Familie Kübler

Potsdams Vierlinge auf dem Weg in die Grundschule

Franziska oder Charlotte, Alexander oder Johanna? Vor sechs Jahren standen Andreas und Josephine Kübler genau vor dieser Frage. Nicht vor der Frage, mit welchem Namen ihre Vierlinge künftig durchs Leben gehen könnten. Das Potsdamer Paar sollte entscheiden, welche zwei ihrer noch ungeborenen vier Kinder sterben sollen, welche überleben dürfen.

Alle drei von den Eheleuten konsultierten Berliner Ärzte rieten mit Blick auf die Anzahl der Ungeborenen und die 38 Lebensjahre der Mutter zum Fetozid, dem gezielten Abtöten von Föten im Mutterleib per Spritze durch die Bauchdecke. Andreas Kübler (46) fällt es bis heute schwer, den medizinischen Fachausdruck beherrscht über die Lippen zu bringen. "Am liebsten würde ich meine Viererbande ins Auto setzen und sie diesen Medizinern reihum vorstellen."

Dass Franziska, Johanna, Charlotte und Alexander sich am Montag erstmals auf den Weg zur nahe gelegenen Bruno-H.-Bürgel-Grundschule in Babelsberg machen können, haben sie vor allem der Courage ihrer Eltern zu verdanken. Die schlugen damals den Rat der Weißkittel in den Wind. "Meine Frau meinte, dass ihr Körper selbst wisse, was er sich zumuten kann", sagt Kübler. "Also ließen wir der Natur freien Lauf." Die meinte es gut. Im Februar 2005 kamen die Vierlinge in der 35. Woche per Kaiserschnitt gesund und jeweils fast zwei Kilogramm schwer in der Charité auf die Welt.

Dass Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) gelegentlich in Küblers kleinem Eigenheim mit Spielplatz vorbeischaut, im Garten Frisbee spielt und stets eine Kleinigkeit mitbringt, ist für die vier Kinder nichts Ungewöhnliches. Immerhin ist "Onkel Jann" ihr Patenonkel. Die Vierlingsgeburt war auch für die als familienfreundlich geltende Landeshauptstadt ein Novum. "Ich komme selbst aus einer Großfamilie, habe sieben Geschwister, vier eigene Kinder, mittlerweile vier Enkel. Ich weiß um die Freuden, aber auch die Nöte, die viele Köpfe mit sich bringen", sagt Jakobs.

Denn nicht nur das Quartett müssen Küblers versorgen, auch die zwei älteren Schwestern Beatrice (9) und Katharina (8) fordern ihre Rechte ein. Emotional wie finanziell. Für Kübler oft ein Balanceakt. Mit seinem Gehalt als Pressesprecher beim Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung muss der gebürtige Wuppertaler die achtköpfige Familie derzeit allein "durchbringen". Zwar würde Ehefrau Josephine gerne irgendwann wieder als Lehrerin arbeiten. "Doch in den nächsten zwei Jahren ist daran noch nicht zu denken." Sie wird daheim gebraucht, auch wenn die Kinder aus dem Gröbsten heraus sind.

Hilfe von Freunden und Tagesmutter

"Die ersten Monate nach der Geburt waren am härtesten", sagt Kübler. Ohne Hilfe von Freunden, der Haushaltshilfe von der Krankenkasse und der Tagespflegemutter vom Jugendamt sei der Alltag nicht organisierbar gewesen. "Im Vier-Stunden-Rhythmus haben wir die Vierlinge gefüttert. Unsere großen Töchter nicht zu vergessen, die ja noch Kleinkinder waren." Den Nachtdienst übernahm Kübler. "Meist bin ich völlig übermüdet zum Dienst gefahren. Obwohl ich reduziert gearbeitet habe, machte mein Körper nach drei Monaten Dauerstress schlapp", erinnert er sich. Die Stadt reagierte auf den Hilferuf, stellte für einige Zeit eine Krankenschwester im 24-Stunden-Takt bereit. Trotz allem stand das Paar mehrfach am Rande der völligen Erschöpfung. "Was uns immer wieder aufgebaut hat, war die freundliche, aber unaufdringliche Anteilnahme der Potsdamer." Ein Klingeln, ein Gruß und die Bemerkung, dass man Kinder oder Enkel im gleichen Alter habe - und Minuten später standen Etagenbetten, Laufräder oder ein Bollerwagen. Auch deshalb können sich der Westfale und die Berlinerin keine andere Heimat als Potsdam vorstellen. "Wenn ich mit meinen Kindern durch unsere Einkaufsstraße spaziere, können sie alle paar Meter an einem Spielgerät toben. Kein Verkäufer, der seine Stirn in Falten zieht, wenn ich mit Kindern das Geschäft betrete. Auch das Spektrum von Kitas und Schulen in privater Hand überzeugt mich", sagt Kübler. Der Pfarrer der Gemeinde habe die dritte Schwangerschaft Josephines mit den Worten "jetzt liegen sie hier endlich im Durchschnitt" kommentiert, erzählt Andreas Kübler. Stadtoberhaupt Jakobs nickt zustimmend. "Potsdam lebt von der Vielfalt der Generationen", weist er auf den Rang der Landeshauptstadt als der geburtenstärksten Stadt Brandenburgs. "Andernorts müssen Schulen geschlossen werden, bei uns werden sie gebaut." Auch wenn der Haushalt dadurch stark belastet werde: "Letztlich lebt eine Stadt durch ihren Nachwuchs."

Aufs Geld schauen müssen auch die Küblers. Bei jedem Frühstück werden zwei Packungen Toastbrot verputzt. Alle vier Tage ist ein Großeinkauf angesagt. Länger hält das Glas Marmelade bei sechs hungrigen Kindermündern eben nicht. "Freizeit findet nicht zuletzt aus finanziellen Gründen in unserem Garten statt", sagt Kübler. "Die Kosten für Kino-, Strandbad- oder Restaurantbesuch sind bei unserem Budget nicht drin." Zweisamkeit mit Josephine ist seit Jahren gestrichen. "In erster Linie sind wir Eltern."