Landwirtschaft

Bauer sucht Ernte

Ulfried Zinnow steht bis zu den Knöcheln im Wasser. Seine Kühe ebenso. Seit Wochen hat es immer wieder wie aus Kübeln gegossen. Die Wiesen sind durchgeweicht, teilweise haben sich kleine Seen auf den Weiden gebildet. Er muss zusehen, wie das Gras und damit auch das Winterfutter für die Tiere verdirbt.

"Die Ernte einholen - das ist an vielen Stellen derzeit unmöglich", sagt der Biobauer. 200 Rinder und 30 Pferde sind in dem Landwirtschaftsbetrieb im Potsdamer Ortsteil Grube zu versorgen.

Machtlos gegen das Wetter

Zusammen mit seinem Bruder Arno, dessen Schwiegersohn Wolfgang Bölke und Nachbar Emil Mauerhof bewirtschaft der 66 Jahre alte studierte Landwirt seit 1994 etwa 300 Hektar. Jeder der vier führt seinen eigenen Betrieb, die drei Rentner und der jüngere Verwandte erledigen die Arbeit aber schon seit 17 Jahren gemeinsam. Eine erfolgreiche Kooperation, doch gegen die Kapriolen des Wetters sind sie machtlos. Auf die ungewöhnliche Dürre im Frühjahr folgte Anfang Juni der erlösende Regen. Aber als es im Juli so richtig ans Ernten ging, hörte es gar nicht mehr zu regnen auf. Ulfried Zinnow versuchte seitdem, so viele Kälber zu verkaufen wie möglich. "Regnet es weiter, wird es knapp mit dem Futter im Winter" sagt er. Und Bio-Heu anzukaufen, das sei teuer. Statt des Getreides wächst auf dem Öko-Hof derzeit vor allem das Unkraut. Bauer Zinnow hat sich schon damit abgefunden, dass mindestens die Hälfte der Ernte in diesem Jahr ausfällt. "Das wird wohl nichts mehr", sagt er.

In Potsdam-Mittelmark liegt der Landwirtschaftsgroßbetrieb der Fiener Agrargenossenschaft Ziesar-Bücknitz. Auch hier ist die Stimmung gedrückt. Landwirt Wolfgard Preuß rechnet mit Ernteeinbußen bis zu 75 Prozent. Sein Betrieb umfasst 1800 Hektar, bald kommen durch die Fusion mit einem Nachbarschaftsunternehmen 1200 Hektar hinzu. "40 Prozent der Ernte steht noch draußen, die Witterung lässt es nicht zu, sie zu holen", sagt Preuß. Die Äcker seien so durchnässt, dass man manche Stellen gar nicht mit den Erntemaschinen erreichen könne. "Aber auch wenn geerntet werden kann, wird es Qualitätsabschläge geben", so Landwirt Preuß. Das Getreide kann nicht mehr als Brotgetreide verkauft werden, sondern nur noch als Futter.

"Tatenlos müssen die Landwirte ansehen, wie Ähren abknicken, Pilzerkrankungen zunehmen und damit die Qualität bei allen Getreidearten sinkt", berichtet Karsten Lorenz, Referent für Ackerbau beim Landesbauernverband. "Durch den starken Dauerregen sind die sandigen märkischen Böden so mit Wasser gesättigt, dass sie mit der schweren Erntetechnik teilweise gar nicht befahren werden können", so Lorenz. Hinzu komme die hohe Luftfeuchtigkeit, die ein schnelles Abtrocknen der Bestände verhindert. "Was wir jetzt brauchen", so der Experte, "sind ein, zwei Wochen Sonnenschein mit mäßigem Wind, damit die Feuchtigkeit aus dem Getreidekorn kommt." Bei der Gerste, die zu rund 90 Prozent abgeerntet ist, konnten laut Landesbauernverband nur etwa 44 Dezitonnen pro Hektar eingefahren werden, normal wären 56. Im vergangenen Jahr waren es sogar noch 60 Dezitonnen pro Hektar. Bei Weizen, Roggen und Hafer schwanken die Erträge erheblich. Besonders betroffen waren die Landwirte in Südostbrandenburg. Dort gingen die Erträge stellenweise um mehr als die Hälfte zurück. "Die Ursache dafür sind in erster Linie die fehlenden Niederschläge im Frühjahr", sagt Lorenz. Im April und Mai wurde in Oder-Spree nur ein Drittel der üblichen Menge gemessen. Dafür war der Juli mit durchschnittlich 200 Liter Niederschlägen pro Quadratmeter viel zu nass, normal wären 52 Liter.

Die Witterungsbedingungen haben dazu geführt, dass noch etwa 50 Prozent der Roggen- und Weizenbestände auf dem Feld stehen, sagt der Referent beim Landesbauernverband. Katastrophal sei die Lage beim Raps. Die Bestände kamen schlecht über den Winter. "Insgesamt wird in Brandenburg mit einer Getreideernte von 1,8 Millionen Tonnen gerechnet", so Kasten Lorenz. "Das sind etwa 700 000 Tonnen weniger als sonst. Das macht für die Landwirte bis zu 20 Prozent Ertragseinbußen aus." Je nach Region sieht es unterschiedlich aus. Lorenz spricht von einer Nord/Süd-Teilung und einer Nord/West-Teilung.

In einigen Gebieten Komplettausfälle

Während der Westen das ganze Jahr über recht gut mit Regen versorgt worden sei und die Bestände nur ein bisschen schlechter dastehen als sonst, bezeichnet er den Süden und die östlichen Bereiche als Problem. "Hier gibt es sogar Komplettausfälle bei der Ernte", so sein Fazit.

Für die Verbraucher dürfte eine niedrige Getreideernte keine gravierenden Auswirkungen haben, sagt Karsten Lorenz. Selbst wenn es zu Preissteigerungen beim Getreide kommt, sind sie für den Endverbraucher an der Ladentheke kaum spürbar. Nur ein bis anderthalb Cent des Kaufpreises eines Brötchens seien auf den Getreideanteil zurückzuführen.

Dramatisch ist die Situation auch bei den Obstbauern. Sie rechnen mit der schlechtesten Ernte seit 20 Jahren. Der Grund sei vor allem der plötzlich einsetzende Frost im Mai, der den Blüten zugesetzt habe. Nach ersten Schätzungen liegt der Ertrag in diesem Jahr bei 28,1 Dezitonnen pro Hektar. Das sind 123,2 Dezitonnen weniger als 2010. Bei einer Anbaufläche von 1200 Hektar wird mit einer Erntemenge von 3400 Tonnen Äpfeln gerechnet. Voriges Jahr waren es 18 100 Tonnen.

Derzeit gibt es für Brandenburg keine Hilfsprogramme bei witterungsbedingten Ausfällen. Besonders stark betroffene Unternehmen haben aber die Möglichkeit, über die deutsche Rentenbank günstige Kredite in Anspruch zu nehmen. Trotz der schlechten Ernteaussichten lehnt der Bauernbund Brandenburg anders als der Landesbauernverband staatliche Hilfe jedoch ab. Mit Verweis auf die EU-Überlegungen, einen Hilfsfonds für agrarische Einkommensverluste aller Art einzurichten, sagte Sprecher Reinhard Jung: "Wir wollen keine Hilfe, denn Hilfsprogramme helfen immer nur Einzelnen und verzerren damit den Wettbewerb."