Demonstration gegen Flugrouten

Friedrichshagen macht mobil

Rund 1500 Demonstranten haben in Friedrichshagen gegen die geplante Abflugroute vom künftigen Hauptstadtflughafen BER über den Müggelsee demonstriert. Aufgerufen zu dem "Montags-Konvent" hatte die Friedrichshagener Bürgerinitiative gegen neue Flugrouten.

"Wir fordern ein striktes Nachtflugverbot am BER von 22 bis 6 Uhr, den Verzicht auf den unabhängigen Parallelstart, und über das Drehkreuz am BER und die Route über den Müggelsee nachzudenken", sagte Franziska Borkenhagen vom Bündnis Südost. Bernd Ebert von der Friedrichshagener Bürgerinitiative nannte neben "der grundsätzlich falschen Standortwahl für den Flughafen den unabhängigen Parallelbetrieb als Wurzel allen Übels". Ebert rief die Anwesenden auf, mit Druck und kreativem zivilen Ungehorsam gegen die Nordkurve über den Müggelsee zu kämpfen. An die Regierungschefs Klaus Wowereit und Matthias Platzeck sowie die Spitzenkandidatin der Grünen, Renate Künast, richtete er den Appell, dem "Dilettantismus der Planer" ein Ende zu bereiten.

Der stellvertretende CDU-Fraktionschef Mario Czaja sprach den Demonstranten seine Solidarität aus. Entgegen der CDU-Linie sagte er, dass er das Flugroutenkonzept nicht für einen tragfähigen Kompromiss halte, wenn der Wannsee entlastet und der Müggelsee belastet werde. "Es ist für mich unvorstellbar, dass dieser See von Tieffliegern betroffen wird."

500 Menschen demonstrierten auch in Potsdam. Bewohner der Havelsee-Gemeinden protestierten vor der Staatskanzlei und am Fuße des Brauhausberges gegen die geplanten Anflugrouten Richtung Osten. In Spitzenzeiten sollen sich die Flugzeuge über Werder, Glindow, Michendorf und Brandenburg/Havel sortieren, um dann geordnet den BER anzufliegen.

Die Deutsche Flugsicherung hatte am 4. Juli das Flugroutenkonzept für den Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld vorgelegt. Die Abflugroute über den Müggelsee sieht bei Ostwind, der etwa an einem Drittel der Tage im Jahr herrscht, täglich 122 Flüge in einer Höhe von 1150 Meter über dem See vor. Die Flugsicherung begründet die Müggelsee-Route mit der Entlastung von Erkner, das bereits von anfliegenden Maschinen überflogen wird. Die Entlastung Erkners war eine der Forderungen der Fluglärmkommission.

Gleichzeitig wurde aber auch gegen den Überflug des Müggelsees votiert, sagte der Umweltstadtrat von Treptow-Köpenick, Michael Schneider (Linke). "Das ist mehrfach in den Protokollen der Fluglärmkommission vermerkt", so Schneider. "Wir sind ziemlich sauer, dass die Deutsche Flugsicherung dies nicht zur Kenntnis genommen hat." Die Flugsicherung hatte bereits bei der Präsentation der Routen angemerkt, dass es angesichts der unterschiedlichen Interessen widersprüchliche Forderungen aus der Fluglärmkommission gegeben habe. Der Bezirk Treptow-Köpenick lehnt die Route über den Müggelsee entschieden ab. Befürchtet wird "eine totale Abwertung der umliegenden Wohnquartiere und eines der größten Naherholungsgebiete Berlins". Bezirksbürgermeisterin Gabriele Schöttler (SPD) hat inzwischen einen Brief an das Bundesumweltamt geschrieben und darum gebeten, die Flugroutenvorschläge des Bezirks zu prüfen. Der Bezirk fordert, den sogenannten abhängigen Parallelstart - also den nicht zeitgleichen, sondern versetzten Start zweier Jets von beiden Startbahnen - zu prüfen. "Damit wäre es möglich, auch von der Nordbahn frühzeitig Richtung Süden zu schwenken", sagt Umweltstadtrat Schneider. Die Flughafengesellschaft macht den unabhängigen Parallelstart zur Bedingung, um die genehmigten Kapazitäten von 360 000 Flugbewegungen pro Jahr am BER auch abfertigen zu können. Um unabhängig parallel starten zu können, müssen aus Sicherheitsgründen die Abflugrouten von beiden Bahnen mindestens um 15 Grad voneinander abknicken. Dies wurde aber erst am 6. September vergangenen Jahres bekannt, als die Flugsicherung ihren ersten Flugroutenvorschlag vorlegte. Daraufhin brach eine Welle des Protestes los.

Bei der Demonstration in Potsdam übergab die Bürgerinitiative "Fluglärmfreie Havelseen" ein 100 Meter langes, bemaltes Band mit den "Horror-Flugrouten" an eine Vertreterin der Staatskanzlei. "Wir haben sie nicht bestellt und nehmen sie auch nicht an", sagte Grimme-Preisträger Thomas Freundner. Der "Tatort"-Regisseur wohnt in Caputh. Er forderte Ministerpräsident Platzeck auf, sich für die Havelsee-Region einzusetzen. Der Sprecher der Bürgerinitiative, Peter Kreilinger, warf Platzeck vor abzutauchen. "Sie müssen sich nicht im Kohlenkeller verstecken und auf die nächste Oderflut warten", sagte Kreilinger. "Sie müssen jetzt für ihre Landeskinder eintreten."

Unterdessen hat die Europäische Kommission Deutschland gerügt, entgegen einer EU-Richtlinie keine Lärmkarte für den Flughafen Schönefeld bis zum 30. Juni 2007 vorgelegt zu haben. Diese sind für EU-Mitgliedstaaten verbindlich, um Lärmgrenzwerte und Maßnahmen zur Reduzierung von Lärm aufzuzeigen. Deutschland hat jetzt laut Kommission eine solche Karte für Schönefeld bis zum 30. Juni 2012 zugesagt. Begründung: Gegenüber 2007 sei erst jetzt abzusehen, mit wie viel Flugbewegungen tatsächlich zu rechnen sei. Anlass der Rüge war eine Petition eines einzelnen Bürgers.

"Es geht nicht, dass Herr Platzeck sich im Keller verkriecht und dort auf die nächste Oderflut wartet"

Peter Kreilinger, Bürgerinitiative Fluglärmfreie Havelseen