50 Jahre Mauerbau: 31. Juli 1961 - Hektische Suche

"Die Sowjets werden einen extremen Preis fordern"

| Lesedauer: 2 Minuten

Bricht bei Diplomaten im Sommer heftige Geschäftigkeit aus, so stehen meist wichtige Entscheidungen an. Am letzten Juli-Tag 1961, eigentlich hatten in Europas Hauptstädten die Sommerferien schon begonnen, berichtete der westdeutsche Botschafter in London Hans von Herwarth in einem verschlüsselten Telegramm ("für Herrn Bundesminister und für Herrn Staatssekretär, sofort auf den Tisch!") an das Auswärtige Amt über aktuelle Entwicklungen beim zweitgrößten Nato-Staat.

An eben diesem 31. Juli 1961 diskutierte das Unterhaus die politische Lage, und außerdem erfuhr der in der britischen Hauptstadt bestens vernetzte Botschafter viele wichtige Details über die Haltung der Regierung Ihrer Majestät.

Vor allem drei Punkte hob Lordsiegelbewahrer Edward Heath hervor: Das britische Volk müsse den Gegenstand und die Bedeutung der Auseinandersetzung mit dem Kommunismus um Deutschland und Berlin verstehen. Zugleich solle die britische Regierung jedoch ihre Verhandlungsbereitschaft klarstellen. Ziel müsse es sein, "einseitige Aktionen der Sowjets" zu verhindern sowie die Zugangsrechte des Westens nach Berlin als "Garantie der Freiheit der West-Berliner" zu schützen.

Fast zur selben Zeit schickte Llewellyn Thompson, US-Botschafter in Moskau und wohl bester Sowjet-Spezialist des State Departments, zwei lange Telegramme ("Secret! Limit Distribution!")nach Washington. Darin legte er detailliert dar, mit welchen Positionen die Sowjets wahrscheinlich in eventuelle Verhandlungen über Berlin gehen würden.

Am wichtigsten dürften ihnen Veränderungen in der gegenwärtigen Situation sein, denn die Fluchtwelle war zunehmend belastend für das SED-Regime und damit auch für seine sowjetische Stütze. Außerdem sei denkbar, dass die UdSSR eine Verringerung der alliierten Truppen fordern würde, ein Verbot bestimmter Waffen sowie die "Unterbindung von Spionage- und Propagandatätigkeit von West-Berlin" aus, also vor allem des Rias. Sicherlich auf die Tagesordnung bringen würden die Sowjets die Verbindungen zwischen der Bundesrepublik und West-Berlin und dabei fordern, dass ökonomische und politische Verschränkung reduziert würde.

Daneben dürfte die UdSSR zu erreichen versuchen, dass die Sicherheit ihres Blocks gesteigert werden könne. Dazu gehöre die Rüstungsbegrenzung für die westdeutsche Bundeswehr, denn, so Thompson, die Sowjets fürchteten tatsächlich einen Angriff. Ebenfalls in diese Kategorie zähle das Interesse, die gegenwärtigen Grenzen Deutschland völkerrechtlich zu bestätigen. "In dieser Frage haben die Sowjets die Absicherung ihrer eigenen Gebietszuwächse auf Kosten Deutschlands und Polens im Sinn."

In einem zweiten Telegramm, das unmittelbar danach abging, formulierte der Sowjetspezialist Empfehlungen für eine eventuelle Verhandlungsdelegation der USA. Von Überlegungen, eine ganz Berlin umfassende Lösung anzustreben, riet er ab: "Der Preis, den die Sowjets dafür fordern würden, wäre extrem hoch." Ohnehin würde jede Verhandlungslösung wohl die Mitgliedschaft der DDR und Berlins in den Vereinten Nationen umfassen müssen - und damit die Aufgabe einer zentralen US-Position, der zufolge die Existenz von getrennten deutschen Staaten unnatürlich sei.

( Zusammengestellt von Martin Gätke, Jana Kugoth und Sven Felix Kellerhoff )