Archäologie

Slawischer Friedhof entdeckt

Mit einem großen Zeichenbrett in der einen und einem Bleistift in der anderen Hand beugt sich Ralf Scherrer über das Skelett. Millimetergenau dokumentiert der archäologische Zeichner die Lage des Kopfes, des Brustkorbs und der Beckenknochen, die seine Kollegen mit Schaufel und Pinsel freigelegt haben.

Bei einer standardmäßigen Bodenuntersuchung für eine Baustelle in Ribbeck (Landkreis Havelland) haben die Forscher einen spektakulären Fund gemacht: Sie stießen auf einen slawischen Friedhof aus dem 11. bis 12. Jahrhundert nach Christus.

Mindestens 36 Skelette würden auf dem Gelände vermutet, sagt der für das Havelland zuständige Gebietsreferent des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege, Jens May. In dieser Größenordnung seien slawische Friedhöfe eine Seltenheit. Im ganzen Landkreis seien nur 250 Gräber dieser Art bekannt. Er ist sich sicher, dass der Friedhof auf eine slawische Siedlung in der Umgebung hindeutet. "Die muss hier irgendwo sein, wir wissen nur noch nicht wo", sagt May. In ein bis zwei Jahren sollen sie in der Dauerausstellung des Archäologischen Landesmuseums zu sehen sein.

Aufschlüsse über Lebensweise

Nun werden die Skelette erst einmal eines nach dem anderen freigelegt, abgezeichnet und dann in das Landesfundmagazin gebracht, damit auf dem Grundstück der Bau für einen Parkplatz entstehen kann. Weitere Untersuchungen der gut erhaltenen Knochen könnten dann Erkenntnisse über den Gesundheitszustand, die Ernährung und das Sterbealter der Mitglieder des Slawenstammes bringen, sagt der Brandenburger Landesarchäologe Franz Schopper. "Anhand der Zähne können wir zum Beispiel feststellen, wie sehr die Menschen damals unter Karies litten."

Schon jetzt, während die Knochen noch auf der Erde liegen, können die Experten aber einige Schlüsse ziehen. So wurde etwa eine Grabbeigabe in Form eines Tongefäßes gefunden, was für slawische Völker typisch war, wie Grabungsleiterin Diana Megel erklärt. Gleichzeitig liegen die Körper aber mit dem Kopf nach Westen, was wiederum ein Hinweis auf die schon einsetzende Christianisierung in der spätslawischen Zeit ist.

Noch einen weiteren Fund, der etwa 1000 Jahre älter als die Gräber ist, kann Megel präsentieren. Wenige Meter von dem Friedhof entfernt haben die Archäologen mehrere Schmelzöfen aus der frühen römischen Kaiserzeit entdeckt, also aus dem 1. und 2. Jahrhundert nach Christus. Sie stammen von Germanen, die in einfachen Erdlöchern Eisenerz erhitzten und dann weiterverarbeiteten.

2000 Jahre alte Schmelzöfen

Da die Öfen relativ klein waren - sie haben etwa den Durchmesser eines großen Kochtopfes - dienten sie wahrscheinlich dem Hausgebrauch, wie Jens May vermutet. Kleine Messer, Schnallen oder Schmuck könnten aus dem Eisen hergestellt worden sein. Auch mehrere Klumpen Schlacke haben die Archäologen ausgegraben. Diese sollen nun auf die Hochwertigkeit des Gesteins und den Gehalt an Eisenerz untersucht werden.

Der kleinste - aber mit Abstand älteste - Fund auf dem Gelände ist eine Bronze-Nadel. "Da bekomme ich leuchtende Augen", sagt Bronzezeit-Experte Schopper. Die lange Nadel mit dem fünfmarkstückgroßen Teller am Ende stamme aus dem 13. bis 11. Jahrhundert vor Christus und habe den Menschen damals gedient, ihre Kleidung zusammenzustecken. Er gehe davon aus, dass es sich bei dem Stück um das westlichste Exemplar der sonst hauptsächlich in Polen bekannten Nadelvariante handele, sagt Schopper. "Die schafft es sogar ins Landesmuseum."