Schönower Heide

Hirsche und Mufflons fressen für den Naturschutz

Harry bleibt gelassen. Nicht die Autos, nicht die Menschen, nicht einmal die Fotografen bringen ihn aus der Ruhe an diesem sonnigen Sommertag. Im Schatten der Birken liegt Harry, der Damhirsch, und guckt sich den Auftrieb an. Erst als ihm die Männer mit den langen Teleobjektiven zu nahe auf den gefleckten Pelz rücken, macht er sich davon, blickt noch einmal zurück, das Geweih hoch erhoben - und verschwindet im Dickicht.

Harry war der erste in seinem Revier. Seit zwei Jahren lebt er im Naturschutzgebiet Schönower Heide, gleich hinter der Berliner Stadtgrenze. Es folgte sein Harem aus Damkühen, dann kamen die Rothirsche und Wildschafe. Seit diesem Mittwoch ist der Bestand komplett. Etwa 60 Stück Rotwild, Damwild und Muffelwild teilen sich das eingezäunte Areal des ehemaligen Truppenübungsplatzes, wo bis 1993 noch russische Panzer den Boden aufwühlten.

Durch die jahrzehntelange militärische Nutzung - schon die Truppen des deutschen Kaisers übten den Krieg am Berliner Stadtrand - ist aus dem ehemaligen Waldgebiet eine seltene Heidelandschaft geworden. Im September blüht die Erika, jetzt im Frühsommer der blaue Natternkopf und die gelbe Nachtkerze. Besenheide, Silbergraswiesen, Sanddünen und Kiefernwäldchen bieten Raubwürger, Ziegenmelker und Wiedehopf ebenso einen Lebensraum wie Eidechsen und Nattern. Seltene Pflanzen gedeihen, seltene Insekten wie die Blauflügelige Ödlandschrecke schwirren und krabbeln. Und damit das alles so bleibt, sind Harry der Damhirsch und die anderen Wildtiere da.

Ihre Aufgabe: Fressen für den Naturschutz. Ohne die Tiere würden sich vor allem Zitterpappeln, aber auch Birken und Kiefern schnell ausbreiten. Aus der Heide würde nach und nach wieder ein brandenburgischer Wald. Um den Lebensraum zu erhalten, hatte Revierförster Ingmar Preuße die Idee mit den Hirschen und Wildschafen. Sie fressen die jungen Sprösslinge der Bäume, "fegen" mit Geweihen und Hörnern, trampeln mit den Hufen und halten damit die Heide- und Trockengrasflächen frei.

Damit das funktioniert, haben die Förster das genaue Gegenteil dessen getan, was die Waldwirtschaft erfordert - sie haben für eine Überbevölkerung gesorgt. Im Wald gelte ein Rothirsch auf 100 Hektar schon als Obergrenze, sagt Preuße. Hier teilen sich 60 Hirsche und Mufflons eine Fläche von 140 Hektar - das entspricht der Größe von 200 Fußballfeldern.

Wissenschaftliche Begleitung

Erfahrungen mit dieser Art der Wildtierbeweidung sind rar. Auch deswegen wird das Projekt in den kommenden vier Jahren noch wissenschaftlich begleitet vom Berliner Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) und der FH Eberswalde. Einige Überraschungen gab es schon. So erwiesen sich die ausgesetzten Wildschafe aus dem Berliner Tierpark - eigentlich an Publikum gewöhnt - schon schnell als wilder als erwartet. Tagsüber lassen sie sich seitdem kaum sehen.

Größer sind die Chancen für Besucher, auf dem Rundweg um das Gelände Hirsche zu sehen - vor allem das gefleckte Damwild. Scheuer sind die Rothirsche, vor allem in dieser Jahreszeit, wenn die Kälber gerade zur Welt gekommen sind. Doch an diesem Mittwoch lassen auch sie sich sehen. Im Espendickicht beobachten zwei Kühe wachsam die Besucher. Kurz darauf prescht eine dreiköpfige Gruppe durch die Heide, bevor sie zwischen den Kiefern verschwindet.

Es sind Augenblicke wie diese, die den zweiten Zweck des Projekts erfüllen. Neben dem Erhalt der Landschaft soll die Schönower Heide auch ein Stück erlebbare Wildnis am Rand der Stadt sein. Vom Aussichtsturm lässt sich ein großer Teil der freien Fläche überblicken. An zwei Rundwegen (1,6 und fünf Kilometer lang) informieren Hinweistafeln über die Geschichte des Geländes, den Lebensraum Heide, Flora, Fauna, das Projekt Wildtierbeweidung und seine Protagonisten, die Mufflons, Dam- und Rothirsche.

Bis das alles realisiert werden konnte, vergingen viele Jahre. 1994 fiel die Schönower Heide nach dem Abzug der Truppen zurück an die Berliner Forsten. Etwa eine Million Euro sind seitdem in die Heide geflossen, 300 000 davon für die Umsetzung des Wildtierprojektes - gefördert unter anderem vom Naturschutzfonds Brandenburg. Munitionsreste, Gebäude und Betonpisten wurden geräumt, im Jahr 2000 weideten bereits Schafe auf dem Areal. Im gleichen Jahr wurde die Heide zum Naturschutzgebiet. 2008 entstand die Idee, Hirsche und Wildschafe als Landschaftspfleger einzusetzen. 2009 kam Harry.

Wie es weitergeht? Auf etwas mehr als 100 Tiere, so schätzen die Förster, könnte der Bestand wachsen, ohne dass die Nahrung knapp wird. Für den Nachwuchs sollen die Bewohner künftig selber sorgen. Im Herbst - so hoffen die Förster - wird sich in der Heide ein imposantes Schauspiel bestenfalls aus nächster Nähe beobachten lassen: die Brunft der Hirsche.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.stadtentwicklung.berlin.de/forsten/schoenower_heide/