Architektur

Wo das neue Potsdam wohnt

Als Friedrich Wilhelm I. im Jahr 1713 den Thron bestieg, fand der Soldatenkönig in Potsdam nur rund zweihundert mehr oder weniger bewohnbare Häuser vor. Doch allein die königliche Garde, die in Potsdam ihren Einzug hielt, zählte damals 1668 Mann.

So drastisch fällt das Verhältnis von Angebot und Bedarf in der heutigen Landeshauptstadt mit ihren mehr als 155 000 Einwohnern nicht mehr aus. Doch Wohnungen sind noch immer knapp - und das nicht nur im unteren und mittleren Preissegment. In direkter Wasserlage sind derzeit kaum mehr Villen im Angebot, weder am idyllischen Heiligen See noch am Griebnitzsee. So entstehen überall in der Stadt inzwischen neue exklusive Wohnquartiere. Die Berliner Morgenpost stellt einige der interessantesten Projekte vor.

Die historische Speicherstadt Nicht weit entfernt vom Hauptbahnhof und vom künftigen Landtags-Stadtschloss liegt die historische Speicherstadt - in traumhafter Lage an der Havel. Das 7,6 Hektar große Areal soll sich zu einem hochwertigen Stadtquartier entwickeln. Das Gebiet wird derzeit von Süden nach Norden erschlossen. Im Süden sollen die Arbeiten am Persius-Speicher mit rund 30 Wohnungen bis Ende des Jahres abgeschlossen werden. Der Investor, die "Prinz von Preußen Grundbesitz AG", hat bereits den Schinkel-Speicher und den Boelcke-Speicher saniert und zu hochwertigen Wohnanlagen umgebaut.

Im Februar ist André Prochnow in den Schinkel-Speicher eingezogen. Der gebürtige Potsdamer, dem das Finanzdienstleistungsunternehmen "Die Werteschöpfer" gehört, wohnte zuvor acht Jahre am Scharmützelsee in Bad Saarow. "Ich habe eine zentral gelegene Wohnung gesucht, in der ich meine Ruhe habe und in die mir keiner reingucken kann", sagt der 31-Jährige. Außerdem wollte er möglichst wieder am Wasser wohnen. Fündig wurde er in der historischen Speicherstadt. Seine Drei-Zimmer-Dachgeschoß-Wohnung hat 100 Quadratmeter. "Ich hatte es mir teurer vorgestellt", sagt André Prochnow. 10 Euro kalt bezahlt er für den Quadratmeter. Mit seiner Freundin Constanze Schirmer, einer Immobilenmaklerin, genießt er auf seiner Terrasse vor allem den wunderbaren Ausblick auf die Havel und auf die Halbinsel Hermannswerder.

Im mittleren Teil der Speicherstadt will die Berliner Groth-Gruppe weitere 270 Wohnungen mit 23 000 Quadratmetern Fläche schaffen. 80 Millionen Euro will Groth in das rund 11 350 Quadratmeter große Areal zwischen der Leipziger Straße und dem südlichen Havelufer investieren. Baubeginn soll im August sein, die ersten Mieter sollen im Frühjahr 2013 einziehen können. Für das gehobene Wohnen werden einerseits zehn neue Häuser mit vier bis sechs Geschossen errichtet, andererseits wird auf Bestehendes zurückgegriffen. So sollen zwei vorhandene, nicht unter Denkmalschutz stehende Speicher umgebaut werden. Deckenhöhen von mindestens 2,80 Metern, große Fenster, Balkone oder Terrassen sehen die vier beauftragten Architekturbüros vor. Geplant ist zudem eine Tiefgarage mit 190 Stellplätzen, von der aus Aufzüge die Bewohner zu ihren 60 bis 180 Quadratmeter großen Wohnungen bringen. Die Gestaltungspläne für die Speicherstadt will Klaus Groth, Geschäftsführender Gesellschafter der Groth-Gruppe, am Donnerstag mit Potsdams Baudezernenten Matthias Klipp vorstellen.

Stadthäuser in den Nikolaigärten Familien, die zentral wohnen, auf einen Garten aber nicht verzichten wollen, könnte das Projekt des Berliner Entwicklers und Bauträger Artprojekt interessieren: Er will in Potsdams historischer Stadtmitte ab Anfang nächsten Jahres 30 familiengerechte Townhouses errichten. Auf einem etwa 6000 Quadratmeter großen Areal zwischen Yorckstraße, Dortustraße, Charlottenstraße und Wilhelm-Staab-Straße soll das Quartier "Nikolaigärten" nach Plänen der Architekten Patzschke-Schwebel entstehen. Die Einfamilienhäuser mit fünf bis acht Zimmern und gehobener Ausstattung werden über Wohnflächen zwischen etwa 140 und 225 Quadratmeter verfügen; die hochwertig ausgestatteten Eigentumswohnungen haben 70 bis 180 Quadratmeter. Der Verkaufsstart für das weitgehend autofreie Quartier ist für September vorgesehen, wie Geschäftsführer Thomas Hölzel ankündigte. Die Wohnungspreise beginnen bei knapp 500 000 und enden bei maximal 700 000 Euro.

Wohnpark in der Jägervorstadt Ebenfalls für Familien konzipiert ist der Wohnpark in der teuren Jägervorstadt. Die Berliner Groth-Gruppe baut zwischen dem Voltaireweg und der Pappelallee für rund 30 Millionen Euro. Drei Stadtvillen und ein Torhaus mit 68 Wohnungen hat der Entwicklungs- und Immobiliendienstleister für künftige Mieter konzipiert. In vier weiteren Stadtvillen sollen auf dem rund 11 000 Quadratmeter großen Areal zudem 48 Eigentumswohnungen entstehen - eingebettet in das Ensemble der früheren kaiserlichen Kasernenanlagen. In den neuen Wohnungen werden die Räume bis zu drei Meter hoch sein. Außerdem sollen die Eigentumswohnungen mit Eichenparkett, großen Fenster, Fußbodenheizung und Balkonen ausgestattet sein. Es gibt Tiefgaragen und Fahrradkeller. Dies zeigt, welche Zielgruppe das Unternehmen ansprechen möchte: nicht die Luxus-, aber eine doch gut situierte Klientel. Wohnungen mit bis zu vier Zimmern und Penthäuser mit bis zu 140 Quadratmetern machen das Gros aus, im Angebot sind nur wenige kleinere Wohnungen mit zwei Zimmern und 40 Quadratmetern. Die Stadtvillen sind voraussichtlich im Sommer kommenden Jahres bezugsfertig.

Villenviertel in der Berliner Vorstadt Gleich hinter der Glienicker Brücke, ganz in der Nähe der Häuser von TV-Moderator Günther Jauch und Designer Wolfgang Joop, soll ein neues Wohnviertel die noble Berliner Vorstadt ergänzen. Der Berliner Unternehmer Lothar Oelrich plant zwischen der Berliner Straße und der Seestraße auf dem Gelände einer ehemaligen Gärtnerei 26 Villen. Fünf der exklusiven Häuser in feinster Lage stehen bereits, drei repräsentative Villen sind im Bau. 550 Euro kostet der Quadratmeter Bauland hier, die Grundstücke sind zwischen 840 und 1600 Quadratmeter groß. Oelrich ließ eigens die private Lenardo-da-Vinci-Straße bauen, die in das Wohnquartier führt. "Die Zufahrt soll mit Hilfe von Funkpollern nur den Anwohnern und ihren Gästen vorbehalten sein", sagt Oelrich. Die Potsdamer nennen das neue Viertel "Beverly Hills" - nach der kalifornischen Stadt der Reichen und Prominenten nahe Los Angeles. Vorne an der Berliner Straße wird Hochtief zwei Fünfgeschosser errichten.