Interview mit Rainer Maria Woelki

"Die Kirche ist keine Demokratie"

Am Sonnabend kommender Woche wird in der St.-Hedwigs-Kathedrale der neue Erzbischof Rainer Maria Woelki in sein Amt eingeführt. Die Erwartungen an den 55-Jährigen sind gespalten.

Während sich Konservative von dem früheren Weihbischof im Kölner Bistum des Kardinals Joachim Meisner einen christlichen Neuaufbruch erhoffen, befürchten reformorientierte Gläubige, dass sich Woelki als "Hardliner" betätigen werde, der den relativ liberalen Kurs seines verstorbenen Berliner Vorgängers Kardinal Georg Sterzinsky beendet. Mit Erzbischof Woelki sprachen Gernot Facius, Matthias Kamann und Brigitte Schmiemann.

Berliner Morgenpost: Herr Bischof, Johannes Paul II. hat das Erzbistum Berlin einmal "das schwierigste Bistum der Welt" genannt. Welche Aufgabe sehen Sie auf sich zukommen?

Bischof Rainer Maria Woelki: Zunächst gilt es wahrzunehmen, dass wir in einer säkularisierten Gesellschaft leben. Daher müssen wir uns als Christen gegenseitig stärken und unseren Glauben leben, indem wir Verantwortung in Politik und Gesellschaft übernehmen und zeigen, dass die Botschaft unseres Glaubens dem Wohl und Glück der Menschen dient. Das haben wir auch jenen anzubieten, die bis jetzt mit dem Evangelium nicht in Berührung gekommen sind oder diesen Bezug aus irgendeinem Grund verloren haben.

Berliner Morgenpost: Wie empfinden Sie den in Berlin oft zu spürenden Atheismus?

Bischof Rainer Maria Woelki: Er eröffnet der Kirche die Chance, unsere Botschaft als Angebot in die Welt zu tragen. Atheismus hat es zu allen Zeiten gegeben, er ist eine legitime Form der Weltdeutung, der wir Christen unseren Gottglauben als Alternative und Angebot entgegenhalten sollten - damit dieser Glaube als das Überzeugendere angenommen wird.

Berliner Morgenpost: In Berlin und Brandenburg haben Sie es mit Landesregierungen zu tun, die nicht immer sehr kirchenfreundlich agieren, etwa beim Religionsunterricht an staatlichen Schulen.

Bischof Rainer Maria Woelki: Über den Religionsunterricht an staatlichen Schulen sollte in Berlin noch nicht das letzte Wort gesprochen sein. Der Religionsunterricht eröffnet gerade mit Blick auf die Werte-Diskussion eine ungeheure Chance, die in der alten Bundesrepublik zum Segen unseres Landes genutzt werden konnte. Darüber hat die Kirche in Berlin zu reden.

Berliner Morgenpost: Sollte es da Gespräche über einen neuen Staatsvertrag zwischen dem Land Berlin und den christlichen Kirchen geben?

Bischof Rainer Maria Woelki: Beim Leisten des Amtseids vor dem Regierenden Bürgermeister habe ich mich mit ihm in der Weise verständigt, dass es zwischen dem Land Berlin und dem Erzbistum Berlin auf vielen Ebenen und in vielen Bereichen ein gutes Miteinander zum Wohle der Menschen in dieser Stadt gibt. Man könnte dies - so unsere übereinstimmende Einschätzung - in einem Staatsvertrag neu formulieren. Allerdings sind wir uns auch einig, worüber wir uns uneinig sind, und das ist mit Sicherheit beim Religionsunterricht der Fall. Die evangelische Kirche hat bekanntlich dieses Thema in ihrem Staatsvertrag ausgeklammert. Ich werde mit der Landesregierung im Gespräch bleiben.

Berliner Morgenpost: Meinungsverschiedenheiten gibt es auch innerhalb des deutschen Katholizismus, und zwar zwischen traditionalistischen und reformorientierten Gruppen. Wie kann da der Dialog gelingen?

Bischof Rainer Maria Woelki: Indem man zunächst einmal offen aufeinander zugeht, den jeweils anderen respektvoll anhört und ihn in seinen Überzeugungen wahrnimmt. Jeder soll sagen dürfen, was ihn bewegt und welche Sorgen er sich um den Glauben macht. Wenn wir dann um unsere Positionen ringen, muss um der Wahrhaftigkeit willen gesagt werden, dass die Kirche keine parlamentarische Demokratie ist, wo Abstimmungsmehrheiten den Kurs festlegen. Es gibt Dinge, die nicht verhandelbar sind. Der Kirche sind ihre Voraussetzungen vorgegeben, sodass ein Dialog auch Grenzen hat.

Berliner Morgenpost: Kardinal Lehmann beklagt einen Verlust der Mitte in der katholischen Kirche. Teilen Sie diese Diagnose?

Bischof Rainer Maria Woelki: Voll und ganz. Ich halte nichts von jenen extremen Positionen, wo es angeblich eine allein selig machende Kirche nur dann gibt, wenn dieses oder jenes geschieht. Wir befinden uns in einer schwierigen Zeit, in der alles davon abhängt, dass wir uns auf die Mitte hin ausrichten, auf Christus. Jede Tradition und jede Reform, Alt und Neu, haben sich an dem zu orientieren, wofür Christus steht: Dass der dreifaltige Gott ein Herz für die Menschen hat und sie zum Glück, zur Teilhabe an seinem Leben führen möchte.

Berliner Morgenpost: Viele beklagen, dass jenes Glaubensglück kaum zu spüren ist, wenn Priester in immer größeren Seelsorgebezirken für immer mehr Gemeindeglieder zuständig sind. Deshalb sollten auch erprobte, verheiratete Männer zum Priesteramt zulassen werden.

Bischof Rainer Maria Woelki: Die Erfahrung des gütigen Gottes ist nicht nur an Priester gebunden. Die Kirche als Ganze hat Teil an der apostolischen Sendung. Jedem von uns ist mit Taufe und Firmung aufgegeben, den Menschen den ihnen zugewandten Gott zu vermitteln. Insofern stimmt es nicht, dass sich die Kirche aus der Fläche zurückzieht. Kirche ist nicht nur im Pfarrhaus präsent, sondern überall, wo einer seinen Glauben überzeugend lebt, in der Öffentlichkeit, der Schule, am Arbeitsplatz. Was sonntags gefeiert wird, muss sich im Alltag auswirken.

Berliner Morgenpost: Und wenn es sonntags keine Feier gibt? Die Wege zur Eucharistie werden wegen des Priestermangels immer weiter.

Bischof Rainer Maria Woelki: Wenn ich mit Siebzig- oder Achtzigjährigen spreche, dann berichten sie davon, dass es für sie in ihrer Kindheit selbstverständlich war, am Morgen, auch an Werktagen, eine oder zwei Stunden lang zu Fuß zum Gottesdienst in die vier oder fünf Kilometer entfernte Kirche zu laufen. Heute haben die Menschen Autos, in Berlin gibt es ein hervorragend ausgebautes öffentliches Verkehrssystem. Insofern sollten wir die Perspektive noch einmal ändern und fragen, was uns die Eucharistie bedeutet und was da geschieht. Da geschieht, dass Gott seinen Sohn für uns hingibt, um uns das Leben zu schenken. Er stirbt für uns. Darauf ist meine ganz persönliche Antwort der Liebe gefragt. Da frage ich doch nicht nach zwei Kilometern.

Berliner Morgenpost: Der Papst, den Sie im September begrüßen werden, setzt große Hoffnungen in die neuen geistlichen Gemeinschaften. Doch manche dieser Gruppen zeigen sektiererische Züge, unter denen Gemeinden leiden. Wann muss man ihnen Schranken setzen?

Bischof Rainer Maria Woelki: Immer wenn die Einheit der Diözese und der Gemeinden bedroht ist. Diese Gemeinschaften können wirklich eine Befruchtung für das kirchliche Leben sein. Es ist großartig, dass manche ihrer Mitglieder sich von weit her aufmachen, um uns als Priester hier im Erzbistum zu helfen. Sie müssen sich aber einbinden lassen. Es kann nicht darum gehen, dass sich eine Gemeinschaft auf Kosten anderer profiliert. Profilieren können wir uns nur im Bemühen, Christus ähnlich zu werden.

Berliner Morgenpost: Worauf führen Sie die starke Zunahme der Kirchenaustritte zurück?

Bischof Rainer Maria Woelki: Bei den meisten dürfte sich darin eine seit Längerem wirkende Entfremdung ausdrücken, für die das Bekanntwerden der furchtbaren Missbrauchsfälle der letzte Auslöser war. Wir müssen alles versuchen, mit diesen Menschen wieder neu ins Gespräch zu kommen.

Berliner Morgenpost: Berlin steht bei den Austritten noch relativ gut da. Hat das auch damit zu tun, dass hier, ausgehend vom Canisius-Kolleg, das Thema offensiv angesprochen wurde?

Bischof Rainer Maria Woelki: Das mag durchaus sein. Es war ein großes Verdienst, dass man das Thema hier so klar angesprochen hat. Was die Austrittszahlen in Berlin betrifft, dürfte aber auch eine Rolle spielen, dass die Katholiken in der Berliner Diaspora Entscheidungschristen sind, die gerade in den Diskussionen über eine so furchtbare Thematik bei aller Kritik zur Kirche stehen und die Missbrauchsfälle anders einordnen können als in Regionen, wo viele aus Gewohnheit dazugehörten und bei Bekanntwerden der Missbrauchsfälle sagten, so: Nun ist endgültig Schluss.

Berliner Morgenpost: Wie stehen Sie zu Muslimen? Würden Sie wie der Kölner Pfarrer Franz Meurer im Gottesdienst für den Bau einer Großmoschee sammeln?

Bischof Rainer Maria Woelki: Ich hätte damit zunächst einmal kein Problem, wenn in Istanbul für die irgendwann anstehende Renovierung unserer St.-Hedwigs-Kathedrale in ähnlicher Weise gesammelt würde. Ich habe gar nichts gegen den Islam, Muslime sollen hier ihren Glauben leben und praktizieren. Wir sind ein freiheitlich-demokratischer Staat mit Religionsfreiheit. Insofern gehören Muslime hier zu uns nach Deutschland. Das muss natürlich unter dem geschehen, was die Verfassung vorgibt. Terrorismus hat so wenig einen Ort wie fundamentalistische Radikalisierung. Zugleich bin ich gegen jedes Aussprechen eines Generalverdachtes. Vielmehr freue ich mich, dass sich viele Muslime genau wie wir Christen auf der Suche nach Gott befinden. Ich würde mir allerdings wünschen, dass das für Christen auch in allen islamischen Ländern möglich ist.

Berliner Morgenpost: Da in Istanbul wohl nicht für die St.-Hedwigs-Kathedrale gesammelt wird, hätten Sie Probleme mit einer Moschee-Kollekte?

Bischof Rainer Maria Woelki: Es wäre eher die Ausnahme, ein Zeichen besonders guter Nachbarschaft, zumal es ja nicht gut ist, wenn Gebetsstätten aus Geldmangel in Hinterhöfe verlagert werden. Grundsätzlich aber sollten Muslime für ihre Gotteshäuser so aufkommen wie wir für die unseren.

Berliner Morgenpost: Wo werden Sie in Berlin wohnen?

Bischof Rainer Maria Woelki: Ich werde wahrscheinlich zunächst in den Wedding ziehen, nach Möglichkeit nicht nur mit meinen Privat- sondern auch meinen Diensträumen. Ich möchte mir auch gern meine bisherige Eigenständigkeit erhalten und zum Beispiel sonnabends da auch meine Schrippen selbst kaufen.

Berliner Morgenpost: Sie wollten immer nur Priester sein, nun sind Sie Erzbischof. Wie wollen Sie Kontakt zu Gläubigen und Nichtgläubigen halten?

Bischof Rainer Maria Woelki: Es ist schon mal gut, dass ich im Wedding wohnen werde, mitten in der Stadt, an einer Nahtstelle zwischen Ost und West. Ansonsten hoffe ich, auch mit U- oder S-Bahn fahren und auf Menschen treffen zu können.

Berliner Morgenpost: Wann lassen Sie den lieben Gott einen guten Mann sein?

Bischof Rainer Maria Woelki: Manchmal, wenn ich mich über mich oder andere ärgere, denke ich: So, lieber Gott, jetzt geht's halt nicht, jetzt ist der Karren verfahren, was schiefgegangen ist, muss eben aufgefangen werden. Beim nächsten Mal muss es eben besser gemacht werden.

Berliner Morgenpost: Was macht der Bischof im Urlaub?

Bischof Rainer Maria Woelki: Ich wandere gern. Oft war ich in der Schweiz, im Berner Oberland, in den vergangenen Jahren aber auch häufig in Mecklenburg-Vorpommern, auf Rügen und Usedom. Mit zunehmendem Alter muss es beim Wandern nicht mehr so bergig wie früher sein.