Wannsee-Reaktor

Ärger um Jodtabletten für die Potsdamer

Ein Forschungsreaktor, zwei Länder, eine Posse. Potsdamer, die im Umkreis von vier Kilometern um die derzeit stillgelegte Anlage des Helmholtz-Instituts in Berlin-Wannsee leben, sollten sich ab 1. September bei der Hauptwache der Berufsfeuerwehr mit Jodtabletten versorgen können.

Die Medikamente würden bei einem atomaren Ernstfall helfen, Schilddrüsenkrebs zu verhindern. Für Berliner aus der Nachbarschaft des Reaktors war hingegen keine solche Vorsorge geplant. Doch nun muss Potsdam offenbar einen Rückzieher machen: Das Landesgesundheitsministerium und die Apothekenkammer haben rechtliche Bedenken gegen die vorsorgliche Ausgabe der Tabletten angemeldet.

Stefan Schulz, Sprecher der Potsdamer Stadtverwaltung, sagte der Berliner Morgenpost am Montag: "Wir prüfen für die Ausgabe und werden zusammen mit dem Landesgesundheitsministerium und der Apothekenkammer eine Entscheidung treffen." Viele Anwohner konnten die Nachricht über die Potsdamer Tablettenausgabe ohnehin kaum glauben. Auch Gisela Reuter nicht: "Ich lebe seit mehr als 40 Jahren in Wannsee und frage mich, was dies jetzt soll", sagt die Berlinerin. Ihrer Ansicht nach werden damit nur unnötig Ängste geschürt. Etwa 600 000 Jodtabletten lagern in den Schränken der Potsdamer Feuerwehr und des Katastrophenschutzes für den Größten Anzunehmenden Unfall (Gau). Sie sollten laut einem Mitarbeiter der Feuerwehr ab 1. September in der Wache an der Holzmarktstraße an alle Potsdamer bis 45 Jahre ausgereicht werden. Mit zunehmendem Alter soll das Risiko sinken, an strahlungsbedingtem Schilddrüsenkrebs zu erkranken. Die Babelsbergerin Angelika Elgeti begrüßte den Plan Potsdams. "Ich würde die Tabletten für uns und unseren drei Kinder auf alle Fälle abholen", sagte sie.

Der Senat in Berlin dagegen kritisierte Potsdams Vorgehen. "Es wäre das völlig falsche Signal", sagte am Montag Regina Kneiding, Sprecherin der Senatsverwaltung für Umwelt. Jodtabletten vorsorglich auszugeben, mache keinen Sinn. Sie würden womöglich versehentlich eingenommen, und die Nebenwirkungen seien beträchtlich. Kneiding kritisiert ein solches Vorgehen. "Die Bevölkerung wird in eine völlig unangebrachte Unruhe versetzt."

Tag der offenen Tür in Wannsee

Im Helmholtz-Institut weiß man um die Ängste vieler Bürger, vor allem angesichts der Diskussion um neue Flugrouten über Wannsee. Einen Flugzeugabsturz über dem Reaktor könne niemand ausschließen, sagen viele Anwohner. An diesem Freitag veranstaltet das Institut von 14 bis 19 Uhr am Hahn-Meitner-Platz erneut einen Tag der offenen Tür. Besucher müssen den Personalausweis vorzeigen. Der Forschungsreaktor ist derzeit wegen Umbauarbeiten stillgelegt. Nach Angaben der Sprecherin des Helmholtz-Zentrums, Ina Helms, entstehen im Gegensatz zu einem Kernkraftwerk im Forschungsreaktor kein Druck und kaum Hitze. "Bei einem Stromausfall schaltet sich der Reaktor automatisch ab." Schon nach einer Minute seien die Brennstäbe ausreichend abgekühlt. Bei einem Flugzeugabsturz könnte der Ernstfall aber eintreten. Ist die Hülle des Reaktors massiv beschädigt, könnte der Kern schmelzen und eine Wolke radioaktiver Stoffe aufsteigen. Für diesen angeblich unwahrscheinlichen Fall hat das Institut mit den Behörden einen Katastrophenschutzplan erstellt. Er sieht unter anderem die Ausgabe von Jodtabletten vor.

"Die Bevölkerung wird in eine völlig unangebrachte Unruhe versetzt"

Regina Kneiding, Sprecherin der Senatsverwaltung für Umwelt