Open-Air-Kino

Potsdam spielt die Hauptrolle

Die junge Effi Briest, wie sie nachdenklich durch einen Park spaziert - eine Sequenz aus der Neuverfilmung des Roman-Klassikers von Theodor Fontane. Die Bäume, unter denen die Hauptdarstellerin wandelt, säumen den Schlosspark in Marquardt. Denn Schlüsselszenen des Filmes aus dem Jahr 2009 sind in Schloss und Park Marquardt bei Potsdam gedreht.

Und genau dort wird der Film am 27. August auch laufen. Unter freiem Himmel, nach Einbruch der Dunkelheit.

Im Themenjahr "Potsdam - Stadt des Films" bereichern insgesamt fünf Filme, die an ihren Originaldrehorten in und um die Landeshauptstadt gezeigt werden, das Potsdamer Kino-Programm. Auf der Freundschaftsinsel, im Garten des "Waschhauses" an der Schiffbauergasse oder im Park von Sanssouci flimmern Filme über die Leinwand, aktuelle Blockbuster ebenso wie künstlerisch anspruchsvolle Autorenfilme. Auch Ausflüge in die Filmgeschichte können gemütlich vom Liegestuhl aus unternommen werden.

20 Prozent mehr Besucher

Die Freilichtsaison 2011 sei gut angelaufen, freut sich Thomas Bastian, Geschäftsführer des Babelsberger Thalia-Kinos. Seit Anfang Juni bereits wirft er allabendlich außer sonntags auf der Freundschaftsinsel den Projektor an. 60 bis 100 Filmfans machen es sich pro Film vor der Leinwand gemütlich. Ein guter Schnitt und rund 20 Prozent mehr Besucher als im Vorjahr, sagt Bastian. Auch wenn er die Zahlen nicht exakt mit denen von 2010 vergleichen kann. Denn wegen der Fußballweltmeisterschaft der Männer war das Inselkino im vergangenen Jahr erst Mitte Juli an den Start gegangen.

Auf die großen Filmhits, wie sie in Multiplex-Kinos zu sehen sind, hat Bastian weitgehend verzichtet. Das Thalia sei ein Programmkino, deswegen zeige man auch draußen eher Arthouse-Filme, wobei teilweise sogar die Filmemacher und Regisseure vor Ort sind. Außerdem könne man sich so deutlicher absetzen vom Open-Air-Angebot des Waschhauses. Dort lockt man die Potsdamer eher mit einem Mix aus großem Hollywood-Kino und erfolgreichen deutschen Produktionen in die Liegestühle und auf die Sitzinseln. "The King's Speech", das Drama um die Thronbesteigung des britischen Königs Georg VI., steht ebenso auf dem Programm wie das von Wim Wenders in Szene gesetzte Porträt der 2009 verstorbenen Tänzerin Pina Bausch. Einen Klassiker der Filmgeschichte zeigt das Waschhaus am 12. August: die 2010 restaurierte Fassung des 1927 in den Babelsberger UFA-Studios gedrehten Stummfilms "Metropolis" von Fritz Lang.

Drei Filme, die Kinogeschichte geschrieben haben, steuert die Produktionsgesellschaft UFA zwischen dem 1. und 3. September selbst zum Potsdamer Kinosommer unter freiem Himmel bei. Neben den Stummfilmen "Nosferatu" (uraufgeführt 1922) und "Der letzte Mann" (1924) wird bei den UFA-Filmnächsten im Schlosspark Sanssouci "Das Flötenkonzert von Sanssouci" (1930) zu sehen sein, einer der ersten Tonfilme. Zuvor beleuchten jeweils kurze Vorträge die filmhistorischen Hintergründe. Besonderer Leckerbissen: Die beiden Stummfilme wird das Filmorchester Babelsberg vor der Kulisse der Orangerie live begleiten.

Meilensteine der Filmgeschichte stehen auch beim Freilichtkino an Originalschauplätzen auf dem Programm. Beispielsweise "Die Legende von Paul und Paula". Eine Szene des 1973 gedrehten DEFA-Kultfilms von Heiner Carow mit Angelica Domröse und Winfried Glatzeder in den Hauptrollen entstand im Strandbad Babelsberg, wo der Streifen am 13. August zu sehen ist. Auch Drehorte wie die Glienicker Brücke und das Holländische Viertel dienen als Kulisse fürs Freilichtkino. Ebenso der Hof des Großen Waisenhauses in der Breiten Straße - "einer der schönsten und geschichtsträchtigsten Drehorte Potsdams", wie die Pressesprecherin der Potsdamer Stadtverwaltung Regina Thielemann meint. Im ehemaligen Militärwaisenhaus - unter anderem im Treppenhaus - spielen Szenen des 1931 gedrehten Films "Mädchen in Uniform". Gezeigt wird der Film am 10. September zum Abschluss der Drehort-Reihe.

Kino mit Konzert

Als Begleitprogramm bietet die Waisenhausstiftung eine Führung über das Gelände an. "Neben Informationen zur Geschichte der zweitältesten sozialen Einrichtung der Stadt wird ein Musikstück gespielt, das ein früherer Waisenhauszögling 1899 zum 175-jährigen Bestehen des Großen Waisenhauses komponiert hat", sagt Regina Thielemann. Ursprünglich für Klavier geschrieben, wurde es nun für sechs Bläser und Schlagzeug arrangiert. Vor der Filmvorführung wird es im Haupttreppenhaus von Musikern der Kammerakademie Potsdam und Schülern der städtischen Musikschule Potsdam "Johann Sebastian Bach" erstmals wieder aufgeführt.

Potsdams Sozialbeigeordnete Elona Müller-Preinesberger zeigte sich beeindruckt vom Filmprogramm an Originalschauplätzen. Besonders spannend finde sie, dass den Zuschauern vor Augen geführt werde, wie sich die Stadt seit den Dreharbeiten verändert hat. Beispielsweise das Umfeld der Schiffbauergasse: Heute ein Kulturstandort, ist das Gebiet in einigen Kameraeinstellungen in der "Legende von Paul und Paula" noch als Industrieareal verewigt. Gezielt habe man sich für Filme entschieden, die viel Potsdamer Atmosphäre ausstrahlen, sagt Sigrid Sommer, Leiterin des Stadtmarketings. Zugleich sollten sie einen Querschnitt der 100-jährigen Babelsberger Filmtradition bilden. Der Eintritt zur städtischen Open-Air-Reihe ist - im Gegensatz zu den anderen Filmveranstaltungen unter freiem Himmel - frei. Ermöglicht hat dies die Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) mit einer Finanzspritze von 10 000 Euro. Zum Portfolio der ILB gehöre auch die Förderung von Film- und Medienvorhaben, sagt Vorstandschef Klaus-Dieter Licht. Da habe eine Unterstützung "ganz nahe" gelegen.

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