BER

Die Schlacht von Großbeeren

Die zwei Plakate vor dem Rathaus von Großbeeren erzählen eigentlich schon die ganze Geschichte. "Siegesfest mit Kirmes" steht auf dem einen und direkt darunter, in leuchtendem Gelb: "Großbeeren braucht keine Überflieger! Bürgerinitiative für ein Nachtflugverbot am Flughafen Schönefeld."

Großbeeren, Brandenburg, 25 Kilometer südlich von Berlin: Am Wochenende wird hier zum 198. Mal jener Schlacht gedacht, bei der die preußisch-russischen Truppen Napoleon schlugen. Am 23. August 1813 rettete der Sieg von Großbeeren Berlin und die Mark. In vier Wochen wird ein weiteres Gefecht stattfinden, diesmal mit Worten und vor Gericht. Es geht um die Nachtruhe der gesamten Region. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entscheidet, ob die Flugzeuge vom neuen Großflughafen Schönefeld BER ab kommendem Juni auch nachts starten und landen dürfen. Großbeeren ist eine von vier klagenden Gemeinden.

Vor den Plakaten steht jetzt Carl Ahlgrimm, Bürgermeister von Großbeeren, er trägt Jeans und Kurzarmhemd wie alle hier, dazu eine Krawatte, und posiert für Fotos. Zwischendrin schüttelt er einer alten Dame die Hand und zwinkert einem Herrn mit Aktentasche zu, der respektvoll Abstand hält. Ahlgrimm, 54 Jahre alt, parteilos, ist eine Art Promi in Großbeeren, obwohl - oder weil? - er ein Wessi ist. Vor neun Jahren, als sie ihn wählten, war er der Mann aus Zehlendorf. Jetzt ist er sozusagen der oberste Flughafengegner der Gemeinde - im Kampf gegen den drohenden Lärm.

Ahlgrimm seufzt, er hat wenig Zeit. Gerade hat er den Schuldirektor getroffen, Thema: "Unsere vielen Erstklässler". Er lächelt. "Wir brauchen eine vierte Grundschulklasse, weil immer mehr Familien nach Großbeeren ziehen." Großbeeren wächst. Mehr Häuser, mehr Menschen, mehr Arbeitsplätze. 7600 Einwohner hat die Gemeinde mit ihren Ortsteilen heute, zweieinhalbmal mehr als zu Wendezeiten, sagt Ahlgrimm. Im Ortskern erzählen Supermärkte, Autohäuser und Restaurants vom Aufschwung. Wasserskianlage, Radwege, Ausflugstouristen und Hotels illustrieren, warum Großbeeren auch als Wohnort beliebt ist.

Grund für das Wachstum ist - neben dem Autobahnanschluss, der Bahnstrecke und den niedrigen Gewerbesteuern - vor allem der neue Flughafen. Mehr als 60 Firmen haben sich seit 1995 allein im Güterverkehrszentrum am Rand Großbeerens angesiedelt, fast 5000 Menschen arbeiten hier, in einigen Jahren sollen es 8000 sein. Zwei Erweiterungsflächen seien bereits ausgewiesen, sagt Ahlgrimm. Gerade habe ein großer Internet-Versandhandel seine Arbeit aufgenommen, außerdem die Logistikzentrale eines Tankstellenshop-Großhandels. Für sie sei der Flughafen ausschlaggebend gewesen.

"Dorfaue", so heißt die verträumte Straße im Zentrum des Ortes: Kirche, Schule und Rathaus stehen sich gegenüber, etwas weiter thront der Siegesturm auf einer Verkehrsinsel. Bis Anfang der 90er-Jahre hatte Großbeeren außer der Siegesgeschichte nicht viel zu bieten, es sei denn müffelnde Rieselfelder und ein historisches Institut für Gemüsepflanzen. Eine "Hauptstraße" bekam der Ort erst nach der Wende. Das Schild ist etwas größer als alle anderen, wie um die Bedeutung der Straße noch zu betonen. Sie führt, am Zentrum vorbei, ins "GVZ", das Güterverkehrszentrum mit Logistikunternehmen, Lagerhäusern und Speditionen. "Wir stellen ein", steht an vielen Fassaden. Großbeeren hat eine Arbeitslosenquote von nur noch rund vier Prozent - quasi Vollbeschäftigung. Mehr Wachstum geht kaum.

Bestraft, weil sie ins Umland zogen

All dies muss im Rathaus bewältigt werden, dem Carl Ahlgrimm vorsteht. Doch obwohl Großbeeren seinen Aufschwung zumindest teilweise dem Flughafen verdankt, sagt er: "Ich bin gegen den Flughafen." Schönefeld könne nur eine mittelfristige Lösung sein und schon gar kein internationales Drehkreuz. "Ein Großflughafen hat in bewohntem Gebiet nichts verloren."

Drohende Nachtflüge und die geänderten Flugrouten, mit denen niemand rechnete, haben Anwohner im gesamten Süden Berlins auf die Barrikaden getrieben. Auch Ahlgrimm gehört zu jenen, die einst ins Umland zogen, "weil wir in Stadtnähe und trotzdem im Grünen wohnen wollen". Er baute sein Haus Anfang der 90er-Jahre im wohl idyllischsten Weiler ringsum - Diedersdorf. Der Ortsteil von Großbeeren ist berühmt für seine grüne Lage und sein Schloss, das Zigtausende Besucher im Jahr anlockt. Zwar liegt das Dorf nur wenige Kilometer vom Flughafen entfernt. Doch als Ahlgrimm herzog, galt Schönefeld als ungeeigneter Standort für den künftigen Hauptstadtflughafen. Die Einwohnerzahl stieg schnell von 284 auf über 800 - bis der endgültige Beschluss fiel, dass der Flughafen trotz allem hier gebaut werden würde. Seitdem sei Diedersdorf nicht mehr gewachsen, sagt Ahlgrimm.

Am Gemeinschaftshaus des Dorfes erzählen bunte Museumstraktoren von der Vergangenheit. Auf dem Schwarzen Brett wird für die Unterschriftensammlung gegen die Nachtflüge geworben und die Bürgerbeteiligung zum achtspurigen Ausbau der Autobahn. Die Kirchenglocke schlägt die Stunde, eine Henne trippelt mit ihren Küken übers Kopfsteinpflaster. Hoch oben am Himmel zieht ein Flugzeug vorbei, fast unbemerkt von den Gästen der Schlossbäckerei, die bei Kaffee und Kuchen im Schlosshof sitzen. Ab Juni 2011 wird Diedersdorf einer der meistüberflogenen Orte der Region sein.

"Der Wind steht heute günstig", sagt Henri Schröder, Geschäftsführer von Schloss Diedersdorf. Aus den Fenstern seines "Schlossbüros" fällt der Blick über den großen Biergarten und weite Auen. Pferde weiden, Radler ziehen in die Ferne. Weit weg am Horizont kriecht, winzig, die alltägliche Lkw-Karawane über den Berliner Ring. Der Flughafen, sagt Schröder, beunruhige ihn nicht. Und für die Gäste sei er kein Thema, es sei denn, sie kämen selbst per Flugzeug her. Vielleicht muss Schröder das sagen. Schloss Diedersdorf, Veranstaltungsort mit Musik und Markt, Tagungshotel, Gastronomie mit 5000 Plätzen, ist ein Aushängeschild für die Region.

Der Zusammenprall der Welten findet in Diedersdorf fast geräuschlos statt, so scheint es - bis man das Neubaugebiet betritt. "Schönefeld - mit uns nicht!", lauten die Parolen auf Plakaten. Auf Briefkästen prangen knallrot durchgestrichene Flugzeuge und das Wort "Nein!". An einigen Häusern hängen Schilder: "Zu verkaufen". Manche sind inzwischen ziemlich vergilbt. Ein kanadischer Investor hat Ende der 90er-Jahre die Äcker von Diedersdorf in ein pastellfarbenes Paradies verwandelt. Niedliche Holzhäuschen mit Säulenportalen, Gauben und weißen Gartenzäunen wie aus einer amerikanischen Vorabendserie. Wie die Gebäude aus Holzständerwerk und Rigipsplatten gegen Lärm geschützt werden können, interessierte damals niemanden.

Klaus Obremba war der zweite Siedler in dem hoffnungsvollen Areal. Sein Fertighaus im schwedischen Stil hat immerhin dicke Wände und gute Fenster, sagt der 73-Jährige und lacht, doch nicht aus Gelassenheit, sondern aus Verbitterung. Für Obremba und seine Nachbarn ist Diedersdorf ein Paradebeispiel für verlogene Politik und verhöhnte Bürger. Obremba kam aus Lichtenrade, sein Nachbar Ronald Freitag (56) aus Steglitz. Verkaufen, sagen sie, könnten sie ihre Häuser jetzt nicht mehr, selbst wenn sie wollten. "Der Preisverfall ist zu groß."

Hinter dem Garten der Obrembas zieht sich eine schmale Teerstraße ins Feld, "Bahnhofstraße" verspricht ein Schild. Der Weg ist eine Sackgasse - einen Bahnhof gab es hier nie. "Außer dem Schulbus fährt hier nichts", sagt eine junge Frau, die ihren Hund spazieren führt, "hier gibt's ja nicht mal einen Laden. Warum sollte man auch ein Dorf ohne Zukunft an den Nahverkehr anschließen?" Viele Familien, sagt sie, seien wieder weggezogen.

Grundstücke will keiner mehr haben

An der Bahnhofstraße wirbt immer noch ein riesiges, rotes Schild: "Voll erschlossene Baugrundstücke". Aufgestellt hat es vor Jahren Andreas Geyer, Vertriebsleiter der Agentur Projektinnovation 2007. Nach dem Schild gefragt, lacht er kurz auf. "Diedersdorf war die totale Fehlinvestition." Während er in Nachbargemeinden Hunderte neue Häuser baue, sei Diedersdorf nicht mehr zu vermarkten.

Bis zu 113 Flugzeuge, rechnet Bürgermeister Ahlgrimm vor, können den kleinen Ort ab Juni allein in den "Randzeiten" der Nächte überqueren, "zwischen 22.00 Uhr und 23.30 Uhr am Abend und zwischen 5.30 Uhr und 6.00 Uhr früh". Zwar würden die Maschinen dann etwas höher fliegen als heute. "Aber alle, die Richtung Westen starten, fliegen direkt über Diedersdorf. Erst danach dürfen sie abdrehen."

Bevor das Gericht am 20. und 21. September über die Nachtruhe von Großbeeren verhandelt, wird dort am kommenden Wochenende erst mal gefeiert. Zum Siegesfest mit Kirmes und Auftritt der "historischen Truppen" in ebensolchen Gewändern wird auch der Bürgermeister erscheinen. Als Dorfschulze natürlich und ebenfalls im historischen Gewand. Ein bisschen Säbelrasseln kann sicher nicht schaden. Ebenso wenig die Erinnerung an eine gewonnene Schlacht.