Sonderkommission

76 Spezialisten auf der Jagd nach den Autodieben

Ein sogenanntes Diagnosegerät ist zweifellos eine praktische Sache. Autowerkstätten nutzen die teueren Hightech-Computer in Laptop-Form, um die heutzutage hochkomplizierte Fahrzeugelektronik einzusehen und eventuelle Fehler zu entdecken. Diagnosegeräte sind allerdings auch dazu geeignet, an Wagen zu manipulieren, sie beispielsweise ohne Zündschlüssel zu starten oder Wegfahrsperren auszuschalten. Das macht sie begehrt bei Autodieben.

Gleich vier davon hatten zwei Polen im Auto, als sie von Ermittlern der Polizei-Sonderkommission "Grenze" auf der Autobahn 13 kontrolliert wurden. "Das waren keine Geräte Marke ,Eigenbau', wie wir sie schon oft gesehen haben, sondern professionelle, die nur aus Autowerkstätten stammen können", erzählt Soko-Vizechef Gerd Otter. Die wegen KfZ-Delikten bereits vorbestraften Männer sitzen in Untersuchungshaft, die Ermittlungen laufen noch. Doch Otter ist sich schon jetzt sicher, dass der Polizei im Kampf gegen Autodiebe ein großer Erfolg gelungen ist. "Die beiden sind keine kleinen Auto-Kuriere, wie wir sie sonst meist erwischen, sondern in der Bandenhierarchie weitaus höher gestellt", sagte der Soko-Vizechef.

Ein Erfolg der seit dem Herbst vergangenen Jahres bestehenden Soko, die zunächst ausschließlich für die Brandenburger Grenzregion zuständig war, im Zuge der Polizeireform inzwischen aber mit 76 Spezialisten im ganzen Land unterwegs ist. Schienen die Ermittler angesichts unaufhaltsam steigender Diebstahlszahlen in dem von internationalen Banden bestimmten Geschäft mit geklauten Wagen zunächst ohne Wirkung zu agieren, so gibt es inzwischen Anzeichen für eine bevorstehende Trendwende - vor allem in Frankfurt. Nirgendwo in Brandenburg wurden mehr Fahrzeuge entwendet, allein im vergangenen Jahr waren es 309. Durchschnittlich verschwanden in Frankfurt somit pro Tag drei Wagen. "Im Mai hatten wir nicht einen einzigen Fall", konstatiert Otter. Auch im angrenzenden Schutzbereich Oder-Spree sei die Zahl der Autodiebstähle ungewöhnlich niedrig gewesen, es habe also keinen Verdrängungseffekt gegeben. Warum - darüber gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse. Laut Polizeiangaben waren vor einiger Zeit mehrere mutmaßliche polnische Autodiebe verhaftet worden, sie saßen wochenlang in U-Haft. "Ab da war Ruhe auf Frankfurts Straßen und Parkplätzen", konstatiert der Soko-Vizechef, der sich sicher ist, die Richtigen erwischt zu haben.

Der professionelle Autoklau läuft seinen Angaben nach ausschließlich über Banden, die wie eine Firma aufgebaut sind: Es gibt die eigentlichen Diebe, die binnen einer halben Minute ein Fahrzeug geknackt haben, dann die Kuriere, die die gestohlenen Wagen über die Grenze bringen, die "Piloten", die das Terrain im Vorfeld auskundschaften und schließlich jene "Schrauber", die die Hehlerware "umfrisieren" - inklusive neuer Papiere und Fahrgestellnummer. Die Banden haben sich laut Otter das Aktionsgebiet aufgeteilt. "Die agieren in ihrem jeweiligen Gebiet, pfuschen sich nicht gegenseitig ins Handwerk." Wird ein Gebiet allerdings "frei", da eine Bande zerschlagen oder in ihrem Agieren eingeschränkt wurde, ist die Konkurrenz seinen Angaben nach schnell zur Stelle und "übernimmt" die Region. So ist wohl zu erklären, dass es inzwischen wieder Autodiebstähle in Frankfurt gibt - wenn auch auf sehr niedrigem Niveau. Die zunächst festgenommenen polnischen Bandenmitglieder sind inzwischen wieder auf freiem Fuß. Die Ermittler erhoffen sich durch sie einen Zugang zu den Hintermännern der Banden. "Sie sind also nicht weg oder tatsächlich untergetaucht", meint Otter vielsagend. Auf "Ermittlungsebene" sei die Kooperation mit den polnischen Kollegen da bereits recht gut. "Wir stimmen Einsätze im Grenzgebiet ab, kontrollieren zur selben Zeit beispielsweise an den Frankfurter Zufahrts- und den Slubicer Ausfallstraßen." Beispielhaft sei die Zusammenarbeit im Fall einer sogenannten Schrauberwerkstatt in Zielona Gora gewesen. "Dort wurden in ganz Deutschland gestohlene Luxuswagen zerlegt, um sie in Einzelteilen weiterzuverkaufen." Neben Nobelkarossen stehen bei den Dieben nach wie vor alle deutschen Automarken hoch im Kurs.

Die Mehrheit der Diebesbanden besteht aus polnischen Kriminellen, allein 165 Tatverdächtige aus dem Nachbarland konnte die Soko in diesem Jahr schon dingfest machen. Zunehmend steigen laut Otter aber auch Litauer in das lukrative Geschäft ein, 49 mutmaßliche Fahrzeugdiebe dieser Nationalität gingen seit Januar ins Netz.

Die rückläufigen Zahlen in Frankfurt sind auch eine Folge der "Aufrüstung" von Fahrzeugen. Autobesitzer beugen vor, mit der guten alten Lenkradkralle, die allmählich wieder in Mode kommt, wie Verkäufer von Autozubehör bestätigen. Zu Recht, sagt Soko-Vizechef Otter. Lenkradkrallen der neuen Generation aber - mit im Ernstfall lärmendem Bewegungsmelder versehen - sind nicht so einfach zu entfernen, es dauert auf jeden Fall länger. Und das schreckt Autoknacker ab. Denn: "Alles, was Zeit in Anspruch nimmt, erhöht das Entdeckungsrisiko."

Ein weiteres wirksames Mittel zum Schutz des eigenen Wagens ist seinen Angaben nach ein versteckt angebrachter Stromunterbrechungsschalter. Schon mehrfach konnten dadurch Diebstähle verhindert werden. Eine weitere Abschreckung für Diebe ist die künstliche DNA - Frankfurter Autobesitzer erhielten in einem Brandenburger Pilotprojekt eine fluoreszierende Flüssigkeit, bei der jede Portion so einzigartig zusammengesetzt ist wie das menschliche Erbgut (DNA). Das Auto wird damit markiert und kann jederzeit seinem Besitzer zugeordnet werden.

Trotz der positiven Entwicklung in Frankfurt boomt der grenzüberschreitende Autoklau. In den ersten vier Monaten dieses Jahres wurden in ganz Brandenburg 456 Autos gestohlen, im Vergleichszeitraum 2010 waren es 424.

"Wir stimmen Einsätze im Grenzgebiet ab"

Gerd Otter, Soko-Vizechef