Pflanzen

Die wachsende Gefahr

Die riesigen Pflanzen am Rande eines Maisfeldes nahe Heinersdorf (Landkreis Oder-Spree) sehen durchaus schön aus: die fächerförmigen Blätter ausladend, die hohen Blütenstängel bis zu zehn Zentimeter dick sowie zwei bis drei Meter hoch.

Obendrauf thronen bis zu 15 imposante, weiß blühende Dolden. Kein Wunder also, dass viele Kleingärtner sich den aus dem Kaukasus stammenden Riesen-Bärenklau in ihren Garten pflanzen - zur Zierde. Sie ahnen meist nicht, dass sie sich damit ein veritables Problem schaffen. Der Exot vermehrt sich schnell und verdrängt andere Pflanzen.

Bis zu 50 000 sich in alle Richtungen verstreuende Samen kann eine Blütendolde enthalten. Wo der Riesen-Bärenklau auftaucht, wächst sozusagen kurze Zeit später kein Gras mehr. Heimische Landschaften und Ökosysteme werden nachhaltig verändert. Und das ist nur das erste Problem. Denn der Saft der Doldengewächse, der bei Berührung sofort austritt, kann beim Menschen schwere Verbrennungen zweiten und dritten Grades verursachen, wie Matthias Freude, Präsident des Brandenburger Landesumweltamtes (LUA) bestätigt.

Schuld an den schmerzhaften Folgen ist das phototoxische Gift Kumarin im Pflanzensaft. Sobald Sonne auf die benetzte Haut strahlt, treten zunächst juckende Rötungen auf. Daraus werden großflächige Brandblasen, die nur ein Arzt fachgerecht behandeln kann. "Ich kenne Leute, die noch heute durch Narben an Armen und Beinen an ihre Begegnung mit dem Riesen-Bärenklau erinnert werden", sagt der Bürgermeister der Großgemeinde Steinhöfel, zu der auch Heinersdorf gehört, Wolfgang Funke.

Er kennt die Probleme mit der auch Herkules- oder Russenkraut genannten grünen Plage. Explosionsartig war der aggressive Exot seit der Wende in einigen Ortsteilen hochgeschossen, hatte vor allem stillgelegte Brachflächen und verlassene Grundstücke binnen weniger Jahre in üppige, grüne Dschungel verwandelt. Die anspruchslose Monster-Pflanze ist sozusagen eine DDR-Altlast. In den 60er-Jahren erstmals aus der Sowjetunion eingeführt, sollte sie im Auftrag des Institutes für Acker- und Pflanzenbau in Müncheberg als Futtermittel für Zuchtvieh kultiviert werden. In Heinersdorf und Bernburg (Sachsen-Anhalt) wurden Versuchsflächen angelegt, die Experimente aufgrund von unrentablen Ergebnissen nach einigen Jahren abgebrochen, die Felder umgepflügt. Die Folgewirkungen des sich weiter verbreitenden Samens hatte jedoch niemand bedacht. Erst, als Kinder schwere Verbrennungen beim Spielen in der Natur erlitten, wurde erkannt, welche Gefahr der Bärenklau darstellt.

Schutzkleidung und Motorsensen

Um der Pflanzen-Epidemie einigermaßen Herr zu werden, kämpfte alljährlich im Frühsommer ein vom Landkreis finanzierter ABM-Trupp mit Motorsensen und Ganzkörper-Schutzbekleidung gegen den alles verdrängenden Urwald. "Wir haben die Pflanzen zunächst mit Freischneidern gekappt und dann die Wurzeln mit dem Spaten ausgebuddelt", erinnert sich die Heinersdorferin Ingeburg Peters, die mehrere Jahre dabei war. Sie ist stolz auf das Geleistete, denn: "Wir haben verhindert, dass sich der Riesen-Bärenklau weiter ausbreiten konnte", sagt sie. Die ABM-Leute hätten die Population etwas eingedämmt, bestätigt LUA-Präsident Freude.

Umso trauriger macht es Peters und auch Bürgermeister Funke, dass diese kräftezehrende Arbeit letztlich umsonst war. Denn in diesem Jahr hat das Amt für Grundsicherung des Landkreises Oder-Spree dafür keine Mittel und Leute bereitgestellt. "Maßnahmen, die Dauercharakter haben, sind nicht unsere Aufgabe", begründet Behördenleiter Rolf Lindemann. Der Riesen-Bärenklau kann sich nun ungehindert ausbreiten. "Man kriegt den nicht mehr weg, das haben wir echt verpasst", sagt Freude und zieht den Vergleich zum Waschbären, der in Brandenburg bekanntlich zur Plage geworden ist. Bürgermeister Funke geht mit gutem Beispiel voran. Seinen Spaten hat er stets griffbereit, um Hand anzulegen, sobald er unterwegs eine der Pflanzen sieht.

Einmal hat er ein versteckt in einer Mulde liegendes "Feld" mit bis zu 32 000 Riesen-Bärenklau-Exemplaren entdeckt. "Das ist einfach zu viel. Ohne Hilfe kommen wir dagegen nur mit Freiwilligen nicht mehr an", sagt Funke resigniert. Zumal kaum jemand über entsprechende Schutzkleidung verfüge. Dass die geboten ist, wenn man sich Riesen-Bärenklau nähert, musste auch Karl Lohrbach erfahren. Der Platzwart des Heinersdorfer Sportplatzes hat sein Domizil mit Hilfe des örtlichen Fußballvereins gesäubert, die Pflanzen entfernt. "Dabei sickerte der Saft durch meine Arbeitshose und verbrannte mir den Oberschenkel."

Bürgermeister Funke sieht das Land in der Pflicht, etwas zu tun. Vorkommen gibt es inzwischen sowohl in Frankfurt als auch in der Uckermark, im Oderbruch, im Berliner Speckgürtel und im Naturpark Märkische Schweiz. "Hier tickt eine Zeitbombe, die Menschen krank macht, aber das Land Brandenburg sieht die Gefahr wohl erst, wenn etwas Schlimmes passiert", sagt der Bürgermeister.