Verkehr

"Polizei - bitte folgen!"

Der weiße Toyota gibt Gas. Auf der Überholspur zischt er vorbei und muss abrupt abbremsen. Der Vordermann macht den Weg einfach nicht frei. Der Toyota bleibt hartnäckig an der Stoßstange des grünen Familien-Vans kleben. Es sind nur wenige Meter, die die beiden Fahrzeuge voneinander trennen. Eine gefährliche Situation.

Vor allem aber: Sie ist strafbar. Das ist das Zeichen für Verena Müller-Lünse, die Videoaufzeichnung zu starten. Ihr Kollege Lutz Strümpel tritt auf das Gaspedal und nimmt die Verfolgung auf. Der über 200 PS starke Motor ihres BMWs heult auf. Strümpel zieht den Wagen leicht nach rechts. Nur so kann die Kamera den Abstand zwischen den beiden Autos aufzeichnen. Später wird die Aufnahme ausgewertet und als Beweismittel verwendet. Nach wenigen Hundert Metern haben Strümpel und Müller-Lünse genug gesehen. Strümpel setzt sich direkt vor den weißen Toyota und lässt die LED-Anzeige mit "Polizei - bitte folgen" an der Heckscheibe herunterklappen. Auf der nächsten Raststätte endet der Spuk.

Für Strümpel und Müller-Lünse ist das Alltag. Der 46-jährige Polizeihauptmeister und die 33-jährige Oberkommissarin sind im Auftrag des Verkehrsdienstes unterwegs. Sie gehören zum Einsatztrupp Videoüberwachung des Schutzbereichs Ostprignitz-Ruppin. Rund 190 Kilometer Autobahnen und Bundesstraßen müssen sie mit ihrem Videowagen überwachen. Ihre Klientel sind jene, die rasen, rechts überholen, drängeln und ihre Finger nicht vom Handy lassen können. Für Strümpel und Müller-Lünse ein Traumjob. "Kein Tag ist wie der andere. Wir müssen keine Aufträge stur abarbeiten", sagt Strümpel. "Wir suchen uns unsere Arbeit selbst."

"Wir greifen erst ab Tempo 165 ein"

Der weiße Toyota ist ihr erster "Kunde" an diesem Tag. Aus dem Kleinwagen steigt eine zierliche junge Frau. Sie ist etwas verängstigt, als der rund 1,90 große Strümpel mit strengem Blick auf sie zukommt und sie mit ihrem Vergehen konfrontiert. "Ich habe einen dringenden Termin in Berlin", sagt sie entschuldigend. Lutz Strümpel ist das egal. In sechs bis acht Wochen wird die junge Frau Post von der Bußgeldstelle bekommen. Mit 100 Euro und mindestens zwei Punkten in Flensburg muss sie rechnen. Das Gesetz kennt keine Gnade.

Weiter geht es auf der A 24. Strümpel fährt mit gemächlichem Tempo auf der rechten Spur. Neben ihnen ziehen die Autos vorbei. Immer wieder guckt seine Kollegin Müller-Lünse in die Autos hinein. "Viele telefonieren einfach immer noch zu gern ohne Freisprechanlage", sagt sie. Sie werden konsequent aus dem Verkehr gezogen. Auffällig ist dagegen, dass die Beamten einige, die sich nicht ganz an die vorgeschriebenen 130 Stundenkilometer halten, ziehen lassen. "Hier greifen wir aber erst ab 165 ein. Alles andere ist Kleinkram", sagt Strümpel. Oberste Priorität sei es, schwere Ordnungswidrigkeiten und Straftaten zu ahnden. Den Rest erledigen die zahllosen Radarfallen in der brandenburgischen Provinz. Bei Dränglern lassen die beiden allerdings nie Nachsicht walten, denn daraus kann sich schnell eine Straftat wie Nötigung entwickeln. Heutzutage würden die Leute aber besonnener fahren, sagt Strümpel. Die Beamten vermuten, dass die hohen Spritpreise die Fahrer zügeln. Zudem wurde 2009 der Bußgeldkatalog empfindlich erhöht. Pendler können sich das auf Dauer nicht mehr leisten. "Richtig wild war es gegen Ende der 1990er-Jahre und um die Jahrtausendwende", erzählt Strümpel, der seit 14 Jahren mit dem Videowagen unterwegs ist. Die Klientel sei meist männlich, zwischen 40 und 60 Jahren alt und habe viel PS unter der Motorhaube. Junge Menschen dagegen würden seltener durch Raserei auffallen. Dafür drängelten sie mehr.

Drängeln kostet schnell 250 Euro

Nur kurze Zeit später entdecken die Beamten so einen Kandidaten. Ein silberner Skoda aus Litauen liegt mit seiner Geschwindigkeit zwar noch im Toleranzbereich. Dennoch drängelt er und kommt seinem Vordermann immer näher. "Das ist richtig gefährlich, was der da macht", zischt Strümpel. Mittlerweile ist die Autobahn voll, mit ihrem BMW kommen sie einfach nicht vorbei. Müller-Lünse schaltet das Blaulicht ein und winkt den Übeltäter mit der Polizeikelle heraus. Seine Fahrt ist vorerst zu Ende. Auf dem Rastplatz Linumer Bruch schaut das litauische Pärchen Strümpel überrascht an. Sie können nur wenig Deutsch. Ihre Überraschung weicht Entsetzen, als sie erfahren, dass sie sofort 250 Euro bezahlen sollen. "Das ist eine Sicherheitsleistung", sagt Strümpel. Damit die Behörden auch wirklich an das Geld von Ausländern kommen, müssen sie sofort vor Ort bezahlen. Verärgert geht das Pärchen zum nächsten Geldautomaten. Dass ihr Urlaub so teuer wird, hätten die beiden nicht gedacht.

Mitleid haben die Polizisten nicht. "Für alle gelten die gleichen Regeln", sagt Strümpel. Über die Jahre haben er und seine Kollegin viele Ausreden gehört. Die beliebtesten seien die kranke Oma oder dass die Ehefrau im Krankenhaus sei. "Ich musste einfach auf Toilette" stehe ebenfalls ganz oben im Ranking. Nutzen tut das jedoch nichts. Nur wenige kommen ungeschoren davon. Meistens sind es Motorradfahrer, die sich durch die Autos schlängeln oder auf den Strandstreifen flüchten. Mitunter wird es auch brenzlig. Einmal erwischte Strümpel einen Motorradfahrer. Anstatt aber anzuhalten, raste dieser einfach davon. "Mit 160 Sachen bin ich ihm hinterhergerast - durch eine Ortschaft!", sagt er und schüttelt den Kopf. Am Ende kriegten sie ihn doch.

Die Schicht ist fast zu Ende. Immer mehr Pendler tummeln sich auf den Straßen Brandenburgs. Auf der rechten Spur tuckern zahllose LKW vor sich hin, der Rest drängelt sich auf der linken Spur. Einem BMW-Fahrer wird es zu viel, er zieht auf die rechte Spur. Müller-Lünse startet die Aufnahme. Sie weiß, dass der Fahrer bald rechts überholen wird - er tut es tatsächlich. Der Fahrer regt sich später furchtbar auf und will mit den Beamten diskutieren. "Was soll ich denn machen, wenn die anderen stur links fahren? Das ist doch völlig legitim!", ruft er. Strümpel und Müller-Lünse kennen solche Wutausbrüche. Doch es nutzt alles nichts. Das Überholmanöver kostet den Mann 100 Euro und bringt ihm drei Punkte ein. Strümpel gibt sich unbeeindruckt und sagt: "Den werden wir bestimmt bald wieder sehen."