Oh-Ton-Festival

Schwimmende Hörstationen

Piteraq hieß der gewaltige Sturm, der in den 70er-Jahren so heftig an der Ostküste Grönlands wütete, dass der kleine Ort Tasiilaq beinahe für immer von der Landkarte verschwunden wäre. Schwankende Planken sind auf den Huckleberry-Finn-Flößen glücklicherweise nicht zu erwarten, die beim Potsdamer Oh-Ton-Festival als sogenannte Hörboote im Einsatz sind.

Das heißt: Die Passagiere schippern über den Tiefen See, während sie der Radio-Dokumentation über Piteraq und die haushohen Wellen vor Tasiilaq lauschen. Und das sogar in der grönländischen Originalfassung. Radio-Produktionen aus Nordeuropa und Features, die sich nordischen Themen widmen, bilden einen der Schwerpunkte beim Oh-Ton-Festival, das von Freitag bis Sonntag zum zweiten Mal in der Schiffbauergasse in Potsdam ausgerichtet wird.

"Wir haben nach besonderen Orten gesucht, an denen wir Einblicke ermöglichen wollen in die Vielfalt der Radio-Landschaft verschiedener Jahrzehnte", sagt Dörte Fiedler. Sie ist die Initiatorin und Leiterin des deutschlandweit einzigen Festivals für Radio-Features, akustische Dokumentationen und Klangerlebnisse. "Man hört ein Feature auf einem Boot einfach anders als am Küchenradio", begründet sie die Wahl der schwimmenden Hörstationen. Doch nicht nur zu Wasser kann man lauschen: Auch der Garten der "Fabrik" in der Schiffbauergasse verwandelt sich in eine klingende Landschaft, ebenso Saal und "Wohnzimmer" der Einrichtung. Ursprünglich wollte Dörte Fiedler das Festival gern in einem verlassenen Wasserspeicher oder rund um eine alte Kaserne steigen lassen. "Dafür fehlte aber das Geld." Weil ihr auch die Flöße gefielen, die an der Marina am Ufer des Tiefen Sees stationiert sind, kam die Kooperation mit der Fabrik zustande.

Die Idee zum Festival, das 2009 zum ersten Mal stattfand, entstand, als Dörte Fiedler im Studiengang Kulturarbeit der Potsdamer Fachhochschule ihre Diplomarbeit über das Genre des Radio-Features schrieb. Ihr Professor sei von ihren Beispielen begeistert gewesen, erzählt die heute als freie Radio-Autorin in Berlin lebende Festival-Chefin. Das seien Sendungen, die man mal bei einem Hörfest vorstellen müsse, hatte der Dozent gefunden. Denn Dörte Fiedler hatte Beiträge ausgewählt, die aus dem Rahmen fielen. Und solche haben sie und ihre sechs Mitstreiter aus dem Planungsteam, allesamt Studierende des Faches Kulturarbeit, auch für das zweite Oh-Ton-Festival ausgewählt. "Die Vielfalt des Genres zu zeigen, dem üblicherweise der Stempel 'ernst' aufgedrückt wird, und Menschen, die sonst eher selten Features hören, dafür zu begeistern", macht dabei für Dörte Fiedler den Reiz aus. "Es gibt massenhaft Features, die sich mit Unfall, Krankheit, Tod beschäftigen", sagt die 32-Jährige. "Aber über solche deprimierenden Themen mag man doch nichts hören, wenn man am Wasser in der Sonne sitzt."

Also galt es, Fröhlicheres zu finden. Mehr als 300 Sendungen haben Fiedler und ihre Mitstreiter gehört, bevor sie 50 davon fürs Festival ausgewählt haben. Die Archive diverser Rundfunkanstalten haben sie seit Mai vorigen Jahres durchstöbert, waren beim Deutschlandradio, beim Rundfunk Berlin-Brandenburg und sogar beim Südwestrundfunk in Baden-Baden. Eine mühsame Arbeit. "Oft wussten wir gar nicht, nach was wir überhaupt suchen sollten." Vielfach sei sie Empfehlungen nachgegangen oder habe "einfach nach dem Chaosprinzip recherchiert". So ist sie auf Radio-Beiträge wie das "Manifest der Komischen Musik" gestoßen, dessen Autor Frieder Butzmann sich selbst als erfolgreichen Krachmacher bezeichnet. Oder auf das fast einstündige Feature "Amore Pattex", in dem Andreas Fischer kommentarlos, aber nicht humorlos Menschen erzählen lässt, warum sie Jahre nach der Trennung noch immer nicht von ihrer großen Liebe loskommen.

Berlin 1972 als Klangbild

Der Programmschwerpunkt "Nordlicht" habe sich eher zufällig ergeben, sagt Dörte Fiedler. "Wir haben bei der Recherche festgestellt, wie viele Features es zu nordischen Themen gibt." Die werden bewusst in den jeweiligen Originalsprachen gespielt - mit schriftlichen Übersetzungen. Schließlich geht es um authentische Klangerlebnisse.

Der zweite Schwerpunkt lautet "Stadtklang". "So kann man auditiv Stadträume erkunden, kann durch Krakau, New York oder Prag wandern", sagt Fiedler. Oder durch das Berlin des Jahres 1972. Zudem stellen im Fabrik-Wohnzimmer Autoren ihre Lieblingsstücke vor, am runden Tisch kann über die Möglichkeiten der akustischen Dokumentation diskutiert werden. Und es werden die besten Beiträge des Wettbewerbs "Oh-Ton-Jagd" zu hören sein, dessen Teilnehmer auf die Pirsch nach O-Tönen gegangen sind - bei Nachbarn, Freunden oder auf der Straße.