Verkehr

Schneller mit dem Zug nach Polen

In gut zweieinhalb Stunden mit der Bahn von Berlin nach Breslau. Vor mehr als 70 Jahren war das kein Problem für den legendären Schnellzug "Fliegender Schlesier". Heute sind Fahrgäste auf derselben Strecke mehr als fünfeinhalb Stunden unterwegs.

Auf anderen Bahnlinien in das Nachbarland Polen sieht es kaum besser aus. Dabei hat der grenzüberschreitende Bahnverkehr große Potenziale. Zu diesem Ergebnis kommt der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) in seinem jetzt veröffentlichten Weißbuch "Öffentliche Personenverkehre zwischen dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg und Westpolen". Der VBB fordert daher gemeinsam mit den grenznahen polnischen Regionen den Ausbau der Verbindungen.

In seinem Weißbuch listet der Verkehrsverbund insgesamt sechs Bahnkorridore auf, die bis 2020 ausgebaut werden sollten. Laut einer aktuellen Kosten-Nutzen-Analyse der Universität Stettin (Szczecin) würde die Modernisierung der bestehenden Schienenwege von Berlin nach Stettin, Gorzów Wielkopolski, Zielona Góra, Küstrin (Kostrzyn), Posen (Poznan) und Breslau (Wroclaw) insgesamt 204 Millionen Euro kosten. Hinzu kämen laut dem Gutachten Investitionen von 58 Millionen Euro für Fahrzeuge. Für fast alle Strecken ergibt sich nach den Berechnungen der polnischen Experten angesichts der erwarteten Fahrgastzahlen, des wirtschaftlichen Aufschwungs durch die Schienenanbindung und des dadurch steigenden Bruttoinlandsprodukts ein positives Kosten-Nutzen-Verhältnis. Negativ fällt die Analyse aus wirtschaftlicher Sicht nur für die Verbindung zwischen Berlin und Zielona Góra aus. Den größten Nutzen versprechen sich die Verkehrswissenschaftler von der Strecke Berlin-Posen.

Verkehr könnte verdoppelt werden

Nach den Vorstellungen des VBB könnten sich die Fahrgastzahlen auf den sechs Hauptstrecken in den kommenden neun Jahren fast verdoppeln. Aktuell sind jährlich etwa 720 000 Fahrgäste in den grenzüberschreitenden Zügen unterwegs. Den Schätzungen zufolge könnte die Zahl auf gut 1,4 Millionen steigen. Voraussetzung dafür ist laut VBB aber vor allem eine erhebliche Verkürzung der Reisezeiten und eine Erhöhung der täglichen Fahrtangebote. Laut dem Weißbuch könnte sich bei entsprechenden Investitionen in die Infrastruktur etwa die Fahrzeit nach Breslau auf drei Stunden fast halbieren. Stettin könnten die Züge in eineinhalb Stunden statt heute in zwei Stunden erreichen. Die Zahl der täglichen Zugpaare im grenzüberschreitenden Regional- und Fernverkehr müsste den VBB-Berechnungen zufolge von heute 43 auf 55 steigen.

Profitieren davon soll auch die Wirtschaft beiderseits der Grenze. Zu den Unterstützern der VBB-Forderungen zählt daher auch die Berliner Industrie- und Handelskammer. "Eine bessere Schienenanbindung der Metropolenregion Berlin-Brandenburg an die polnischen Wirtschaftszentren ist ein wichtiger Standortfaktor und deshalb dringend geboten", schreibt IHK-Präsident Eric Schweitzer in seinem Beitrag zum jetzt erschienenen Weißbuch.

Der Verkehrsverbund spricht unter der Rubrik "Zukunftsvision 2020" von "realistischen Angebotsverbesserungen", die zu einer "signifikanten Erhöhung der Fahrgastzahlen" führen könnten. "Voraussetzung dafür sind entsprechende politische Entscheidungen." VBB-Chef Hans-Werner Franz sieht vor allem die Bundesregierung in der Pflicht, die den Großteil der Kosten für die Modernisierung der Strecken auf deutscher Seite übernehmen müsste. Wichtige Entscheidungen - etwa eine durchgehende Elektrifizierung der Strecke nach Stettin - stünden aber seit Jahren aus, kritisiert Franz. Als Hemmnis bei der Entwicklung sieht der VBB zudem die politische Vorgabe auf deutscher Seite, Fernverbindungen grundsätzlich nur ohne Zuschüsse zu betreiben. Als Folge sei die Zahl der täglichen Fernbahn-Zugpaare auf inzwischen nur noch sieben gesunken, ein Drittel des Niveaus der 70er-Jahre.

Die Forderung des VBB lautet: Der Bund müsse nötigenfalls auch defizitäre Verbindungen bezuschussen, wenn sie verkehrspolitisch sinnvoll seien. Auf polnischer Seite ist das nach Angaben des Verkehrsverbundes bereits der Fall. Die Länder sind sich in dieser Frage zumindest einig. Berlins Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer und Brandenburgs Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (beide SPD) bekräftigten bei einem VBB-Kongress zum grenzüberschreitenden Bahnverkehr bereits am Freitag ihr gemeinsames Ziel, durch bessere Schienenverbindungen die "Grundlagen für einen engen Austausch und gemeinsames Wachstum" zu legen. Sie knüpften damit an die Vereinbarung der Regierungen Deutschlands und Polens an, die im Juni 2011 unterzeichnet wurde. Diese sieht unter anderem den zügigen Ausbau der Strecke Berlin-Stettin und die Verkürzung der Fahrzeiten zwischen Berlin und Breslau vor. Der VBB wird nun im Auftrag der beiden Länder einen "Runden Tisch Verkehr" ins Leben rufen. Erklärtes Ziel ist es, bis 2013 zu konkreten Ergebnissen bei der Verbesserung des grenzüberschreitenden Schienenverkehrs zu kommen. Das Weißbuch ist im Internet kostenlos abrufbar unter www.vbbonline.de/weissbuch