Landgericht Potsdam

Entführer legt ein Geständnis ab

Carsten W. wirkt auch vor Gericht wie ein netter Familienvater: Untersetzt, mit einem rundem Gesicht und einem offenen Blick. Schwer vorstellbar also, dass dieser Mann am 10. Februar dieses Jahres mit einer Sturmmaske vermummt, in der Hand eine Sichel, ein vierjähriges Kind einfach an sich riss und es entführte.

Erst nach 13 Stunden ließ er die kleine Karolina wieder frei, nachdem er 60 000 Euro Lösegeld kassiert hatte. Wenig später wurde er von SEK-Beamten überwältigt.

Der 45-Jährige steht jetzt wegen erpresserischen Menschenraubes und schwerer räuberischer Erpressung vor dem Potsdamer Landgericht. Ihm drohen mindestens fünf Jahre Gefängnis.

Verteidiger Karsten Beckmann hat für diesen ersten Verhandlungstag keine Erklärung vorbereitet. Sein Mandant sei "intellektuell durchaus in der Lage, sich selbst zu äußern", sagte der Anwalt schon vor Prozessbeginn. Und Beckmann wusste, wovon er sprach. Selten spricht ein Gewaltverbrecher so klar und offen über seine Tat. Was schon nach wenigen Worten auffällt, ist die Emotionslosigkeit. Und das ganze von ihm geschilderte Geschehen ist verpackt in einer merkwürdigen, schwer nachvollziehbaren Freundlichkeit: Sie möchte sich doch bitte in dem Haus hinlegen, will er zu der Mutter des Kindes gesagt haben. Und auch zu dem entführten Kind will er stets nett und zuvorkommend gewesen sein.

Zu Beginn seiner Erklärung möchte Carsten W. "zunächst von den Umständen erzählen", in denen er sich damals befunden habe. "Ich will damit meine Tat aber nicht verharmlosen", sagt er. Carsten W. hat Jura studiert, fast 15 Jahre lang, hat dieses Studium nach dem ersten Staatsexamen abgebrochen und sich danach als Geschäftsmann ausprobiert. Zunächst war er Manager verschiedener Golfklubs. Anschließend versuchte er sich vergeblich im Tourismusmarketing. Und die quasi letzten Versuche waren dann ein Fachgeschäft für Tierfutternahrung und eine Confiserie in Zehlendorf. Beide Geschäfte warfen jedoch keinen Gewinn ab. Im Gegenteil, Carsten W. hatte am Ende überall Schulden: beim Vermieter, bei den Lieferanten und bei seiner geschiedenen Frau, unterm Strich rund 36 000 Euro. "Und dann stand am 11. Februar noch der erste Termin beim Gerichtsvollzieher an", sagt der Angeklagte. "Ich hatte keine Chance, aus den Schulden rauszukommen."

Eine Nachbarin sah den Überfall

Für das Gericht, das wird mehrfach deutlich, ist es jedoch auch heute noch rätselhaft, warum Carsten W. dafür eine Entführung wagte. "Sie sind doch Jurist, haben das erste Staatsexamen", sagt Richter Andreas Dielitz. "Sie haben doch gewusst, was Sie da vorhaben."

Dielitz wiederholt das ähnlich noch mehrfach an diesem ersten Verhandlungstag. Und Carsten W. zieht dann jedes Mal kleinlaut den Kopf ein, als sei er selber ratlos. Das steht im Widerspruch zu seinen nüchternen Schilderungen: Wie er das Haus der Familie K. in der Neubausiedlung von Kleinmachnow auswählte: "Es lag Spielzeug im Garten, und es standen zwei teure Autos davor." Wie er die Familie observierte: "Ich wusste, dass sie beide morgens gegen acht Uhr zur Arbeit fuhren." Wie er die Sichel als Waffe auswählte: "Ich brauchte etwas, mit dem ich den Vater des Kindes beeindrucken kann." Wie er am 10. Februar mit einem gemieteten Renault Clio, an den er gestohlene Nummernschilder eines tschechischen Diplomatenwagens klebte, in einer Nebenstraße stand und lauerte: "Ich dachte eigentlich, der Vater würde das Kind wegbringen." Und wie er seinen Überfall stur durchzog, obwohl ihn eine Nachbarin entdeckte und ihm drohend zurief: "Was machen Sie da? Ich hole jetzt die Polizei!"

Die kleine Karolina, behauptet Carsten W., habe anfangs auch alles mitgemacht. Sie sei in dem Renault Clio folgsam auf die Hinterbank geklettert. Zu weinen habe sie erst begonnen, "als wir an ihrem Kindergarten vorbeifuhren". Sie habe sich dann aber schnell wieder ablenken lassen. Er habe ein iPad dabeigehabt und ihr gezeigt, wie sie sich damit Märchen anschauen könne. Erst auf Nachfrage kommt zur Sprache, dass die Vierjährige dann noch öfter an diesem Tag geweint habe: weil sie müde war, weil es dunkel wurde, und weil sie zu ihren Eltern wollte.

"Haben Sie sich mal reinversetzt, wie sich so ein kleines Kind in so einer Situation fühlt? Entführt von einem maskierten Mann. Sie haben doch selbst drei Kinder", hält ihm Richter Dielitz vor. Der Angeklagte schüttelt den Kopf, antwortet selbstbewusst: "Da war ich hoffnungsfroh, dass ich das Kind beruhigen kann."

"Aber warum ausgerechnet eine Kindesentführung?", fragt eine sichtlich erregte Schöffin. "Sie hätten ja auch einen Supermarkt überfallen können oder eine Spielbank! Warum der eklatanteste Fall?" Wieder muss Carsten W. nicht lange überlegen. "Ich hatte das Gefühl, dass ich so aus der Sache rauskomme, ohne den Körper eines anderen verletzen zu müssen", sagt er. "Bei Überfällen auf einen Supermarkt oder eine Spielbank hätte ich die Waffe auch einsetzen müssen." "Und was hätten Sie getan, wenn Sie kein Geld bekommen hätten, gab es da irgendwelche Vorbereitungen?", insistiert die Schöffin. "Was hätten Sie gemacht, wenn das Kind ständig geschrien hätte?" Da ist zum ersten Mal Unsicherheit beim Angeklagten zu spüren. Es habe für so eine Situation "keine Gedanken gegeben", sagt er schließlich und ergänzt: "Und auch wenn es jetzt zynisch klingt, es war ja mit Karolina abgesprochen, dass ich sie abends auf jeden Fall wieder zu ihren Eltern bringe." Urteil am Freitag.