Sachsenhausen

Dürfen KZ-Gedenkstätten Eintritt nehmen?

Die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen erhebt von Reisegruppen, die von kommerziellen Anbietern in die Gedenkstätte gebracht werden, ein Eintrittsgeld von einem Euro pro Besucher. Zudem müssen kommerziell arbeitende Reiseführer jetzt ein jährlich zu erneuerndes, kostenpflichtiges Zertifikat durch eine verpflichtende zweitägige Schulung erwerben.

Damit wird erstmals - wenn auch für den geringeren Teil der Besucher - der Besuch einer KZ-Gedenkstätte kostenpflichtig. Die erst jetzt bekannt gewordene Regelung gilt bereits seit 1. Juni und sorgt nun für Irritationen. Eintritt für eine KZ-Gedenkstätte zu nehmen sei "grundsätzlich falsch", sagte der Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Dieter Graumann, der "Süddeutschen Zeitung".

Stiftungsgremien stimmten zu

Der Direktor der Stiftung Brandenburgischen Gedenkstätten, Günter Morsch, verteidigte die Regelung: "Der Eintritt zu unseren Gedenkstätten ist und bleibt frei." Es gehe bei der Ein-Euro-Neuregelung lediglich um den Versuch, kommerziell geführte Reisegruppen an "den Kosten für Pflege und Erhaltung der Gedenkstätte" zu beteiligen.

Es handele sich auch nicht um eine überraschend eingeführte Regelung, sondern um eine über mehr als anderthalb Jahre hinweg in den Gremien der Stiftung beratene und engagiert diskutierte Neuerung, die am 13. Januar 2011 beschlossen wurde. Sowohl der Internationale Häftlingsbeirat als auch der Wissenschaftliche Beirat hätten dem Vorhaben einstimmig zugestimmt. Wegen der Vertraulichkeit darf Morsch allerdings die Protokolle der Sitzungen nicht vorlegen. In den Gremien sitzen neben Vertretern des Zentralrates der Juden auch mehrere Repräsentanten des Bundes und der Länder Berlin und Brandenburg als der Träger der Stiftung.

Ausschließlich kommerzielle, geführte Reisegruppen sind von der Regelegung betroffen - Einzelbesucher, Gruppen unter der Führung von ehrenamtlich tätigen Personen sowie alle Schulklassen bleiben von dem Kostenbeitrag ausgenommen. Hintergrund der Neuregelung ist neben den ständig steigenden Fixkosten, dass kommerzielle Anbieter von historischen Stadttouren in die Lücke gestoßen sind, die bei der Gedenkstätte durch zu knappe Etats für pädagogische Mitarbeiter entstanden war. Vor zwei Jahren musste die Stiftung jede zweite Anfrage nach einer kompetenten Führung ablehnen; heute, nach einer leichten Erhöhung des Etats, können immer noch 30 Prozent der wissenschaftlich verlässlichen Touren nicht erbracht werden.

Die kommerziellen Anbieter nehmen stets das Mehrfache der Führungsgebühren der Gedenkstätte, die bei Gruppen von bis 15 Personen bei 15 Euro liegen, bei den maximal zulässigen doppelt so großen Gruppen bei 25 Euro. Führungen in anderen Sprachen werden von der Stiftung mit 25 Euro zusätzlich pauschal berechnet. Kommerzielle Stadtführer dagegen berechnen oft anteilig acht oder mehr Euro pro Person für Führungen durch KZ-Gedenkstätten.

Auch die nun als Voraussetzung für kommerzielle Touren verlangte Seminarteilnahme ist nicht ungewöhnlich. Die zweitägigen Schulungen, die 2011 für die sieben Monate seit 1. Juni 43,75 Euro kosten, im kommenden Jahr 75 Euro, dienten der Qualitätssicherung, teilte die Stiftung mit. Man habe es immer wieder erlebt, dass sich Gedenkstättenbesucher beschwerten, weil von Touristenführern beispielsweise das sowjetische Internierungslager Sachsenhausen von 1945 bis 1950 verschwiegen werde oder aus dem Nazi-KZ, dem mehrere Zehntausend Menschen zum Opfer fielen, ein Vernichtungslager in der Art von Auschwitz-Birkenau machten. Für eine Prüfung am Ende der Schulungen, die in den vergangenen zwei Jahren schon über 230 Fremdenführer durchlaufen haben, verfüge die Stiftung aber nicht über die notwendigen Kapazitäten - schon gar nicht in zehn Sprachen.

Eher eine Formalie ist dagegen, dass die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten nicht von einem Euro "Eintritt" spricht, sondern feststellt, die kommerziellen Reiseführer sollten von ihren Einnahmen pro Teilnehmer "einen Euro abführen". In jedem Fall, so Günter Morsch, sollen die so eingenommenen Gelder zweckgebunden genutzt werden: "Das Geld wird in den Ausbau unserer eigenen pädagogischen Angebote gesteckt." Dadurch solle vor allem die Betreuung von Schulklassen verbessert werden.

Kostenbeiträge bei Gedenkstätten

Andere Gedenkstätten nehmen teilweise deutlich höhere Gebühren für Führungen. Die meist von ehemaligen Häftlingen durchgeführten Führungen in der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen zum Beispiel kosten in jedem Fall zwischen einem und fünf Euro Gebühr. Ohne Führung ist der Besuch gegenwärtig gar nicht möglich. Ähnlich ist es in anderen Gedenkstätten wie dem sächsischen Stasi-Gefängnis Bautzen II.

Schon bei der Einführung der Neuregelung hatten Stiftungs-Chef Günter Morsch und seine Mitarbeiter vorsichtshalber um Verständnis gebeten, falls "gerade am Anfang nicht alles reibungslos funktioniert und es beim Anmeldevorgang möglicherweise zu Verzögerungen" kommt.