Interview mit Jann Jakobs

"Es kommt Leben in die alte Mitte"

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Die Potsdamer Mitte wird in den nächsten Jahren neu gestaltet. Nicht nur der neue Landtag mit der Fassade des alten Stadtschlosses entsteht am Alten Markt, auch die Alte Fahrt wird neu bebaut. Über das neue alte Potsdam sprach Gudrun Mallwitz mit Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD).

Berliner Morgenpost: Herr Jakobs, mehr als 20 Jahre nach dem Ende der DDR geht es endlich voran in Potsdams Mitte. Wie soll das neue alte Potsdam aussehen?

Jann Jakobs: Unser Ziel ist die behutsame Annäherung an die historische Mitte. Ihr Zentrum wird der neue Landtag in der Kubatur und mit der Fassade des alten Knobelsdorffschen Stadtschlosses sein. Der Bau wird voraussichtlich im Frühjahr 2013 fertig. Spätestens 2014 sollte dann der DDR-Bau am Alten Markt, in dem derzeit noch die Fachhochschule und die Bibliothek untergebracht sind, abgerissen werden. Das unansehnliche Gebäude würde die Wirkung des Landtags-Schlosses erheblich beeinträchtigen.

Berliner Morgenpost: Und um das Schloss herum?

Jann Jakobs: Nach den Beschlüssen der Stadtverordneten ist an der Alten Fahrt entlang der künftigen Humboldt- und Brauerstraße ein sogenannter "Leitbau" vorgesehen: der Palast Barberini. Er soll an der Humboldtstraße mit dem fünfachsigen Mittelrisalit und seinen vierachsigen Flügelbauten möglichst originalgetreu wieder aufgebaut werden. Außerdem sind sieben weitere Leitfassaden in unserem Konzept definiert worden, darunter der einstige Palazzo Pompei und der Palazzo Chiericati und das Acht-Ecken-Haus an der Schwertfegerstraße. Hier soll jeweils das überkommene Fassadenbild rekonstruiert werden. An der hinter dem Palast Barberini beginnende Brauerstraße sind ebenfalls mehrere neue Gebäude geplant, allerdings ohne historische Vorgaben.

Berliner Morgenpost: Die Auswahlkommission hat bereits die sechs Sieger der Ausschreibung im Auftrag der Stadt gekürt. Vorgesehen ist ein Hotel im Palast Barberini, Einzelhandel und Büros im Palazzo Chiericati, ein Generationenhaus an der Brauerstraße, Musikerwohnungen im Acht-Ecken-Haus, Gastronomie und weitere Wohnungen.

Jann Jakobs: Fest steht: Es kommt wieder Leben in die alte Mitte Potsdams. Zu den Siegern will ich nichts sagen. Die Auswahlkommission hat sie in nichtöffentlicher Sitzung ermittelt. Wer vor dem Abschluss Informationen preisgibt, gefährdet das Vergabeverfahren. Der Sanierungsträger verhandelt nun mit dem jeweiligen Sieger über den Kaufvertrag.

Berliner Morgenpost: Was ist mit der Schloßstraße?

Jann Jakobs: An der Schloßstraße soll die neue Synagoge entstehen, doch die Pläne sind derzeit wegen der Streitigkeiten innerhalb der jüdischen Gemeinde auf Eis gelegt. Wir hatten auch das Quartier an der Friedrich-Ebert-Straße/Schloßstraße ausgeschrieben, den Verkauf der Grundstücke jedoch zurückgestellt. Die Auswahlkommission aus Stadtverordneten, Mitgliedern der Stadtverwaltung und Bau- und Denkmalschutzexperten fand die vorgelegten Entwürfe nicht überzeugend genug.

Berliner Morgenpost: Warum hat es zwei Jahrzehnte gedauert, bis sich in Potsdams Mitte etwas bewegt?

Jann Jakobs: Potsdam stand zunächst vor anderen wichtigen Aufgaben. Wir haben die barocke Innenstadt mit dem Holländischen Viertel saniert, es wurden neue Wohnviertel wie am Bornstedter Feld geschaffen. Der enorme Zuzug machte den Bau von weiteren Kitas und Schulen notwendig. Die Initialzündung für den Alten Markt gab der Landtag mit seinem Beschluss, dass dort das neue Parlamentsgebäude entstehen soll. Architekt Peter Kulka gelingt es, die historische Fassade des Stadtschlosses weitgehend wieder herzustellen und gleichzeitig die Funktionalität für einen Parlamentsbetrieb sicher zu garantieren. Er kämpft um jedes Detail.

Berliner Morgenpost: Nicht weit vom Alten Markt liegt der Brauhausberg - mit großen Potenzialen. Dort geht wegen der Bürgerproteste nichts voran.

Jann Jakobs: Nach dem vorgelegten Masterplan des Architekturbüros Krier und Kohl sollen an der Leipziger Straße, am Bahnhof und im Umfeld des Regierungsstandortes an der Heinrich-Mann-Allee 3500 Wohnungen für rund 7000 Menschen entstehen. Mit dem Verkaufserlös der Grundstücke wollen wir den geplanten Badneubau an der Biosphäre refinanzieren. Am Brauhausberg soll drei- bis vierstöckig gebaut werden, das ist durchaus vertretbar. Die Bebauung ist meines Erachtens nicht zu dicht und es sind auch Grünflächen vorgesehen. Der Entwurf ist mit der Denkmalpflege und mit den Plänen in der Speicherstadt behutsam abgestimmt. Ich kann die Bedenken der Initiative Pro Brauhausberg nicht ganz nachvollziehen. Wir haben aber noch Überzeugungsarbeit zu leisten.

Berliner Morgenpost: Die Speicherstadt an der Havel wird zum exklusiven Viertel mit 240 Wohnungen, im Karree zwischen Yorck-, Dortu-, Charlotten- und Wilhelm-Staab-Straße sollen ab nächstem Jahr 30 Stadthäuser entstehen. Wird bald die gesamte Potsdamer Innenstadt zur feinen Adresse?

Jann Jakobs: Die Nachfrage ist nach wie vor enorm. Dies treibt die Preise natürlich in die Höhe. Bekannte von mir, die wirklich gut verdienen, sagen: Für das wunderbare Häuschen in Potsdam-Babelsberg soll ich 800 000 Euro berappen, da ist ja Berlin günstiger. Zumindest in manchen Gegenden kann man in der Hauptstadt günstiger wohnen als in Potsdam. Das Problem ist der Wegfall der Wohnungsbauförderung. So kann kein neuer sozialgebundener Wohnungsbau entstehen. Über die Pro Potsdam, unsere städtische Wohnungsbaugesellschaft, subventionieren wir aber günstigen Wohnraum weiterhin. Sie will bis 2019 rund 1000 neue Wohnungen bauen. Die brauchen wir dringend: Potsdam hat inzwischen mehr als 155 000 Einwohner und wird weiter wachsen.

Berliner Morgenpost: Auf dem früheren Kasernen-Gelände in Krampnitz sollten in den nächsten Jahren ebenfalls Wohnungen in den alten Offiziershäusern entstehen. Bleibt die Stadt bei ihrem Ausstieg aus dem städtebaulichen Rahmenvertrag mit der TG Potsdam des Hannoveraner Anwalts?

Jann Jakobs: Ja. Die Unternehmensgruppe hat das Gelände unter noch ungeklärten Umständen vom Land erworben, und hat nicht den bonitätsstarken Hintergrund, den sie uns gegenüber dargestellt hat. Wir haben kein Vertrauen mehr in den Investor. Wir wollen, dass das Areal insgesamt entwickelt wird und sich ein Käufer nicht womöglich nur die Rosinen herauspickt. Ich habe große Zweifel daran, dass der städtebauliche Vertag unter wirksamen rechtlichen Voraussetzungen zustande kam.

Berliner Morgenpost: In Potsdam steht momentan die Villa Rumpf zum Verkauf. Wolfgang Joop will sich mit seinem Mode-Label Wunderkind vergrößern. Bietet sich für ihn in Potsdam eine Alternative? Oder müssen Sie ihn womöglich nach Berlin ziehen lassen?

Jann Jakobs: Wir sind im Kontakt. Und natürlich sehr daran interessiert, dass Wolfgang Joop mit Wunderkind in Potsdam bleibt.