdorfer Friedhof. Die 60-Jährige kommt im schwarzen Bus, ein Polizeiwagen begleitet sie. Doch kurz bevor sie von der norwegischen Holzkapelle zum Grab laufen will, hält sie inne. "Ich habe keine Blumen" ruft sie. Der Friedhofsleiter tritt von einem Bein aufs andere. Helen Zille hat nur sehr wenig Zeit mitgebracht. Aber sie lässt nicht mit sich reden. Sie steigt wieder in den Bus und macht sich auf den Weg, um Blumen zu besorgen.

Sie kann sich durchsetzten. Sowohl auf dem Friedhof in Stahnsdorf, als auch am Kap. Helen Zille gilt als mächtigste weiße Frau in Südafrika. Von 2006 bis 2009 war sie Bürgermeisterin von Kapstadt. Sie kämpfte gegen Diskriminierung, Drogenkriminalität und Arbeitslosigkeit. Sie sorgte dafür, dass Reiche und Regierungsstellen in Kapstadt endlich ihre Strom- und Wasserrechnungen beglichen. Dafür wurde sie 2008 zur weltbesten Bürgermeisterin gekürt.

Seit 2010 ist sie Ministerpräsidentin der Provinz Western Cape im Südwesten der Republik mit über fünf Millionen Einwohnern. Ihre politischen Gegner nennen sie "White Bitch", weißes Luder oder GodZille-Monster. Aber damit kann die zierliche Frau mit den rotblonden Haaren gut leben. "Das ist ja fast ein Kompliment", sagt sie und lacht. "Das zeigt doch, dass meine Gegner Angst vor mir haben."

Sie hat ihre Blumen bekommen. Rosen. Endlich steht sie vor dem Grabstein ihres Großonkels und betrachtet sein eingemeißeltes Gesicht. "Sehen sie die Ähnlichkeit?" fragt sie. "Die Ohren sind typisch Zille - riesengroß". Ihre Eltern haben sie in seinem Sinne erzogen. Sozialkritisch und immer bereit, sich für andere einzusetzen. Zivilcourage ist das Wort, das sie als Kind am häufigsten gehört habe.

Eltern flohen aus Deutschland

Helen Zilles Eltern stammen aus Essen und Dessau, doch kennengelernt haben sie sich 1940 in Südafrika. Sie wurden beide wegen ihrer jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten verfolgt und flohen in den 30er-Jahren aus Deutschland. Ihre deutschen Wurzeln bedeuten Helen Zille dennoch viel. Sie war schon oft in der Hauptstadt. Am berlinerischsten ist für sie die Zille-Stube in Charlottenburg. Ihr Lieblingsgemälde vom "Pinselheinrich" hat sie während ihrer ersten Schwangerschaft entdeckt. Es zeigt eine Mutter mit Kind im Arm. Viel von ihrer Kraft und ihrem Mut ziehe sie aus der Familie, erzählt Helen Zille. Ihre Mutter hat mal über sie gesagt: "Sie ist eine starke Frau". Was müsste passieren, damit ihr die Kraft ausgeht? "Da gibt es nichts", sagt Zille. "Ich liebe meine Arbeit, ich liebe die Herausforderung. Ich werde niemals aufgeben."

Von klein auf wurde Helen Zille mit Rassentrennung konfrontiert. Sie wuchs in einem Land auf, in dem Apartheid Alltag war. Doch sie wurde auch von Anfang an zu politischem Engagement, Mut und einem eigenen Kopf erzogen. "So war das eben in der Zille-Familie", sagt sie. "Für mich eine selbstverständliche Haltung."

Nach ihrem Studium in Johannesburg arbeitet sie als Politikjournalistin. Sie recherchiert den Fall des schwarzen Freiheitskämpfers Steve Biko und deckt auf, dass weiße Polizisten ihn 1977 zu Tode gefoltert hatten. Das Regime hatte behauptet, er sei an den Folgen eines Hungerstreiks gestorben. Helen Zille ist talentiert und hartnäckig, doch 1981 hängt sie ihre Karriere an den Nagel. Ihr Chef wurde wegen seiner Kritik an der Apartheid gefeuert. Danach geht Zille in die Politik. Ihre Entscheidung bedauert sie nicht. "Ich bereue nichts in meinem Leben. Ich habe immer das getan, was eben zu tun war."

Helen Zille hat große Pläne für die Zukunft, die allen Südafrikanern Chancengleichheit bringen soll: Ein exzellentes Bildungssystem, die Eindämmung der Korruption und ein stetes Wirtschaftswachstum. Zu den größten Übeln in der Politik zählt sie Vetternwirtschaft, Erbhöfe und Machtwillkür. "Südafrika ist ein wunderbares Land. Wenn wir es hier schaffen, können wir es überall schaffen."

Am heutigen Montag wird ihr in Berlin der Abraham-Geiger-Preis verliehen. Laudator ist der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer. Die Jury würdigt mit dem Preis Helen Zilles Beitrag zur Demokratisierung des Landes.

Langsam geht sie den Weg vom Grabstein zurück. Die Blumen leuchten in der Abendsonne. Noch einmal dreht sie sich um: "Mach's gut, Pinselheinrich", sagt sie. "Bis zum nächsten Mal."